Unterwegs im Roboterauto: Zwei Drittel der Autofahrer sind offen für autonome Fahrzeuge

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Durchbruch für Autopiloten aber erst ab 2030 erwartet / Aktuelle Fahrer-Assistenzsysteme sind Wegbereiter / Straßenverkehr könnte flüssiger, ökologischer und sicherer werden / Auto trifft Big Data: Kooperationen von Autoindustrie mit Telekommunikationsbranche unumgänglich

Frankfurt, 3. September 2013. Die Industrie arbeitet unter Hochdruck an autonomen Fahrzeugen – das sind Autos, die ohne menschliches Eingreifen im Straßenverkehr unterwegs sind – und investiert Milliarden in diese Zukunftstechnologie. Aber sind die Autofahrer überhaupt bereit, sich in ein solches Roboterauto zu setzen? Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage unter 1.000 Autofahrern in Deutschland zeigen, dass das Geld der Autobranche gut investiert sein dürfte: Mehr als vier von zehn Befragten können sich vorstellen, dem Autopiloten das Steuer zu überlassen. Wenn sie in Notsituationen zudem noch selbst eingreifen könnten, erhöht sich dieser Wert sogar auf 66 Prozent. Und lediglich 12 Prozent der Befragten lehnen es kategorisch ab, ein autonomes Fahrzeug als Fortbewegungsmittel zu nutzen.

Und dieser Vertrauensvorschuss gegenüber autonomen Fahrzeugen wird vermutlich noch steigen, denn bei jungen Autofahrern im Alter bis zu 45 Jahren könnten sich sogar drei Viertel (76 Prozent) vorstellen, dem Computer das Steuer zu überlassen – bei den über 65-Jährigen ist es lediglich jeder zweite.

Mehr als die Hälfte der Autofahrer (52 Prozent) ist außerdem davon überzeugt, dass das autonome Auto zum Massenprodukt wird. Gut zwei Drittel der Befragten (68 Prozent) erwarten, dass bis zum Jahr 2030 autonome Fahrzeuge in Deutschland in größerer Zahl zu kaufen sein werden, 17 Prozent rechnen sogar bis zum Jahr 2020 mit einer solchen Entwicklung.

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY), die auf einer repräsentativen Befragung von 1.000 volljährigen Verbrauchern mit Führerschein basiert.

"Bislang hat noch kaum ein Autofahrer in Deutschland überhaupt Erfahrungen mit autonomem Fahren gesammelt – da ist es erstaunlich, wie aufgeschlossen die Menschen schon heute für dieses Thema sind", sagt Peter Fuß, Partner bei EY. Besonders groß ist die Bereitschaft bei Personen mit einem überdurchschnittlich hohen Einkommen. Während die Fortbewegung in einem autonomen Fahrzeug nur für 53 Prozent der Geringverdiener (jährliches Brutto-Haushaltseinkommen unter 20.000 Euro) vorstellbar ist, steigt dieser Wert mit den Einkommensklassen kontinuierlich an – bei Verbrauchern mit einem Jahreseinkommen von über 80.000 Euro liegt er bei 76 Prozent.

Zudem sind Männer mit 73 Prozent deutlich eher bereit, sich vom Autopiloten durch den Verkehr navigieren zu lassen als Frauen (59 Prozent). Auch Vielfahrer, die mehr als 10.000 km im Jahr mit dem Auto zurücklegen, könnten Vorreiter auf dem Weg zu einer neuen Mobilität sein (72 Prozent).

Weniger Staus, mehr Sicherheit
Aus Sicht der Autofahrer haben die Roboterautos viele Vorteile: 54 Prozent der Befragten erhoffen sich einen besseren Verkehrsfluss, fast ebenso viele (48 Prozent) mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Die Verbrauchs- und Emissionsreduzierung geben vier von zehn Befragten an. Und auch der Zuwachs an Komfort und die Möglichkeit, die Fahrtzeit für andere Dinge zu nutzen, fallen für knapp ein Drittel der Autofahrer positiv ins Gewicht (32 bzw. 31 Prozent).

Allerdings äußern die Autofahrer auch Bedenken: 46 Prozent nennen ungeklärte Haftungsfragen bei Unfällen, knapp sechs von zehn Befragten (58 Prozent) befürchten, dass die Freude am Fahren leiden könnte.

"Um den Spaß am Autofahren müssen sich die Autofahrer aber nicht sorgen", beruhigt Fuß. "Technisch werden sie in Zukunft zwischen den Fahrweisen umschalten können: Im Berufsverkehr kommt der Autopilot zum Einsatz, der Fahrer kann Mails checken oder gar ein Nickerchen machen. Auf schönen und freien Strecken kann sich der Fahrer jederzeit wieder einklinken und selbst das Steuer übernehmen."

Fahrer-Assistenzsysteme sind bereits fest etabliert
Ein Grund für die Aufgeschlossenheit der Verbraucher für autonome Fahrzeuge könnten ihre positiven Erfahrungen mit Fahrer-Assistenzsystemen sein: "Viele dieser kleinen automatischen Helfer sind in heutigen Pkw Standard – und die Fahrer haben gelernt, wie nützlich sie sein können."

