Krise erreicht Deutschland: Jeder zehnte Mittelständler kämpft ums Überleben

EY-Umfrage „Mittelstandsbarometer“

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Bei anhaltender Wirtschaftsflaute sogar jedes dritte Unternehmen gefährdet / Geschäftslage im Mittelstand spürbar eingetrübt – aber immerhin jedes vierte Unternehmen setzt weiter auf Wachstum / Boom am Arbeitsmarkt vorerst vorbei / Sorgen wegen hoher Rohstoffpreise / Verschärfung der Schuldenkrise in Europa erwartet – fast jeder Zweite beklagt Umsatzeinbußen

Stuttgart, 30. Januar 2013. Die Konjunkturkrise in Europa macht immer mehr mittelständischen Unternehmen in Deutschland zu schaffen: 45 Prozent der Mittelständler spüren wegen der Krise in Europa Umsatzeinbußen, noch im August 2012 lag der Anteil nur bei 30 Prozent. Bereits heute konzentriert sich jeder zehnte Mittelständler darauf, das Überleben seines Unternehmens zu sichern. Und bei einer Fortdauer der Konjunkturabkühlung um weitere sechs Monate wäre nach eigener Einschätzung fast jedes dritte Unternehmen (31 Prozent) in seiner Existenz gefährdet.

Gleichzeitig schrumpft der Anteil der Mittelständler, die sich über eine uneingeschränkt gute Geschäftslage freuen können: von 53 Prozent vor einem halben Jahr auf aktuell 39 Prozent. Schlecht laufen die Geschäfte derzeit bei 15 Prozent der Unternehmen – das sind deutlich mehr als vor sechs Monaten (8 Prozent) und so viele wie seit Anfang 2010 nicht mehr.

Immerhin: Die Konjunkturerwartungen der Unternehmen haben sich gegenüber August 2012 aufgehellt. Der Anteil der Unternehmen, die eine Verbesserung der Wirtschaftslage in Deutschland erwarten, ist von elf auf aktuell 28 Prozent gestiegen. Eine Verschlechterung erwarten nur noch 23 Prozent (August 2012: 45 Prozent). Und trotz der allgemeinen Eintrübung der Geschäftslage setzen derzeit 24 Prozent der Unternehmen auf weiteres Wachstum.

Das sind Ergebnisse des „Mittelstandsbarometers 2013“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Die Studie wird halbjährlich durchgeführt. Ihr liegt eine Umfrage unter 3.000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland zugrunde, die im Dezember 2012 und Januar 2013 durchgeführt wurde.

Die schwierige konjunkturelle Lage wird sich auch auf den Arbeitsmarkt auswirken: Der Anteil der Mittelständler, die ihre Belegschaft  aufstocken wollen, ist gegenüber August 2012 weiter zurückgegangen – von 22 auf 18 Prozent. Gleichzeitig plant immerhin jedes siebte Unternehmen einen Personalabbau (August 2012: 9 Prozent). „Die Unternehmen werden vorsichtiger: Angesichts der ungewissen Aussichten fahren sie auf Sicht und versuchen sich für einen weiteren Abschwung zu wappnen. Statt Investitionen und Neueinstellungen dürften in den kommenden Monaten vor allem Kostensenkungen auf der Agenda stehen“, kommentiert Peter Englisch, Partner bei EY, die Ergebnisse. „Der Boom auf dem deutschen Arbeitsmarkt dürfte vorerst vorbei sein.“

Stabilität im Mittelstand gesunken – Finanzierung über Banken etwas schwieriger geworden
Für viele mittelständische Unternehmen hat sich das Marktumfeld infolge der schwachen Binnenkonjunktur und der Rezession in weiten Teilen Europas verschlechtert. Dies spiegelt sich auch in den Einschätzungen der Unternehmen zur eigenen Stabilität wider: Der Anteil derer, die ihren Zustand als sehr stabil bezeichnen, ist von 30 Prozent im August 2012 auf aktuell 23 Prozent gesunken – den niedrigsten Wert seit Juli 2009, als diese Frage erstmals gestellt wurde. Jedes neunte Unternehmen befindet sich demnach derzeit in einer eher kritischen Lage (August 2012: vier Prozent).

