Stefan Dräger, Drägerwerk AG, Lübeck

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Stefan Dräger und das Unternehmen Dräger – Technik für das Leben

Seit über 120 Jahren entwickelt, produziert und vertreibt das Familienunternehmen aus Lübeck erstklassige Medizin- und Sicherheitstechnik

Der Unternehmer

Seit über einem Jahrhundert dreht sich bei Drägers alles um das Leben – vielmehr darum, es zu schützen, unterstützen und zu retten: 1907 macht der tragbare „Pulmotor" der Hanseaten erstmals die Wiederbelebung von Unfallopfern möglich, in den Fünfzigern ist es ihre Technik, die Edmund Hillary und Tenzing Norgay auf über 8000 Metern mit Sauerstoff versorgt, auch Ulf Merbold begleiten sie mit ihrer Technik als ersten Deutschen ins All, und selbst in der Politik bestimmen sie über das Elixier des Lebens: Seit 1999 kontrollieren Sensoren aus ihrem Werk die Luft der Parlamentarier im Reichstag, um im Falle von Gas Alarm zu schlagen. Von Stunde Null an sind Drägers Pioniere in der Dosierung von Gasen, inzwischen in über 190 Ländern der Erde. Stefan Dräger ist seit 2005 an der Spitze des Unternehmens. „Als Familienunternehmen haben wir vor allen Dingen ein Ziel: das qualifizierte Überleben. Das heißt für mich, ich möchte dereinst, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, das Unternehmen in einem noch besseren Zustand an die weitergeben, die nach mir kommen."

Die Thronfolger-Regelung der Drägers legt alle Macht in die Hand des einen: Als Vorstandsvorsitzender führt Stefan Dräger das Familienunternehmen und kontrolliert zudem 72 Prozent der stimmberechtigen Stammaktien der Familie und 100% des Komplementärs der KGaA, der deren Vorstände stellt. Ist er also ein unnahbarer Patriarch? Keineswegs: Wer den 49-Jährigen in seinem Büro besucht, findet Buntstiftzeichnungen seiner drei Kinder an der Wand und bekommt hausgemachten Apfelsaft zu trinken – vom Chef persönlich serviert. Und statt mit Limousine und Chauffeur fährt der Arbeitgeber von weltweit rund 12.000 Mitarbeitern lieber mit dem Rad zur Firma, quer durch die „hübsche" Altstadt. Aus der Ahnenreihe fällt er aber nicht: Stefan Dräger ist Diplom-Ingenieur wie zwei seiner Vorgänger, baut auf die Traditionssäulen des Unternehmens – Kundennähe, Mitarbeiter, Innovation und Qualität – und bekennt sich zur engen Verflechtung mit seiner Heimatstadt. „Es ist ein Geben und Nehmen", so Dräger.

Entwicklung

Den Grundstein der Unternehmensgeschichte legten Johann Heinrich Dräger und sein Sohn Bernhard: Sie erkannten früh das Potenzial von Sauerstoff, gründeten 1889 die Firma Dräger & Gerling und machten aus dem Lübecker Handelshaus ein Industrieunternehmen – mit eigenen Patenten auf Narkoseapparate oder Atemschutzgeräte. Und dass das Drägerwerk in Lübecks Moislinger Allee auch heute noch steht, ist vor allem das Verdienst von Dr. Heinrich Dräger. Als kaum 30-Jähriger übernimmt er 1928 die Geschäfte des Unternehmens und führt sie über ein halbes Jahrhundert: In den Dreißiger Jahren sichert er durch Export das Überleben des von der Inflation geschwächten

Betriebs. Nach dem Krieg baut er das Werk wieder auf, wandelt die Firma 1970 in eine Aktiengesellschaft um und geht 1979 an die Börse. Als Heinrich Dräger 1984 mit 85 Jahren abtritt, ist er nicht nur Unternehmer, anerkannter Sozialwissenschaftler und Mäzen, sondern kann seinem Sohn Christian einen florierenden Konzern mit 5.000 Beschäftigten übergeben.