Neun von zehn Befragten bescheinigen den Fahrer-Assistenzsystemen ein Plus an Sicherheit (90 Prozent) und Komfort (89 Prozent). Am bekanntesten ist der Tempomat, den bereits 63 Prozent benutzt haben, die Einparkhilfe kam schon bei gut jedem zweiten (52 Prozent) zum Einsatz. Die Lichtautomatik und das Elektronische Stabilitätssystem sind 48 bzw. 47 Prozent vertraut.

Die Befragten schätzen vor allem diejenigen Fahrer-Assistenzsysteme, die mehr Sicherheit bringen sollen: So werden Notbremssysteme und die automatische Abstandsregelung zu vorausfahrenden Fahrzeugen von 94 bzw. 88 Prozent als sinnvoll eingestuft. Auch Warnsysteme zur Überwachung des Toten Winkels stoßen auf Zustimmung (84 Prozent).

Obwohl die Autofahrer automatische Assistenzsysteme befürworten und für autonome Fahrzeuge offen sind – die Fahrt im Roboterauto ist für sie doch eher Zukunftsmusik. Durchschnittlich erwarten sie den Massenmarkt für autonome Fahrzeuge erst ungefähr ab dem Jahr 2030.

Fuß ist da optimistischer: "Das eigenständige Ein- und Ausparken von Fahrzeugen ohne Insassen oder das automatische Abbremsen vor Hindernissen sind wichtige Meilensteine auf dem Weg zum vollautomatischen Pkw – und diese könnten bereits in wenigen Jahren (2015) serienmäßig in die Neuwagen-Palette Eingang finden. Auf diesem Weg wird das autonome Fahrzeug – oder zumindest große Teile davon – vermutlich schon früher alltagstauglich sein, als es die Autofahrer heute vermuten." Das Roboterfahrzeug sei ja schon Realität: So gebe es bereits seit Jahren behindertengerechte Fahrzeuge, die ohne Lenkrad und Pedale nur noch mit Joystick bedient werden könnten. "Solche Fahrzeuge sind schon jetzt mit einer sogenannten Blackbox ausgestattet, die selbständig die Steuerungsdaten des Fahrzeugs verarbeitet – da ist der letzte Schritt zum autonomen Fahren nicht mehr weit", so Fuß. Entscheidend für den Durchbruch seien letztlich ausfallsichere Steuerungssysteme und superschnelle bzw. leistungsfähige Mobilitätsfunktechnologien. Diese Technologien müssten unter allen Bedingungen und jederzeit funktionieren, um das perfekte Zusammenspiel aus Sensoren, Kameras und riesigen Datenmengen hundertprozentig zu gewährleisten. Nur so könne die psychologische Hemmschwelle zum Autonomen Fahren beim Endverbraucher überwunden werden.

Mehr Kooperationen mit Telekommunikationsunternehmen
"Für unsere Mobilität bedeutet das autonome Fahren den Beginn einer neuen Ära", sagt Fuß. "Gerade die deutschen Hersteller und Zulieferer mit ihrer weltweit anerkannten Innovationskraft und ihrem Anspruch auf die technologische Führungsrolle können hier wieder vorne mit dabei sein – wenn sie die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkennen."

Schließlich stellt die Entwicklung autonomer Fahrzeuge die Automobilbranche vor erhebliche Herausforderungen. Damit sich ein Auto autonom bewegen kann, braucht es eine Vielzahl an Informationen: Ist ein Hindernis im Weg? Wo lauert der nächste Stau? Wo droht Glatteis? "Über das Internet werden Informationen zwischen den Autos übermittelt und Daten von Wetterstationen, Staumeldern oder Sensoren an Leitplanken und Verkehrsschildern integriert", erklärt Fuß. "Auf diese Weise stimmen sich die Autos untereinander ab und bilden zuletzt einen komplett vernetzten Verkehr. Um diese Mammut-Aufgabe zu stemmen, ist die Autobranche gut beraten, die Zusammenarbeit mit IT-, aber auch mit Telekommunikationsunternehmen zu intensivieren. Schließlich bedeutet das autonome Fahrzeug vor allem eines: Big Data. Automobilunternehmen und die IT- bzw. Telekommunikationsbranche können hier nur gemeinsam Erfolg haben", davon ist Fuß überzeugt. "Der eine braucht das Knowhow des anderen – auf die jahrzehntelange Entwicklungsarbeit im jeweils anderen Bereich kann nicht verzichtet werden."

Nicht zuletzt stehen große Investitionen in die Datennetze an. "Das Datenvolumen, das bei einer flächendeckenden Vernetzung der Autos anfiele, wäre mit den heutigen Netzen nicht zu bewältigen", betont Fuß. Daher müsste parallel zur Entwicklung der entsprechenden Soft- und Hardware im Fahrzeug an einem massiven Ausbau der Daten-Infrastruktur gearbeitet werden – ein "finanzieller Kraftakt, den weder die Auto- noch die IT- bzw. Telekommunikationsbranche alleine stemmen kann."