„Die schwache Konjunkturentwicklung macht den Unternehmen zunehmend zu schaffen“, beobachtet Englisch. „Immer mehr Mittelständler kämpfen mit einer rückläufigen Auftragslage und könnten bei einer Fortdauer der Flaute in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Es wird immer deutlicher, dass Deutschland keine Insel der Seligen ist – wir können uns nicht vollständig von der Krise in weiten Teilen Europas abkoppeln. Die Mittelständler tun daher gut daran, weiter an ihrer Flexibilität zu arbeiten und sich auf verschiedene Krisenszenarien vorzubereiten, um bei Bedarf schnell und passgenau reagieren zu können.“

Generell sieht Englisch eine Polarisierung im deutschen Mittelstand: „In diesen schwierigen Zeiten trennt sich die Spreu vom Weizen: Ein Teil der Mittelständler kämpft um die Existenz. Ein größerer Teil der Unternehmen hingegen – vor allem die größeren international aufgestellten Mittelständler – nutzt die nach wie vor bestehenden Chancen, setzt auf Wachstum und gewinnt Marktanteile hinzu“. Englisch erwartet daher Konsolidierung im Mittelstand – vor allem, wenn die Konjunktur nicht rasch wieder anziehe.

Erschwerend wirkt sich vielfach auch die zunehmende Zurückhaltung der Banken bei der Vergabe von Krediten an mittelständische Unternehmen aus: 16 Prozent der Unternehmer klagen über eine schwieriger gewordene Finanzierung über die Banken – nur 7 Prozent berichten, dass es für sie leichter geworden sei, an neue Kredite zu kommen.

Konjunkturerholung ab Mitte 2013?
Trotz der deutlich eingetrübten Geschäftslage sehen aber wieder mehr Unternehmer Anzeichen für eine konjunkturelle Erholung. So ist der Anteil derer, die eine Erholung der deutschen Wirtschaft prognostizieren, im Vergleich zur Jahresmitte 2012 von 11 auf 28 Prozent gestiegen. Nur noch 23 Prozent erwarten eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland – vor sechs Monaten lag der Anteil noch bei 45 Prozent.

Auch Englisch geht davon aus, dass die aktuelle Schwächephase der deutschen Wirtschaft ab Mitte des Jahres überwunden sein wird: „Es spricht einiges dafür, dass wir uns aktuell in der Talsohle der weltweiten Konjunkturentwicklung befinden und dass es spätestens ab Sommer wieder aufwärts geht – wenn vor allem die Nachfrage aus dem Ausland wieder anzieht. Sollten aber solche dringend benötigten Wachstumsimpulse ausbleiben, müssten wir uns Sorgen machen – dann stünden viele Unternehmen mit dem Rücken zur Wand.“

Die größten Konjunkturrisiken stellen aus Sicht der mittelständischen Unternehmen weiterhin die hohen Rohstoff- und Energiepreise sowie die Verunsicherung von Verbrauchern und Unternehmen infolge der andauernden europäischen Staatsschuldenkrise dar (jeweils 70 Prozent Zustimmung).

Unternehmen erwarten Verschärfung der Staatsschuldenkrise

Nach Meinung der deutschen Mittelständler ist die Schuldenkrise in Europa noch lange nicht ausgestanden. Im Gegenteil: Knapp drei von vier Befragten rechnen damit, dass der schlimmste Teil der Krise noch bevorsteht. 30 Prozent der Manager gehen sogar davon aus, dass die europäische Währungsunion auseinanderfallen wird. Und die große Mehrheit der Unternehmer (81 Prozent) ist der Ansicht, dass am Ende auch Deutschland in erheblichem Umfang für die Schulden anderer Euro-Länder wird zahlen müssen.

„Viele Mittelständler misstrauen den bisherigen Lösungsstrategien der Politiker zur Staatsschuldenkrise. Aus eigener Erfahrung wissen sie um die Notwendigkeit struktureller Anpassungsprozesse in Krisenzeiten und sehen in einer Politik des billigen Geldes vor allem einen Aufschub der Probleme, nicht aber die Lösung“, beobachtet Englisch.