Weltweite Biotech-Branche auf Wachstumskurs

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Umsätze steigen um zehn Prozent / US-Branche wächst um zwölf Prozent, europäische Unternehmen um neun Prozent / Europäische Unternehmen können Verluste stark reduzieren, Gewinne des US-Biotech-Sektors sinken

Stuttgart, 19. Juni 2012. Der Biotechnologie-Sektor erholt sich weiter: Die etablierten Biotech-Märkte konnten erstmals seit Beginn der weltweiten Finanzkrise wieder ein Umsatzwachstum von über 10 Prozent auf 83,4 Milliarden US-Dollar erzielen. Auch die Forschungsausgaben stiegen deutlich – um neun Prozent auf 23,1 Milliarden US-Dollar. Zudem floss zusätzliches Kapital in Höhe von 33,4 Milliarden US-Dollar in die Branche – allerdings profitierten davon vorwiegend Großunternehmen. Für viele kleinere Biotech-Unternehmen bleibt die Finanzierungssituation angespannt.

Während die Branche in den USA Gewinne in Höhe von 3,3 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete – ein Rückgang um 21 Prozent gegenüber 2010 – konnten die europäischen Unternehmen den Fehlbetrag deutlich verringern: von 568 Millionen US-Dollar im Jahr 2010 auf 0,3 Millionen US-Dollar im Jahr 2011. Damit steht die Branche in Europa erstmals dicht vor der Rentabilitätsschwelle.

Das sind Ergebnisse des 26. weltweiten Biotech-Reports „Beyond Borders: Global Biotechnology Report 2012“ von EY.

Trotz der auf den ersten Blick positiven Entwicklung der weltweiten Biotech-Branche betont Siegfried Bialojan, Leiter des European Life Science Industriezentrums bei EY fest, dass es schwierig werde, dieses Ergebnis längerfristig zu halten: „Das klassische Finanzierungs- und Innovationsmodell für Biotech-Firmen steht mehr denn je unter Druck steht und die bisherigen Bemühungen der Branche, mit geringeren Mitteln einen größeren Innovationsoutput zu erzielen, konnten noch keinen sichtbaren Produktivitätszuwachs bewirken“.

Die Branche muss neue Wege gehen, mahnt Bialojan: „Angesichts der heutigen Kapitalknappheit können wir uns die Ineffizienz der klassischen Forschungs- und Entwicklungsprozesse für Medikamente nicht mehr leisten. Die Branche muss unbedingt Redundanzen beseitigen, die Zusammenarbeit mit Wettbewerbern während der Entwicklung fördern und neue Formen des Austauschs von Daten finden“.

Der Biotechnologie-Report kommt zu folgenden zentralen Ergebnissen:

