Deutsche Banker blicken pessimistisch in die Zukunft – Staatsbankrott würde Kreditvergabe gefährden

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Bankmanager sehen keine Besserung der Lage an den Finanzmärkten / Jobabbau in Deutschland geplant / Steigende Kreditausfälle erwartet / Aber: Deutsche Institute sehen gute Aussichten im Firmenkundengeschäft und Retail Banking

Frankfurt, 27. Februar 2012. Angesichts der anhaltenden Unsicherheiten in der Eurozone und der eingetrübten Konjunkturaussichten stellen sich Deutschlands Banker auf schwierige Zeiten ein. So erwartet die Mehrheit der deutschen Bankmanager keine Besserung der Lage an den Finanzmärkten und nur jeder vierte Bankmanager prognostiziert eine Aufhellung des Geschäftsklimas in Deutschland. Sollte es zudem noch zu einem Ausfall staatlicher Schuldner in Europa kommen, rechnen die Institute mit erheblichen negativen Folgen für den Bankensektor – die Kreditvergabe würde zurückgefahren, jede dritte Bank müsste Staatshilfe beantragen. Im Vergleich zu ihren Kollegen im europäischen Ausland erweisen sich die deutschen Bankmanager dabei als überdurchschnittlich skeptisch und pessimistisch. Entsprechend zurückhaltend fallen auch die Prognosen für die weitere Entwicklung der Beschäftigung aus: In den kommenden Monaten dürfte es zu einem Stellenabbau im deutschen Bankgewerbe kommen, während im europäischen Ausland eher mit einer leicht positiven Entwicklung gerechnet wird.

Das sind Ergebnisse des „Bankenbarometers“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Die Studie basiert auf einer Umfrage unter Führungskräften von mehr als 500 Banken in Europa, in Deutschland wurden 50 Bankmanager befragt.

Nach Ansicht der europäischen Bankmanager wird sich das Geschäftsklima in den kommenden Monaten nicht deutlich verbessern: 30 Prozent er-warten eine Verschlechterung der Situation, nur 27 Prozent prognostizieren eine positive Entwicklung. Die Bankmanager in Deutschland sind etwas zuversichtlicher – hier ist der Anteil der Optimisten mit 28 Prozent größer als die Zahl der Pessimisten (22 Prozent).

Die weitere Entwicklung an den Finanzmärkten sehen die deutschen Bankmanager hingegen etwas zurückhaltender als ihre Kollegen im übrigen Europa: In Deutschland halten sich Optimisten (26 Prozent) und Pessimisten (24 Prozent) etwa die Waage, europaweit überwiegen die Optimisten knapp mit 35 zu 28 Prozent. „Zwar haben sich die Aktienmärkte seit Jahresbeginn recht positiv entwickelt, und auch die jüngsten Rating-Herabstufungen einiger Euroländer und Banken haben kaum noch zu weiteren Verwerfungen geführt. Insofern lässt sich eine gewisse Beruhigung feststellen. Dennoch bleibt die Unsicherheit groß, solange nicht sicher ist, ob eine Griechenland-Pleite tatsächlich verhindert werden kann“, so Claus-Peter Wagner, Leiter des Bereichs Financial Services bei EY.

Vorsichtigere Kreditvergabe
Angesichts der ungewissen Konjunkturaussichten richten sich die Geldin-stitute europaweit auf steigende Kreditausfälle ein: Über alle Branchen hinweg sehen die Banker sowohl in Deutschland als auch europaweit steigende Insolvenzrisiken – in Deutschland gelten besonders das Transport- und das Baugewerbe sowie der Einzelhandel als gefährdet. Dementsprechend wollen die Institute auch die Kreditvergabe tendenziell drosseln – in Deutschland aber weniger stark als im europäischen Ausland. Besonders bei Krediten an die Automobilbranche und die Bauwirtschaft wollen die Institute zurückhaltender sein.

Deutliche Einschränkungen bei der Kreditvergabe erwartet Wagner aber vorerst nicht. „Solange sich die Lage nicht massiv verschlechtert, wird es nicht zu einer Kreditklemme kommen. Die Banken tun gut daran, ihre Kreditvergabe an die schwächere Konjunkturentwicklung anzupassen; spürbare Engpässe sind aber nicht zu erwarten.“

Bessere Aussichten im Firmenkundengeschäft
Im operativen Geschäft stehen zumindest bei den deutschen Banken die Zeichen offenbar weiterhin auf Wachstum – trotz Schuldenkrise, eingetrübter Konjunkturaussichten und erwarteten Anstiegs der Kreditausfälle. Die besten Aussichten bietet nach Meinung der Bankmanager derzeit das Firmenkundengeschäft: 50 Prozent erwarten eine uneingeschränkt positive Entwicklung in diesem Segment – vor einem halben Jahr lag der Anteil nur bei 34 Prozent. Neben dem Firmenkundengeschäft verspricht aus Sicht der Bankmanager auch das Retail Banking überdurchschnittlich gute Wachstumsaussichten: 47 Prozent der Befragten bescheinigen diesem Bereich gute Perspektiven – ein halbes Jahr zuvor waren es nur 28 Prozent.

