Korruption global weit verbreitet – Deutsche Unternehmen sehen sich kaum betroffen

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Korruption weltweit häufig immer noch an der Tagesordnung / Aber nur wenige deutsche Manager sehen Korruptionsproblem in Deutschland / In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird nach wie vor ein Auge zugedrückt / Haftungsrisiken bei Verfehlungen von Geschäftspartnern kaum bekannt

Stuttgart, 23. Mai 2012. Korruption bleibt weltweit ein großes Problem: Global sind vier von zehn Managern der Ansicht, dass Korruption in ihren Ländern weit verbreitet ist. Jeder neunte Manager hält es in der eigenen Branche für übliche Praxis, Aufträge mit Hilfe von Bestechung zu gewinnen. Um das Problem in den Griff zu bekommen, müssen Unternehmen daher mehr tun: Etwa die Hälfte der Manager plädieren dafür, das Problem der Korruption bei der obersten Führungsebene anzusiedeln.

Deutsche Top-Manager sehen das Thema Korruption hingegen deutlich gelassener: Nur jeweils zwei Prozent von ihnen meinen, dass Betrug und Bestechung in Deutschland oder in ihrer eigenen Branche ein Problem sei. Und nur knapp jeder Vierte meint, dass es nötig sei, dieses Thema zur Chefsache  zu erklären. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, für die mehr als 1750 Finanzvorstände, Leiter der Revision, der Rechtsabteilung und des Compliance Managements aus 43 Ländern befragt wurden, davon 50 aus Deutschland.

„Möglicherweise steckt in der zurückhaltenden Einschätzung der deutschen Manager zur Verbreitung von Korruption in Deutschland ein zu großes Vertrauen in die Wirksamkeit der Anstrengungen, die man in den letzten Jahren unternommen hat“, erklärt Stefan Heißner, Leader Fraud Investigation & Dispute Services EMEIA Central Zone bei EY den erstaunlichen Optimismus der deutschen Manger. Zwar hätten viele deutsche Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren Risikoanalysen zur Korruption durchführen lassen und das Thema auch sonst recht entschlossen angepackt: „Nach unserer Erfahrung ist das Problem der Korruption aber auch in deutschen Unternehmen noch lange nicht vom Tisch“, warnt Heißner vor zu großer Sorglosigkeit.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird nach wie vor ein Auge zugedrückt
Zugeständnisse machen die deutschen Führungsspitzen, wenn ein konjunktureller Abschwung die Existenz des Unternehmens gefährdet. „Unterhaltungsprogramme“ wären in diesem Fall für jeden fünften, persönliche Geschenke für jeden achten Manager akzeptable Mittel, Kunden zu gewinnen oder zu halten. Bargeld allerdings ist weitgehend tabu – nur 2 Prozent würden die monetäre Nachhilfe noch gutheißen. Mit Ausnahme der persönlichen Geschenke – hier hat die Zustimmung von 4 Prozent auf 12 Prozent zugenommen – ist die Toleranz gegenüber allen „Fördermaßnahmen“ sichtbar gesunken.

Zudem liegt sie durchweg deutlich unter den internationalen Werten. Allerdings: Mit 72 Prozent direkt oder indirekt („weiß nicht“) verweigerter Antworten ist die Grauzone in diesem Feld überraschend groß. Ebenfalls zu denken geben die Antworten auf die Frage, ob die eigene Unternehmensführung nach Einschätzung der Befragten in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten auch einmal „Fünfe gerade sein“ lassen würde. In Deutschland liegt die Zustimmung bei 38 Prozent, international bei 54 Prozent.

Haftungsrisiken bei Verfehlungen von Geschäftspartnern kaum bekannt
Das Bewusstsein, dass ein Unternehmen nicht nur Verantwortung für das eigene Handeln, sondern auch für das der Geschäftspartner hat – insbesondere in den Feldern Vertrieb und Distribution – ist weltweit noch unterentwickelt. Global wie auch in Deutschland hat die Frage für ein Drittel der Manager keine Bedeutung. Zwei von fünf Unternehmen sehen lediglich eine gemeinsame Verantwortung, und nur jedes sechste akzeptiert die volle Verantwortung für die Handlungen seiner Agenten. Zehn Prozent in Deutschland und 14 Prozent international sind dagegen fest überzeugt, dass der Dritte allein verantwortlich für sein Handeln ist.

„Es ist erstaunlich, dass noch so viele große Unternehmen weltweit auf diesem Auge blind sind“, wundert sich Heißner. „Inzwischen sollten sich die erheblichen Risiken herum gesprochen haben, die die Anti-Korruptions-Gesetze etwa der USA und Großbritanniens auch für die Muttergesellschaften und die Auftraggeber regionaler Vertretungen mit sich bringen.“

Neun von zehn Unternehmen haben eine Anti-Korruptions-Strategie
In diesem Jahr haben beachtliche 92 Prozent der deutschen (und 86 Prozent der globalen) Manager zu Protokoll gegeben, dass sie ihren Mitarbeitern ihr Anti-Korruptions-Engagement mit Nachdruck vermittelt haben. 90 Prozent der deutschen Unternehmen haben eine definierte Anti-Korruptions-Strategie und einen entsprechenden Verhaltenskodex – global sind es 81 Prozent. Und 72 (global: 71) Prozent haben Strafen für Verstöße gegen diese Richtlinien festgelegt. Die allerdings sind vor allem in Deutschland ernst gemeint – hier geben 60 Prozent der Unternehmen an, sie auch verhängt zu haben. International sind es nur 45 Prozent.

Ähnlich weit klaffen die Ansichten über die Effizienz der öffentlichen Strafverfolgung auseinander. 70 Prozent der deutschen Unternehmen meinen, dass Gesetzgeber und Gerichtsbarkeit ernsthaft gewillt sind, Korruptionsdelikte zu verfolgen und dabei auch Überzeugungen zu festigen – nur etwa 30 Prozent der Manager in anderen Ländern teilen diese Meinung.

Schwächen beim Einsatz von Kontroll-Werkzeugen und externen Beratern
Während die deutschen Unternehmen bei den „Soft Skills“ der Anti-Korruptions-Arbeit vergleichsweise gut aufgestellt sind, haben die institutionalisierten Kontrollen einen geringeren Stellenwert als bei der globalen Konkurrenz. So lassen nur 56 Prozent der Befragten regelmäßige Prüfungen durch externe Auditoren vornehmen – international sind es 75 Prozent. Nur 30 (global 43) Prozent setzen spezielle Überwachungssoftware oder IT-Systeme ein. Und nur 18 (global 33) Prozent lassen sich von externen Rechtsberatern oder spezialisierten Consultants begutachten.

Lediglich bei den Whistleblowing-Hotlines liegen die deutschen Firmen vorne – 56 (global: 53) Prozent von ihnen verfügen bereits über derartige Einrichtungen, die den Mitarbeitern die anonyme Anzeige von Missständen ohne Furcht vor negativen Konsequenzen ermöglichen sollen. „Insgesamt aber liegt die institutionalisierte Absicherung gegen Betrug und Bestechung hier zu Lande unter dem internationalen Durchschnitt“, fasst Heißner zusammen.


Download der Studie

Lesen Sie die Ergebnisse unserer Studie Global Fraud Survey 2012 (2,7 MB) als Download oder auf unseren globalen Seiten zur Studie.