Chinas Autobranche drängt auf den Weltmarkt: Übernahmen ausländischer Autokonzerne erwartet

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Chinas Autoindustrie will verstärkt im Ausland investieren / Europa im Visier: Drei von zehn geplanten Auslands-Investitionen zielen auf Westeuropa / Deutschland Top-Investitionsstandort / Jeder Vierte erwartet Übernahmen von westlichen Autoherstellern durch chinesische Unternehmen / Markterfolge vor allem in Schwellenländern angepeilt

Frankfurt, 9. Oktober 2013. An China kommt kein globales Automobilunternehmen vorbei – schließlich ist das Reich der Mitte längst der größte Pkw-Markt der Welt. Die dortige Autobranche will aber schon bald auch in anderer Hinsicht von sich reden machen: Fast neun von zehn Autoherstellern und -zulieferern in China (87 Prozent) erwarten, dass die Bedeutung chinesischer Unternehmen auf dem Weltmarkt steigen wird. Bislang schätzen lediglich 7 Prozent der Befragten die Bedeutung der chinesischen Autobranche in der globalen Autoindustrie als hoch ein.

Chinas Autoindustrie peilt also den Weltmarkt an – und will dabei Gas geben: Während in den vergangenen drei Jahren lediglich jeder sechste chinesische Hersteller oder Zulieferer außerhalb Chinas investiert hat, wollen in den kommenden drei Jahren fast die Hälfte der Zulieferer (47 Prozent) und knapp ein Drittel (31 Prozent) der Hersteller im Ausland zukaufen, Kooperationen eingehen oder auf eigene Faust den Markteintritt wagen.

Deutschland steht bei chinesischen Automanagern dabei besonders hoch im Kurs: 19 Prozent bezeichnen die Bundesrepublik als Top-Investitionsstandort. Deutschland platziert sich im Ranking damit auf dem dritten Platz hinter Nordamerika (26 Prozent) und China (78 Prozent). Absatzerfolge werden sich nach Einschätzung der chinesischen Automanager eher in anderen Weltregionen einstellen: Vor allem Schwellenländer in Südost-Asien (78 Prozent) und Afrika (73 Prozent) bieten chinesischen Autobauern demnach gute Absatzchancen.

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Für die Studie wurden im August 2013 Führungskräfte von 150 chinesischen Automobilherstellern und -zulieferern befragt.

Vor allem das krisengeschüttelte Europa dürfte bei den Investitionsplänen der expandierenden chinesischen Autounternehmen eine wichtige Rolle spielen: 31 Prozent von ihnen planen Investitionen in Westeuropa, mehr als in Südost-Asien (29 Prozent), Afrika (26 Prozent) und Nordamerika (21 Prozent).

„Die europäische Autoindustrie verfügt über erhebliches technologisches Know-how und eine lange Automobiltradition – und ist derzeit der chinesischen Konkurrenz noch weit überlegen“, erklärt Peter Fuß, Senior Advisory Partner Automotive bei EY. „Für expansionswillige Unternehmen, die schnell Top-Know-how und den Zugang zum Weltmarkt suchen, ist Europas Automobilindustrie trotz Absatzkrise sehr attraktiv.“ Zumal die Zeit für einen Einstieg günstig sein könnte: „Vor allem in Südeuropa geht es bei vielen Automobilunternehmen – und zwar nicht nur bei den Herstellern – gerade ans Eingemachte. Da könnten schon bald Investoren aus Fernost ihre Chance nutzen: Mit ihren üppigen Finanzmitteln können sie ohnehin Zukäufe in erheblichem Ausmaß stemmen.“

„Eine Kooperation von europäischen Automobilunternehmen und chinesischen Investoren kann sich dabei auch langfristig als Win-win-Situation entpuppen“, betont Yi Sun, Partnerin bei EY und Leiterin der China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz: „Das haben viele erfolgreiche Kooperationen in den vergangenen Jahren bewiesen. Chinesische Unternehmen bekommen Zugriff auf europäisches Know-how und können sich verstärkt als Innovatoren positionieren – die Werkbank der Welt zu sein genügt ihnen schon lange nicht mehr. Und auch die Unternehmen aus dem Westen profitieren: Sie können ihre Finanzen aufbessern und erhalten einen besseren Zugang zum riesigen Wachstumsmarkt China.“

