Mittelständler erwarten Zuspitzung der Schuldenkrise und Konjunkturflaute

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Geschäftslage im Mittelstand nach wie vor überdurchschnittlich gut, aber düstere Konjunkturprognosen / Dynamik am Arbeitsmarkt schwächt sich ab / Zuspitzung der Schuldenkrise in Europa erwartet – jedes dritte Unternehmen beklagt bereits Umsatzausfälle / Nur fünf Prozent der Mittelständler auf Auseinanderbrechen der Eurozone vorbereitet / Hohe Rohstoffpreise bereiten Sorgen

Berlin, 5. September 2012. Der deutsche Mittelstand stemmt sich bislang erfolgreich gegen die Auswirkungen der Schuldenkrise und macht nach wie vor gute Geschäfte: 92 Prozent der Mittelständler berichten von einer positiven Geschäftslage, jedes zweite Unternehmen ist sogar uneingeschränkt zufrieden. Das entspricht dem Niveau vom Januar dieses Jahres. Die Geschäftserwartungen der Unternehmen haben sich seitdem zwar leicht eingetrübt, sind aber nach wie vor überwiegend positiv. Die Konjunkturprognosen hingegen sind geradezu eingebrochen und fallen so düster aus wie zuletzt im Januar 2009 – auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise: 45 Prozent der Mittelständler erwarten derzeit eine Verschlechterung der Wirtschaftslage in Deutschland, nur elf Prozent einen Aufschwung. Jeder fünfte Mittelständler rechnet sogar mit einer Rezession in Deutschland.

Die Schuldenkrise in Europa bereitet den Unternehmen zunehmend Sorgen: Zum einen beklagt immerhin jeder dritte Mittelständler bereits Umsatzeinbußen aufgrund der Krise in den Schuldenländern, zum anderen erwarten mehr als drei von vier Unternehmern, dass sich die Schuldenkrise weiter verschärfen wird; mit einem Auseinanderbrechen der Währungsunion rechnet hingegen nur jeder vierte Betrieb.

Das sind Ergebnisse des „Mittelstandsbarometers Sommer 2012“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Die Studie wird halbjährlich durchgeführt. Ihr liegt eine Umfrage unter 700 mittelständischen Unternehmen in Deutschland zugrunde, die im August 2012 durchgeführt wurde.

Für den Arbeitsmarkt gibt es aber gute Nachrichten: Jeder fünfte
Mittelständler (22 Prozent) plant, in den kommenden Monaten zusätzliche Mitarbeiter einzustellen – nur neun Prozent der Betriebe wollen die Belegschaft reduzieren. Allerdings lässt die Beschäftigungsdynamik im Mittelstand spürbar nach: Vor einem Jahr lag der Saldo aus positiven und negativen Beschäftigungserwartungen noch bei 23 Prozentpunkten, zu Jahresbeginn bei 17 und in der jüngsten Umfrage nur noch bei 13. „Angesichts der erheblichen Konjunkturrisiken planen die Unternehmen inzwischen deutlich vorsichtiger“, stellt Peter Englisch, Leiter Mittelstand und Partner bei EY, fest. Und er erwartet, dass die Beschäftigungskurve in den kommenden Monaten weiter abflachen wird. „Der Job-Boom im Mittelstand dürfte vorerst vorbei sein – allerdings haben wir bei der Beschäftigung inzwischen auch ein sehr hohes Niveau erreicht.“

Zudem dürften immer mehr Unternehmen Probleme haben, ihre Vakanzen zu füllen: Immerhin 77 Prozent der Mittelständler berichten von Schwierigkeiten bei der Suche nach neuen Mitarbeitern (Vorjahr: 73 Prozent). Fast jeder fünfte bezeichnet es sogar als sehr schwierig, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden.

