EY Studie - Wege zum Wachstum

Sicherheit ist Mittelständlern bei der Finanzierung wichtiger als niedrige Kosten

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Mittelständler legen bei der Unternehmensfinanzierung größeren Wert auf Sicherheit als auf günstige Konditionen / Das Vertrauen in Banken sinkt: Der Mittelstand lässt sich zunehmend von unabhängigen Finanzexperten beraten /Unternehmen öffnen sich langsam dem Kapitalmarkt

Stuttgart, 03. Dezember 2013. Deutsche Mittelständler setzen bei der Unternehmensfinanzierung zunehmend auf Sicherheit. Niedrige Kosten spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. So stufen 38 Prozent der Unternehmer die Erhöhung der Eigenkapitalquote als wichtigstes Ziel der Unternehmensfinanzierung ein. Das sind neun Prozentpunkte mehr als im Jahr 2005. Die Erhöhung der Eigenkapitalquote rangierte damals noch auf Platz fünf im Prioritätenranking. Jetzt ist das Thema auf Rang eins der Agenda angekommen. „Der deutsche Mittelstand hat seine Lehren aus der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise gezogen“, sagt Britta Becker, Partnerin von EY und Leiterin des Bereichs Capital & Debt Advisory. „Unternehmen sehen die Eigenkapitalquote als Risikopuffer.“

Die meisten Unternehmen haben die Eigenkapitalquote bereits verbessert: Mittlerweile können 50 Prozent aller Mittelständler eine Quote von über 20 Prozent aufweisen. Im Jahr 2005 lag bei der Hälfte aller mittelständischen Unternehmen die Eigenkapitalquote noch bei sieben Prozent oder weniger.

Das sind zentrale Ergebnisse der aktuellen Studie „Wege zum Wachstum – Finanzierungsverhalten im deutschen Mittelstand“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Dafür wurden Geschäftsführer, Inhaber und Finanzchefs von 600 Unternehmen aus dem gehobenen Mittelstand in Deutschland befragt.

Unternehmen streben nach Finanzierungssicherheit und mehreren Finanzierungspartnern
Auf der Liste der Prioritäten bei der Unternehmensfinanzierung bestätigen auch die Ränge zwei bis vier den Wandel hin zu mehr Sicherheitsdenken. 34 Prozent der befragten Unternehmen messen der Steigerung langfristiger Finanzierungssicherheit ein hohes oder sehr hohes Gewicht bei. 25 Prozent wollen die eigene Gesamtfinanzierung stabilisieren, indem sie auf mehrere Finanzierungspartner setzen. Und 22 Prozent bewerten das Erweitern der genutzten Finanzierungsinstrumente als wichtig oder sehr wichtig.

Kostenaspekte der Unternehmensfinanzierung dagegen haben deutlich an Gewicht verloren. Nur noch 28 Prozent der Unternehmen sehen es als sehr wichtig oder wichtig an, die Finanzierungskosten zu verringern. Im Jahr 2005 hatte dieser Aspekt der Finanzierungsentscheidung noch oberste Priorität. Damals bewerteten 47 Prozent dieses Ziel als sehr wichtig oder wichtig. Auch die Steueroptimierung – ein weiterer Ansatzpunkt, um Finanzierungskosten zu senken – nimmt eine weniger wichtige Rolle ein. Gerade einmal 28 Prozent der Unternehmen messen diesem Ziel aktuell eine sehr hohe oder hohe Bedeutung bei. Im Jahr 2005 waren es noch 33 Prozent.
 
„Vor der Krise ging es um Konditionen, heute dagegen um die Verlässlichkeit einer Finanzierung“, sagt Becker. Allerdings sei dieses Urteil auch vor dem Hintergrund des aktuell niedrigen Zinsniveaus zu betrachten. Denn die Kosten für Fremdfinanzierungen liegen ohnehin auf einem historischen Tiefstand. „Aktuelle Zinssätze kommen Kreditnehmern entgegen“, sagt Becker. „Auch das verschiebt die Prioritäten sicherlich.“

Mehr Unabhängigkeit in der Beratung
Unternehmen wollen Finanzierungsentscheidungen künftig noch häufiger als in der Vergangenheit mit Hilfe unabhängiger Berater treffen. Mehr als jeder zweite Befragte setzt auf eine bankenunabhängige Beratung. „Mittelständler haben in den vergangenen Jahren Lehrgeld gezahlt“, sagt Becker. „Sie sind nun bereit, auch Honorar für Beratungsleistungen zu zahlen.“

Denn das Image der Banken hat unter der Finanzkrise gelitten – und damit auch das Verhältnis zwischen Bankberatern und Unternehmern. Weniger als jeder zweite Mittelständler bespricht Finanzierungsentscheidungen noch sehr häufig oder regelmäßig mit seiner Hausbank. Der Vertrauensverlust ist immens: Im Jahr 2005 wandten sich noch drei Viertel der Unternehmen mit Fragen zu Finanzierungsentscheidungen sehr häufig oder regelmäßig an ihre Hausbank.

Finanzierungsalternativen wecken zögerliches Interesse
Zudem interessieren sich mittelständische Unternehmen immer mehr für alternative Finanzierungswege. So finanzieren sich neun Prozent der Unternehmen inzwischen auch über Schuldscheindarlehen. Drei Prozent geben Unternehmensanleihen aus. „Deutsche Mittelständler nutzen Anleihen und Schuldscheine inzwischen häufiger – allerdings immer noch sehr zögerlich“, sagt Becker. Die meisten Investitionen werden weiterhin aus dem Eigenkapital und per Bankdarlehen finanziert. Zum Vergleich: In Großbritannien finanzierten sich im Jahr 2010 bereits 14 Prozent der Unternehmen über Anleihen, in Frankreich waren es sogar 16 Prozent.

Ein Grund: Erst im Jahr 2010 haben sich Mittelstandsanleihen in Deutschland etabliert. Seither können mittelständische Unternehmen Anleihen leichter am Kapitalmarkt platzieren – zum Beispiel an den Börsen Stuttgart, Düsseldorf, Frankfurt, München und Hamburg/Hannover.

Sowohl Schuldscheine als auch Mittelstandsanleihen werden sich in den kommenden Jahren stärker durchsetzen, ist Becker überzeugt. „Es gibt Interesse an beiden Finanzierungswegen.“ 14 Prozent aller Unternehmen halten speziell für den Mittelstand konzipierte Anleihen für interessant. Becker empfiehlt Unternehmen, sich für den Kapitalmarkt zu öffnen: „Der Kreditmarkt ist durch Basel III beschränkt. Anleihen und Schuldscheine sind gute Alternativen, um günstig Fremdkapital zu erhalten.“ Außerdem wachsen Unternehmen, die auch moderne Finanzierungsinstrumente nutzen, schneller als Unternehmen, die sich ausschließlich klassisch finanzieren. Wer neue Finanzierungswege beschreiten will, sollte allerdings auf den richtigen Dienstleister setzen, rät Becker.