EY Bankenbarometer 2014

Deutsche Banken mit trüben Geschäftsaussichten

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Europaweit am pessimistischsten: Deutsche Banken erwarten Verschlechterung der Geschäftslage /Deutsche Banken sparen und streichen Jobs / Geldinstitute wappnen sich für neue Probleme: Risikovorsorge steigt / Schlechte Noten für den Stresstest / Europaweit Hoffnung auf Konjunkturerholung

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EY Bankenbarometer Januar 2014

(PDF - 400 KB, 37 Seiten)

Frankfurt, 20. Januar 2014. Gedrückte Stimmung im deutschen Bankensektor: Aktuell erwartet nur noch gut jede dritte Bank, dass sich ihre Geschäftslage im neuen Jahr verbessern wird – im Juni 2013 hatten sich noch 43 Prozent positiv geäußert. Damit ist Deutschland das Schlusslicht im Europa-Vergleich: In Großbritannien stellen die Optimisten 87 Prozent, in der Schweiz und in Polen immerhin noch die Hälfte der Befragten. Im Schnitt sind europaweit sechs von zehn Banken davon überzeugt, dass sich ihre Geschäftslage verbessern wird.

Angesichts der schwierigen Ertragslage schnallen vor allem die deutschen Banken den Gürtel enger: Jedes zweite Geldinstitut im Land plant für das kommende Halbjahr Kostensenkungsmaßnahmen. Das trifft auch die Mitarbeiter: Mehr als jede dritte deutsche Bank (36 Prozent) plant Stellenstreichungen, vorrangig in der Verwaltung. Europaweit wollen 44 Prozent der Geldinstitute Beschäftigung abbauen, nur jedes vierte will neue Jobs schaffen. Zusätzliche Mitarbeiter einstellen wollen lediglich 15 Prozent der deutschen Banken, ebenso wenige wie in Spanien. Noch niedriger ist der Wert lediglich in Frankreich und Österreich.

Dabei führen die Banken nicht nur ihren Sparkurs fort, sondern bereiten sich auch verstärkt auf mögliche Kreditausfälle und Abwertungen vor: Drei von zehn deutschen Banken planen, ihre Risikovorsorge zu erhöhen – nur jede zehnte will sie reduzieren. 

Trotz der offensichtlich durchaus angespannten Lage im Finanzsektor: Den sogenannten „Stresstest“ der Europäischen Zentralbank hält nur ein Fünftel der Banken für sinnvoll.

Das sind Ergebnisse des aktuellen „Bankenbarometers“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Für die Studie wurden 184 Banken in mehreren europäischen Ländern befragt. In Deutschland nahmen 41 Banken an der Umfrage teil.

„Nach mehreren Krisenjahren stehen viele deutsche Banken weiter vor erheblichen Herausforderungen“, sagt Claus-Peter Wagner, Managing Partner Financial Services Deutschland bei EY. „Neue regulatorische Vorgaben und weiterhin niedrige Leitzinsen erschweren eine nachhaltige Erholung des Rentabilitätsniveaus. Für die Banken bedeutet das: Änderungen an Geschäftsmodellen und Kostenstruktur sind unumgänglich.“

Dass Deutschlands Banken im europäischen Vergleich so pessimistisch sind, erklärt sich Wagner mit dem Auseinanderklaffen zwischen der guten Entwicklung der deutschen Wirtschaft und der Finanzmärkte einerseits und der anhaltend schwierigen Lage der Banken andererseits: „Deutschlands Banken machen zurzeit vieles richtig: Sie arbeiten alte Risiken ab, stärken ihre Eigenkapitalausstattung und kommen dabei noch ihrem eigentlichen Auftrag, die deutsche Wirtschaft mit Krediten zu versorgen, durchaus vorbildlich nach. Dennoch bleiben die Erträge weiter unter Vorkrisenniveau, während die Geldinstitute anderswo – vor allem in den USA – gute bis hervorragende Ergebnisse erzielen.“ In manchen anderen europäischen Ländern sei man derzeit offensichtlich froh, dass es bislang nicht zu einer weiteren Eskalation der europäischen Schuldenkrise und entsprechenden Erschütterungen des Finanzsektors gekommen ist.

Offenbar rechnen die Bankmanager aber durchaus mit weiteren Problemen: Drei von zehn deutschen Banken wollen im kommenden Halbjahr ihre Gesamtrisikovorsorge erhöhen, nur jede zehnte will die Risikovorsorge reduzieren. Europaweit verstärkt ebenfalls jedes dritte Geldinstitut seine Risikovorsorge, lediglich 13 Prozent rechnen damit, die Risikovorsorge abbauen zu können.