Weitere Zuspitzung der europäischen Staatsschuldenkrise erwartet
Nachdem die bisherigen Versuche zur Überwindung der Staatsschuldenkrise fehlgeschlagen sind, ist das Vertrauen der Mittelständler in eine baldige Lösung dieser Krise gering: Vier von fünf Unternehmern erwarten, dass sich die Krise weiter zuspitzen wird. Und sogar 91 Prozent ge-hen davon aus, dass Deutschland in erheblichem Umfang für die Schulden von anderen Euro-Ländern wird aufkommen müssen.

Mit einem Auseinanderbrechen der europäischen Währungsunion rechnet allerdings nur jeder vierte Mittelständler. Einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone hält allerdings immerhin jeder zweite Mittelständler für wahrscheinlich. Für wünschenswert halten sogar 58 Prozent der Unternehmer einen solchen Schritt. „Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone hätte Turbulenzen an den Finanzmärkten zur Folge, vor allem aber gibt es große Ansteckungsrisiken für andere betroffene Euroländer, in denen deutsche Mittelständler in erheblichem Umfang engagiert sind“, so Englisch. Jeder dritte deutsche Mittelständler (34 Prozent) ist im westeuropäischen Ausland tätig.

Tatsächlich haben die Auswirkungen der Krise längst auch den deutschen Mittelstand erreicht: Bereits heute beklagen 30 Prozent der Mittelständler Umsatzeinbußen durch die Staatsschuldenkrise bzw. den Konjunktureinbruch in den betroffenen Ländern. Jeder zwölfte Mittelständler sieht sogar hohe Umsatzausfälle von über drei Prozent.

„Einige der wichtigsten Auslandsmärkte deutscher Unternehmen – vor allem Spanien, Italien und auch Frankreich – fallen als Wachstumstreiber vorerst aus“, konstatiert Englisch. „Und unabhängig davon, ob eine politische Lösung für das Schuldenproblem gefunden wird, die auch die Märkte überzeugt, steht fest: Die Talsohle der Krise in den südeuropäischen Schuldenländern ist noch nicht erreicht. Diese Volkswirtschaften befinden sich nach wie vor in einem Abwärtsstrudel – und das werden wir auch in Deutschland zu spüren bekommen.“

Kaum vorbereitet auf Worst-Case-Szenario
Mit einer weiteren Verschärfung der Krise kämen also auch auf die deutschen Unternehmen erhebliche Belastungen zu; zudem sind nur die allerwenigsten Unternehmen auf den schlimmsten Fall, ein Auseinanderbrechen der Eurozone, vorbereitet: Gerade einmal sieben Prozent der Unternehmen haben Vorkehrungen für einen möglichen Zerfall der Währungsunion (bzw. den Austritt einzelner Länder aus der Währungsunion) getroffen, weitere vier Prozent planen derzeit entsprechende Maßnahmen. Im Vordergrund stehen dabei Absicherungsgeschäfte gegen Währungsrisiken sowie vertragliche Absicherungen gegenüber Kunden und Lieferanten. Nur sehr wenige Unternehmen fahren die Zusammenarbeit mit Unternehmen vor Ort zurück oder reduzieren ihre Geldbestände in den betroffenen Ländern.

Hohe Rohstoffpreise das größte Konjunkturrisiko
Das größte Risiko für die Entwicklung der Binnenkonjunktur ist aus Sicht der Mittelständler allerdings derzeit nicht die Schuldenkrise, sondern die hohen Rohstoff- und Energiepreise, gefolgt von der geringen Stabilität des Finanzsektors. „Das Marktumfeld für die Unternehmen bleibt in höchstem Maße risikobehaftet“, fasst Englisch zusammen. Die Unternehmen tun daher gut daran, sich für eine schwierige zweite Jahreshälfte zu wappnen.“ Immerhin sehen sich neun von zehn Mittelständlern für eine mögliche Abkühlung der Wirtschaft derzeit „gut“ oder „sehr gut“ gerüstet. Nur jedes 25. Unternehmen fühlt sich für ein solches Szenario „überhaupt nicht“ vorbereitet.


Download der Studie

Lesen Sie die Ergebnisse der Studie "Mittelstandsbarometer Sommer 2012" (329 KB, 28 Seiten) und auf unserer weiterführenden Seite.