Für Dirk Müller-Tronnier, Leiter Banking & Capital Markets bei EY, ist der optimistische Ausblick in diesen Geschäftsbereichen kein Widerspruch zu den ansonsten skeptischen Prognosen der Bankmanager: „Bei Banken, die sich in erster Linie auf deutsche Privat- und Firmenkunden konzentrieren, bietet das operative Geschäft derzeit wenig Grund zur Klage. Fakt ist: Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich sehr positiv entwickelt, Einkommen und Beschäftigung steigen. Und die europäische Staatsschuldenkrise ist bislang kaum bei den deutschen Unternehmen angekommen. Wenn überhaupt, erleben wir derzeit eine ‚Krise light‘, also eine leichte Schwächephase auf sehr hohem Niveau.“ Dass gerade die deutschen Banken dennoch so skeptisch in die Zukunft blicken, führt Müller-Tronnier auf die ungewissen Auswirkungen der Staatsschuldenkrise und die unabsehbaren Konsequenzen einer möglichen Staatspleite für Deutschland und den deutschen Bankensektor zurück: „Die Staatsschuldenkrise hängt derzeit wie ein Damoklesschwert über der Bankenlandschaft. Das hemmt die Zuversicht und lässt die Branche vorsichtiger werden. Kein Zweifel: Die Banken stellen sich auf unruhige Zeiten ein.“

Staatsbankrott hätte schwerwiegende Folgen
Sollte es tatsächlich zu einem Ausfall eines staatlichen Schuldners kommen, dürfte dies nach Einschätzung gut jedes zweiten deutschen Bank-managers (55 Prozent) erhebliche negative Auswirkungen auf den Bankensektor insgesamt haben, nur 14 Prozent erwarten keine negativen Konsequenzen. Europaweit sind die Geldinstitute etwas weniger besorgt: Nur 42 Prozent prognostizieren erhebliche negative Auswirkungen, jeder Fünfte sieht keine Probleme für den Bankensektor. Im europäischen Vergleich erweisen sich österreichische, spanische und deutsche Bankmanager als besonders alarmiert, während ihre Kollegen in Belgien, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern weniger negative Konsequenzen fürchten.

Sollte es zu mehreren Staatsbankrotten kommen, würde nach Einschätzung der Mehrheit der Befragten (70 Prozent) die Kreditvergabe der Banken beeinträchtigt (Europa: 61 Prozent). Jedes dritte deutsche Institut (33 Prozent) erwartet, in einem solchen Fall auf Staatshilfe angewiesen zu sein (Europa: 20 Prozent) und immerhin jeder 14. Befragte rechnet damit, dass die Auszahlung von Kundengeldern zumindest vorübergehend eingestellt werden müsste.

Der bisherige Umgang von Bundesbank und Bundesregierung mit der Schuldenkrise trifft bei den Bankmanagern überwiegend auf Zustimmung: 68 Prozent beurteilen das Agieren der Bundesbank, 56 Prozent die Politik der Bundesregierung positiv. Die von beiden Institutionen abgelehnten „Eurobonds“ finden auch unter den befragten Bankmanagern kaum Zuspruch: Nur jeder neunte plädiert für die Einführung von Eurobonds, jeder dritte spricht sich hingegen grundsätzlich dagegen aus. Vier von zehn Befragten halten sie nur im äußersten Notfall für sinnvoll, weitere 28 Prozent nennen eine Fiskalunion als Bedingung.

Job-Abbau geplant
Die allgemeine Unsicherheit wirkt sich auch auf die Beschäftigungsent-wicklung aus. Besonders zurückhaltend fallen derzeit die Prognosen der deutschen Banken aus: Nur noch zwölf Prozent wollen die Belegschaft aufstocken, deutlich mehr – 23 Prozent – rechnen mit einem Beschäftigungsabbau. Damit ist im deutschen Bankensektor tendenziell mit einem Rückgang der Beschäftigung zu rechnen. Anders ist die Situation in den meisten anderen europäischen Ländern: So überwiegt etwa in Frankreich, Großbritannien und England deutlich der Anteil der Banken, die einen Anstieg der Beschäftigung prognostizieren. Europaweit planen 25 Prozent der Banken, neue Stellen zu schaffen, während 17 Prozent einen Stellenabbau erwarten. In Deutschland dürften vor allem der Bereich Technologie/technische Infrastruktur von Stellenstreichungen betroffen sein, während im Vertrieb eher ein Anstieg der Beschäftigung zu erwarten ist.


Download der Studie

Lesen Sie die Befragungsergebnisse unserer Studie Bankenbarometer Deutschland/Europa Februar 2012 (418KB).