Deutscher Private Equity-Markt: größere Deals wieder möglich

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Frankfurt, 17. Juli 2012. Keine durchgreifende Belebung auf dem deutschen Private Equity-Markt: Zwar ist der Wert der Transaktionen  von Finanzinvestoren deutlich gestiegen – von 1,2 auf 5,9 Milliarden Euro –, die Zahl der Deals ist im Vergleich zum Vorjahr aber leicht gesunken: von 53 auf 50.

Gründe für die verhaltene Entwicklung in Deutschland waren die anhaltenden Unsicherheiten an den Finanzmärkten, die Zurückhaltung der Banken bei der Kreditfinanzierung, aber auch das Fehlen geeigneter Zielunternehmen. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die halbjährlich den deutschen Private-Equity-Markt untersucht.

Die Zahl der Unternehmensverkäufe aus den Portfolios von Finanzinvestoren („Exit“) ist im Vergleich zum ersten Halbjahr 2011 deutlich von 45 auf 24 gesunken. Erlöst wurden dabei nur noch 5,1 Milliarden Euro, im Vorjahreszeitraum waren es noch 8,7 Milliarden Euro. Einen Exit via Börsengang gab es in den ersten sechs Monaten des Jahres nicht.

„Ein nachhaltiger Aufschwung auf dem deutschen Private Equity-Markt lässt weiter auf sich warten, der Markt fährt nach wie vor mit angezogener Handbremse“, kommentiert Alexander Kron, Leiter des Bereichs Transaction Advisory Services bei EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Entwicklung. „Aber schon auf mittlere Sicht gibt es gute Chancen, dass wieder mehr Schwung in das Geschäft der Private-Equity-Gesellschaften kommt.“ Dafür sprechen, so Kron, schon die Rentabilität des Geschäftsmodells und der hohe Anlagedruck. Das zweite Halbjahr begann mit einem großen Deal, der Übernahme von WMF durch KKR. Und Kron erwartet, dass es dabei nicht bleiben wird: „Derzeit sind weitere fünf bis sieben größere Deals in Vorbereitung.“

Zwar war auch das erste Halbjahr 2012 noch von kleineren Transaktionen geprägt, allerdings wurden erstmals seit 2010 wieder zwei sogenannte Megadeals, also Transaktionen, die einen Wert von über einer Milliarde Euro haben, abgeschlossen. Dabei wechselte Open Grid Europe für 3,2 Milliarden Euro in den Besitz eines internationalen Konsortiums, geführt von Macquarie. Außerdem kaufte EQT Partners für 1,8 Milliarden Euro BSN Medical. „Nach den beiden größeren Transaktionen des ersten Halbjahres zeigt der Kauf von WMF, dass nach einer längeren Durststrecke größere Transaktionen wieder möglich sind – trotz der europäischen Schuldenkrise und der Unsicherheiten an den Finanzmärkten“, so Kron.

Mittelstand attraktiv für Investoren

Dass es in Deutschland nicht mehr Transaktionen gibt, liegt keineswegs nur an der Zurückhaltung der Banken, die sich scheuen, Deals zu finanzieren, und auch nicht an mangelndem Interesse der Investoren. Im Gegenteil, so Wolfgang Taudte, Partner bei EY: „Viele Private Equity-Häuser haben größtes Interesse am deutschen Markt – gerade die mittelständischen Unternehmen stehen im Fokus.“ Allerdings passiere hier derzeit noch relativ wenig: „Vielen Mittelständlern geht es so gut, dass sie gar keine Veranlassung haben, über den Einstieg eines Finanzinvestors nachzudenken.“

Taudte erwartet, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird: „Wir haben hierzulande einen unternehmerischen Mittelstand, wie es ihn in kaum einem anderen Land gibt. Diese mittelständischen Unternehmen haben sich bislang mehrheitlich eher auf Distanz zu Private Equity gehalten. Je schwieriger es aber wird, Mittel aus anderen Finanzierungsquellen, etwa von Banken, zu bekommen, desto mehr wächst die Bereitschaft, sich auch mit dieser Alternative auseinanderzusetzen, vor allem wenn absolut seriöse Angebote zur Verfügung stehen.“ Daran werde es aber nicht mangeln, so Taudtes Einschätzung.