Das Gespür seines Großvaters für Krisen wird sich Stefan Dräger gewünscht haben, als er an der Reihe war: 2006 schwächelt der hanseatische Konzern – die Kosten sind explodiert, die Innovationskraft erlahmt. Als 2008 zudem die Wirtschaftskrise zuschlägt, bricht der Gewinn der Lübecker ein. Stefan Dräger greift entschieden durch: mit einem konzernweiten Turnaround-Programm, das vor allem strikte Sparmaßnahmen beinhaltet, restrukturiert er den gesamten Betrieb von Marketing über Produktion bis hin zur Verwaltung. Ein Schritt der dem gerade erst inthronisierten Vorstand nicht leichtfällt: „Die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen macht es für mich schwieriger, kritische Entscheidungen zu treffen", so Dräger – aber das Überleben des Unternehmens sei in so einer Phase oberstes Gebot. Der Erfolg gibt ihm recht: 2011 erlebt der Konzern das zweite Rekordjahr in Folge und erwirtschaftet einen Umsatz von knapp 2,3 Milliarden Euro – mit bestem Ausblick auf mehr: „Nahezu überall auf der Welt läuft es besser als erwartet", so Dräger Anfang diesen Jahres.

Innovation

Wie sehr die Lübecker mit ihren ein ganzes Jahrhundert umspannenden Entwicklungen die Medizin- und Sicherheitstechnik prägen, zeigt exemplarisch die Baureihe des Langzeit-Atemschutzgerätes für den Bergbau – Feuerwehrleute in Berlin streifen sie sich bei Häuserbränden über, „Smokejumper" in den USA gehen damit gegen Waldbrände vor und Bergarbeiter auf der ganzen Welt haben sie für den Fall eines Grubenunglücks immer griffbereit – mit vier Stunden Sauerstoff sichert ihnen das Atemschutzgerät wertvolle Zeit zur Bergung. Das Vertrauen, das diese Technik der Hanseaten weltweit genießt, spiegelt sich in einem geflügelten Wort wider: Seit über 100 Jahren werden in den USA Rettungskräfte im Bergbau und bei der Feuerwehr nach dem Namen des Herstellers bezeichnet: „Draegermen".

Der Motor für den weltweiten Erfolg des Unternehmens ist der Erfindergeist der Drägers selbst – alle an der Spitze des Unternehmens waren Tüftler, auch Querdenker, wie im Übrigen auch Stefan Dräger: Vor 25 Jahren schon baute er sich aus Faszination für Technik sein eigenes Elektroauto – es läuft noch immer – und bewohnt seit über zehn Jahren ein Kohlendioxid-neutrales Haus, das nur über Fingerprint-Technik zu betreten ist. „Innovationen haben mich schon immer fasziniert", so der Vorstandsvorsitzende. Bei dieser in der Familie verankerten Ingenieursseele verwundert es kaum, dass die Firma jedes Jahr rund ein Zehntel des Umsatzes in Forschung und Entwicklung steckt – Innovation gilt bei Drägers als Garant für Unabhängigkeit – und dass die Produktentwickler der Lübecker durchschnittlich einmal pro Woche aufs Patentamt eilen, um eine neue Erfindung schützen zu lassen.

Verantwortung

Dräger ist das Vorzeigeunternehmen Lübecks. Das Unternehmen beschäftigt in der Hansestadt mehr als 4.500 Mitarbeiter. Das bedeutet Vorzüge, aber auch Verantwortung. Und die nimmt das Unternehmen neben dem klaren Bekenntnis zum Standort – viele Investitionsmaßnahmen sind umgesetzt oder befinden sich in der Planung – vor allem mit der 1974 von Heinrich Dräger gegründeten Dräger-Stiftung wahr: Vor Ort setzt sie sich für die Pflege der kulturellen Schätze Lübecks und Schleswig-Holsteins ein, für die Förderung von Musik, Kunst, Medizin und Landschaftsschutz. Und auch privat engagiert sich die Familie: so konnten unter anderem die im 2. Weltkrieg zerstörte Petri-Kirche Lübecks wiederhergestellt sowie Rad- und Wanderwege in der Umgebung Lübecks geschaffen werden. Und als Geschenk für die Bürger der Stadt eröffnete 1977 der Dräger-Park – eine großzügig angelegte Naherholungslandschaft mit einem speziell für Kinder angelegten Spielbereich.

Nicht nur bezogen auf Lübeck sind Drägers engagiert: Das Unternehmen richtet seine Produktionslinien nach höchsten Umweltstandards aus, versorgt seine Mitarbeiter mit umfangreichen Sozialleistungen und unterstützt weltweit Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser mit Geld- oder Sachspenden. So stattete das Unternehmen 2008 ein komplettes Krankenhaus in den peruanischen Alpen aus. 2011 ermöglichte es der Initiative „Retten macht Schule" mit einem großzügigen Beitrag die Ausbildung von 12.000 Schülern zu Lebensrettern, um nur ein Jahr später den Bau einer Geburts- und Kinderklinik in Eritrea mit der kostenlosen Bereitstellung von Beatmungs- und Anästhesiegeräten zu unterstützen – ganz im Sinne der Leitidee des Unternehmens: „Technik für das Leben."

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