Auf die sanfte Tour: eher Kooperationen als Übernahmen
Beim Sprung auf den Weltmarkt setzen die chinesischen Automotive-Unternehmen vor allem auf Kooperation: Gut jeder zweite chinesische Automanager (53 Prozent) hält Joint Ventures für eine besonders erfolgversprechende Expansionsstrategie. Jeder Vierte rechnet damit, dass chinesische Unternehmen vermehrt ausländische Autokonzerne übernehmen werden. Von den Unternehmen, die derzeit konkrete Investitionspläne schmieden, setzt aber immerhin jedes zehnte auf einen Unternehmenskauf – angesichts bestehender Investitionshindernisse und einer grundsätzlichen Präferenz für Kooperationen sei das ein hoher Wert, betont Sun.

Vorteile bei solchen Auslands-Engagements sind aus chinesischer Sicht vor allem die Erschließung neuer Absatzmärkte, die stärkere Kundennähe und der Know-how-Transfer im Bereich Forschung und Entwicklung. Schließlich ist noch einiges zu tun, damit chinesische Automobilunternehmen auf dem Weltmarkt erfolgreich sein können: 92 Prozent der Befragten aus China sehen noch Nachholbedarf bei der Qualität, 89 Prozent bei der Stärkung der Marken. Und nach Ansicht von 87 Prozent der chinesischen Automanager benötigt Chinas Autoindustrie mehr technologisches Know-how.

Fuß gibt dennoch zu bedenken:„Für die etablierten Hersteller heißt es jetzt aufgepasst: Denn die Konkurrenz aus Fernost könnte sich in puncto Innovation und Markterfolg schneller zum ernst zu nehmenden Wettbewerber mausern, als so mancher in Europa, Japan und den USA es wahrhaben will. Dabei hilft der Erfahrungsaustausch mit westlichen Unternehmenspartnern, aber auch das Know-how westlicher Manager und Ingenieure, die von chinesischen Firmen angeworben werden.“

Auf diese Weise könnten auch die chinesischen Marken gestärkt werden, kommentiert Sun: „Bislang sind die chinesische Marken in Europa meist nur Experten bekannt.“ Darauf hoffen auch die chinesischen Befragten: Knapp acht von zehn Unternehmen (78 Prozent) rechnen damit, dass chinesische Automarken in Europa und Amerika Fuß fassen werden. Und immerhin jeder Vierte (24 Prozent) prognostiziert, dass die Pkws aus dem Reich der Mitte bereits in den nächsten fünf Jahren in größerem Umfang auf den Straßen Europas und Nordamerikas fahren werden.

Kulturelle Unterschiede erschweren Kooperationen
Bevor die Kooperationen mit den westlichen Partnern fruchten können, müssen chinesische Unternehmen aber einige Hindernisse überwinden: 44 Prozent berichten von kulturell bedingten Problemen im Zusammenhang mit Verhandlungspraktiken. Die unterschiedlichen Bewertungsansätze in China und den westlichen Ländern nennen 43 Prozent als Schwierigkeit. Vier von zehn Befragten fürchten mangelnde Akzeptanz bei ihren potenziellen Partnern in Europa oder Nordamerika. Und auch im Heimatland läuft nicht alles rund: 42 Prozent der Befragten stellt der Genehmigungsprozess in China bei Investitionen in Übersee vor große Herausforderungen.

„Durch solche Schwierigkeiten werden sich die chinesischen Automotive-Unternehmen aber nicht von Investitionen abhalten lassen“, ist Yi Sun überzeugt. „In dem Maße, wie die chinesischen Unternehmen ihr Auslandsengagement steigern und dabei Erfolge vorweisen können, wächst das gegenseitige Verständnis – und der beidseitige Nutzen der Kooperationen. Die chinesische Autoindustrie wird sich in den kommenden Jahren zunehmend zu einem führenden Player unter den Automobilstandorten entwickeln.“