Weitere Professionalisierung der Branche

Heute setzen die Finanzinvestoren in erster Linie auf operative Verbesserungen bei ihren Portfolio-Unternehmen: „Die Zeiten des Geschäfts mit starken Hebeleffekten über eine hohe Verschuldung sind vorbei.“

Vielmehr seien operative Kompetenzen gefragt, um die Beteiligungen auf ein neues Ertrags- und damit Wertniveau zu heben. „Ebenso wichtig ist ein langer Atem, der es erlaubt, die Beteiligungen so lange zu halten, bis die betrieblichen Prozesse grundlegend geändert sind“, so Kron.

„Sowohl die Kapitalbeschaffung als auch die Auswahl der Portfoliounternehmen haben sich mit der Krise verändert“, ergänzt Taudte. Die klassischen Geldgeber wie Pensionsfonds, Versicherungen und vermögende Private stellten heute deutlich höhere Ansprüche an die Konzepte und die Qualität der Manager. „Die Investoren sind kritisch. Wer kein klares Konzept auf den Tisch legen kann, zum Beispiel die Spezialisierung auf bestimmte Branchen oder Unternehmenssituationen, und wer keine Erfolge in der operativen Begleitung seiner Portfolio-Unternehmen nachweisen kann, der wird künftig kaum noch Geld bekommen“, sagt Taudte voraus. So sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich der Geldsegen künftig auf eine kleinere Zahl von PE-Häusern verteile.

Der wachsende Erfolgsdruck zwinge wiederum die Gesellschaften, ihre Kaufobjekte erheblich rigider auszuwählen als vor der Krise, nicht zuletzt im Hinblick auf die eigenen Fähigkeiten. Allerdings: „Die geschickte Auswahl der Beteiligungen war auch in der Vergangenheit schon ein Merkmal der wirklich erfolgreichen Private Equities.“

Leichte Belebung auf dem M&A-Markt

Während der Private Equity-Markt im ersten Halbjahr kaum in Schwung kam, zeigte der M&A-Markt einen leicht positiven Trend: Die Zahl der M&A-Deals (ohne Private Equity) in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2012 im Vergleich zum Vorhalbjahr um fünf Prozent von 214 auf 223 gestiegen. Der Wert der Transaktionen hat sich sogar deutlich von 5,9 auf 15,6 Milliarden Euro erhöht. „Neben zwei großen Deals im Bereich Industrial waren es im ersten Halbjahr 2012 auch drei große Deals von Immobiliengesellschaften, die den Markt belebt haben“, erklärt Kron.

Ein von der Patrizia Immobilien angeführtes Konsortium institutioneller Investoren hatte für rund 1,44 Milliarden Euro die LBBW Immobilien übernommen. Außerdem wechselten die Berliner BauBeCon Immobilien und die DKB Immobilien für 1,24 beziehungsweise 0,96 Milliarden Euro den Besitzer. Die größten Deals des ersten Halbjahres bildeten aber die Übernahme der Inoxum Group durch die finnische Outokumpu mit einem Wert von 2,38 Milliarden Euro und der Kauf der Elster Group durch Melrose im Wert von 2,26 Milliarden Euro.

Kron sieht in diesen Deals erste Anzeichen dafür, dass sich der Markt wieder belebt – sofern die Schuldenkrise in Europa nicht eskaliert. „Wenn externe Schocks ausbleiben, wird spätestens 2013 der M&A-Markt wieder richtig anspringen. Die bilanzielle Situation der deutschen Unternehmen ist gut: Die Liquidität ist hoch, die Verschuldung gering, die Wettbewerbsposition oftmals hervorragend.“ Sobald sich die konjunkturelle Lage in Europa verbessere und sich das Kapitalmarktumfeld stabilisiert habe, werde daher auch der M&A-Markt wieder zulegen.


Download der Studie

Lesen Sie die Ergebnisse unserer Studie Lesen Sie die Ergebnisse unserer Studie Private Equity Deal Survey Juli 2012 (887 KB, 14 Seiten).