„Trotz der konjunkturellen Trendwende in Europa bleiben die Banken vorsichtig. Offenbar rechnen sie mit neuen Problemen – seien es Kreditausfälle oder Abwertungen“, erklärt Dirk Müller-Tronnier, Leiter Banking & Capital Markets bei EY.

Kaum Zustimmung zu Bankentest und Stresstest
Im Kampf gegen weitere Krisen halten die deutschen Banken ein Instrument aber offenbar kaum für sinnvoll: die Überprüfung ihrer Bilanzen durch die Europäische Zentralbank – und den daran anschließenden Stresstest. Mehr als die Hälfte der Befragten hält die jetzt erfolgende Prüfung der Risikoaktiva für überflüssig. Nur jeder fünfte (22 Prozent) bezeichnet dies als notwendig.

„Für die deutschen Banken bedeutet diese zusätzliche Prüfung vor allem Arbeit und Kosten“, sagt Müller-Tronnier. „Was der Test aber mittelfristig und vertrauensbildend bringen wird, lässt sich derzeit kaum prognostizieren. Da reagieren die meisten Banken erst einmal ablehnend.“

Ohnehin sind die Finanzaufseher nach Meinung von 59 Prozent der Befragten mit der umfassenden Überprüfung der Banken zu spät dran: Nur 18 Prozent sagen, dass der Zeitpunkt der Aktionen richtig gewählt sei.

Europas Banken hoffen auf Konjunkturerholung
Zumindest im Hinblick auf die heimische Wirtschaft sind die deutschen Banken positiv gestimmt. Fast sechs von zehn Befragten erwarten in den kommenden Monaten eine Konjunkturerholung. Noch im Juni 2013 war lediglich gut jeder Vierte dieser Meinung. Von einer Verschlechterung geht aktuell lediglich jeder Zwanzigste aus.

Und auch im Rest Europas macht sich Zuversicht breit: Mehr als die Hälfte der europäischen Banken (56 Prozent) geht davon aus, dass die Wirtschaft im jeweiligen Heimatland anziehen wird, nur knapp jede zehnte rechnet mit einer Verschlechterung. Im Juni hatten noch je ein Viertel der Befragten eine Verbesserung bzw. Verschlechterung prognostiziert.

„Die Spar- und Reformbemühungen in Europa beginnen zu greifen, und die Konjunktur kommt wieder etwas zu Kräften – wenngleich es noch ein langer Weg sein wird, bis die europäische Wirtschaft die Krise ganz überwunden hat“, sagt Wagner. „Mittelfristig hängen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft eng zusammen – und somit sind die positiven Konjunkturaussichten auch für die Banken ein Anlass für Optimismus.“

Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung im Land hegen vor allem die Banken in Polen (86 Prozent) und Spanien (77 Prozent), die Geldinstitute in Italien (44 Prozent) und den Niederlanden (40 Prozent) bleiben hingegen zurückhaltend.

Steigende Nachfrage nach Immobilienkrediten
Auf dem Weg dorthin bauen die deutschen Banken vor allem auf die Privatkunden: 56 Prozent sehen hier in den kommenden Monaten gute Chancen. Ein ähnlich hoher Anteil (55 Prozent) baut auf das Geschäft mit gehobenen Privatkunden. Bei der Transaktionsberatung (M&A) und bei der Ausgabe von Aktien und Anleihen sind hingegen lediglich 24 bzw. 14 Prozent zuversichtlich.

„Im Zuge der Krise haben viele deutsche Banken die Privatkunden neu entdeckt – und das zu Recht“, betont Müller-Tronnier. „Trotz historisch niedriger Zinsen bietet dieses Geschäft für glaubwürdige Angebote gute Perspektiven: Wohlhabende Kunden haben einen hohen Beratungsbedarf und suchen eine exklusive Betreuung, während in der Breite zinsgünstige Immobilien- und Konsumentenkredite angesichts der guten Konjunkturaussichten wenig Risiko und verlässliche Einnahmen versprechen.“

In Deutschland erwarten sechs von zehn Banken in den kommenden Monaten eine noch stärkere Nachfrage nach Immobilienkrediten. Spar- und Einlageprodukte sind hingegen weniger gefragt – nur jede dritte Bank sieht in diesem Bereich Wachstumschancen. Und auch bei den Firmenkunden kann von einer Kreditklemme keine Rede sein: Jede zweite Bank in Deutschland will in den kommenden Monaten ihre Kreditvergabe an Unternehmen erhöhen (europäischer Durchschnitt: 46 Prozent).