  • Umsatzstabilisierung: Die Unternehmen aus den etablierten Biotech-Zentren (USA, Europa, Kanada und Australien) erzielten 2011 zusammen einen Umsatz von 83,4 Milliarden US-Dollar. Dies entspricht einem normalisierten Anstieg von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr (nach Bereinigung um den Erwerb dreier großer US-amerikanischer Biotech-Unternehmen durch branchenfremde Käufer).
  • Wiederanstieg der Forschungs- und Entwicklungsausgaben: Nachdem die F&E-Ausgaben 2009 drastisch gesenkt wurden und im Jahr 2010 um moderate zwei Prozent stiegen, erhöhte sich die Kennzahl 2011 um deutliche neun Prozent (normalisiert).
  • Üppige Gesamtfinanzierung, aber immer noch wenig „Innovationskapital“: Die Biotech-Unternehmen erhielten 2011 Finanzmittel in Höhe von 33,4 Milliarden US-Dollar. Mehr Kapital wurde nur im Jahr 2000 aufgebracht, als die Spekulationsblase kurz vorm Platzen stand. Dieser Finanzierungsanstieg ist vor allem führenden Unternehmen mit einem Umsatz von über 500 Millionen US-Dollar zuzuschreiben, die die niedrigen Zinsen genutzt haben, um hohe Summen an Fremdkapital aufzunehmen. Dabei blieb jedoch das vom Rest der Branche aufgenommene Kapital („Innovationskapital“) während der letzten vier Jahre mit 16,8 Milliarden US-Dollar annähernd unverändert. Die Beteiligungsinvestoren blieben weiterhin wählerisch und so betrugen die Einnahmen aus den 16 Börsengängen insgesamt nur 857 Millionen US-Dollar (2010: 1,3 Milliarden US-Dollar).
  • Mehr Fusionen und Übernahmen, allerdings größtenteils ohne Beteiligung der Pharma-Konzerne: Die Zahl der Fusionen und Übernahmen unter Beteiligung von europäischen oder US-amerikanischen Biotech-Unternehmen stieg von 49 im Jahr 2010 auf 57 im Jahr 2011. Die Pharma-Konzerne traten jedoch nur in sieben dieser 57 M&A-Transaktionen als Käufer auf. Angesichts der bedeutenden Rolle der Pharma-Industrie bei Biotech-Innovationen gibt diese Entwicklung Anlass zur Sorge. Laut einer Schätzung von EY ging die finanzielle Unterstützung von Biotech-Innovationen durch die 28 größten Arzneimittelunternehmen von 2006 bis 2011 um 30 Prozent zurück. Eine Trendwende ist mit der Aussicht auf weitere Patentabläufe und zunehmenden Druck durch Investoren vorerst nicht zu erwarten.

Zentrale Ergebnisse nach Regionen

USA

  • Der Umsatz der börsennotierten Biotech-Unternehmen belief sich auf 58,8 Milliarden US-Dollar. Dies entspricht einem normalisierten Anstieg von zwölf Prozent (gegenüber 10 Prozent im Jahr 2010).
  • Die F&E-Ausgaben stiegen 2011 um neun Prozent (nach einem drei-prozentigen Zuwachs im Vorjahr).
  • Das Ergebnis sank um 21 Prozent (normalisiert) von 5,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 auf 3,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2011.
  • Die Zahl der M&A-Transaktionen unter Beteiligung von US-amerikanischen Biotech-Unternehmen stieg von gerade einmal 26 im Vorjahr auf 37 Transaktionen im Jahr 2011.
  • Die US-amerikanischen Unternehmen erhielten im Jahr 2011 Finanzmittel von insgesamt 29,8 Milliarden US-Dollar. Dies ist zwar eine beeindruckende Steigerung um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr, beinhaltet jedoch im Wesentlichen das von ergebnisstarken Unternehmen aufgenommene Fremdkapital, das zur Refinanzierung bestehender Darlehen sowie für Aktienrückkäufe und Akquisitionen verwendet wurde.

Europa

  • Der Umsatz der europäischen börsennotierten Biotech-Gesellschaften erhöhte sich um zehn Prozent auf 18,9 Milliarden US-Dollar.
  • Die F&E-Ausgaben stiegen 2011 um neun Prozent, verglichen mit einem Anstieg von fünf Prozent im Jahr 2010 und einem Rückgang um zwei Prozent im Jahr 2009.
  • Der von den europäischen Biotech-Unternehmen erzielte Fehlbetrag verringerte sich deutlich gegenüber dem Vorjahr, von 568 Millionen US-Dollar im Jahr 2010 auf 0,3 Millionen US-Dollar im Jahr 2011. Damit steht die Branche zum ersten Mal dicht vor der Rentabilitätsschwelle.
  • Die Zahl der M&A-Transaktionen stieg mit 22 Transaktionen das zweite Jahr in Folge, verglichen mit 17 Transaktionen in den beiden Vorjahren.
  • Im Jahr 2011 wurden Finanzmittel in Höhe von insgesamt 2,9 Milliarden US-Dollar aufgenommen, verglichen mit 3,8 Milliarden US-Dollar im Vorjahr.


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