EY Start-up Barometer 2014

Finanzierungsengpass bedroht deutschen Gründer-boom – Berlin hängt andere Start-up-Hochburgen ab

  • Share

Berlin entwickelt sich weiter zum Zentrum der deutschen Gründerszene – und erhält deutschlandweit die besten Noten / Zu klein, zu deutsch, zu weit weg: Nur 9 Prozent der Unternehmen haben einen ausländischen Investor / Nur jedes vierte Start-up peilt den Weltmarkt an

Download des
EY Start-up Barometers 2014

(PDF - 787 KB)

Berlin, 02. April 2014. Deutsche Start-ups blicken überaus optimistisch in die Zukunft: Für das kommende Jahr rechnen die Jungunternehmen im Durchschnitt mit einem Umsatzwachstum von 66 Prozent. Und zwei von drei Start-ups wollen neue Mitarbeiter einstellen – jeder zweite rechnet sogar mit einem Beschäftigungswachstum von mindestens 20 Prozent.

Dabei zieht es die deutsche Start-up-Szene vor allem nach Berlin: 80 Prozent der befragten Gründer sind der Meinung, dass die Bundeshauptstadt die besten Rahmenbedingungen für junge Unternehmen bietet – Bayern und Hamburg folgen mit großem Abstand auf den Plätzen zwei und drei.

Die Wachstumsprognosen vieler Start-ups könnten allerdings auf wackeligen Beinen stehen: Gut vier von zehn Gründern machen sich Sorgen um die weitere Finanzierung, zwei von drei Start-ups benötigen in den kommenden zwei Jahren einen neue Finanzrunde. Immerhin jedem dritten Jungunternehmer bereitet zudem der Fachkräftemangel Kopfzerbrechen.

Das sind Ergebnisse des Start-up-Barometers der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Die Studie beruht auf einer Befragung der Gründer von 151 deutschen Start-ups.

Haupthindernis bei Gründungen in Deutschland ist die Finanzierung: Der klassische Bankkredit kommt zumeist nicht in Frage, da keine Sicherheiten vorhanden sind – stattdessen finanzieren sich die meisten Start-ups zunächst einmal aus Eigenmitteln. „In der Anfangsphase schießen oft Eltern, Großeltern, Bekannte und Business Angel einige Tausend Euro zu“. Diese „Family&Friends“-Finanzierung sei aber alles andere als nachhaltig und reiche oft nur für wenige Monate aus, so Peter Lennartz, Partner bei EY. „Viele Start-ups kommen – trotz guter Geschäftsidee – nicht über die Anfangsphase hinaus, weil ihnen das Geld ausgeht“.

Banken kommen, wenn überhaupt, als Finanzierer zumeist erst in einer deutlich späteren Phase der Unternehmensentwicklung ins Spiel. Über alle befragten Start-ups hinweg finanzieren sich nur 11 Prozent der Unternehmen über Banken.

„Start-ups müssen enorm um frische Geldmittel kämpfen – die ständige Suche nach Investoren hält viele junge Gründer von der zügigen Fort- und Weiterentwicklung ihrer Geschäftsidee ab. Das eigentliche Problem besteht dabei in der fehlenden adäquaten Venture Capital Landschaft wie sie z.B. in den USA, in England oder Israel besteht. Finanzierungsprobleme könnten dem aktuellen Gründerboom in Deutschland daher ein jähes Ende bereiten“, so Lennartz.

„Die Finanzierung wird weiter die entscheidende Hürde für deutsche Start-ups bleiben“, erwartet Lennartz. Große Markterfolge deutscher Start-ups werden nach seiner Einschätzung daher – zumindest im Vergleich zur US-Start-up-Szene – weiter die Ausnahme bleiben, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht entscheidend ändern.

Ausländische Investoren bisher Mangelware
Auch wenn in jüngster Zeit einige deutsche Start-ups mit dem Einstieg prominenter ausländischer Investoren von sich Reden machten, sei nicht zu erwarten, dass ausländisches Kapital kurzfristig in großem Stil nach Deutschland fließen werde, erwartet Lennartz.

Denn trotz des bemerkenswerten Imageaufschwungs gerade des Standorts Berlin blicken nach wie vor nur wenige internationale Investoren nach Deutschland – was auch damit zusammenhänge, dass die hiesigen Start-ups zu klein seien und nur wenige Gründer den Weltmarkt anpeilen: Gerade einmal jedes vierte Unternehmen ist derzeit auf den Weltmarkt ausgerichtet – die meisten zielen auf den deutschsprachigen Raum ab.

Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach ausländischen Investoren: Nur 9 Prozent der befragten Unternehmen haben einen ausländischen Kapitalgeber im Boot. Die meisten Gründer – fast 80 Prozent – versuchen allerdings gar nicht erst, ausländische Investoren anzusprechen.

Um für ausländische Investoren interessant zu werden, müsse sich die deutsche Start-up-Szene weiter professionalisieren, so Lennartz: „Größer denken, wirklich innovative Ideen und neue Technologien ausprobieren, schnell den Weltmarkt anpeilen, international auf sich aufmerksam machen und so viele Klinken wie möglich putzen – so können deutsche Start-ups auch für ausländische Investoren attraktiv werden“.

Positiv sei hier allerdings die Entwicklung einer neuen Generation von Gründern zu beobachten – schon 49 Prozent aller befragten Gründer haben bereits mindestens eine Gründung bzw. einen Exit hinter sich – und immerhin jeder zwanzigste Gründer war schon an mehr als fünf Gründungen beteiligt.

Im vergangenen Jahr wurden deutschlandweit nach Angaben des Branchenverbands BVK gerade einmal 417 Millionen Euro an Risikokapital in Start-up-Unternehmen in der Seed- und Start-up-Phase investiert (2012: 366 Millionen Euro. „Das ist viel zu wenig, um der deutschen Start-up Szene einen echten Schub zu verleihen“, so Lennartz.

Immerhin sieht Ulrich Plett, Partner bei EY und Leiter der Niederlassung Berlin, hier eine positive Entwicklung – vor allem am Standort Berlin: „Erfolgreiche frühere Start-ups, die den Durchbruch geschafft haben, wurden zu Kaderschmieden für junge Gründer von heute. Diese haben ihr Handwerk gelernt und agieren professioneller als frühere Gründergenerationen – und sie wissen, was Investoren wollen“.

Mittelmäßige Noten für den Standort Deutschland
Nur 30 Prozent der befragten Unternehmen bewerten die aktuellen Rahmenbedingungen für Start-ups in Deutschland als gut, weitere 44 Prozent nennen sie befriedigend. Immerhin jeder vierte Gründer bezeichnet die Situation in Deutschland aber als schlecht.

Innerhalb Deutschlands entwickelt sich Berlin eindeutig zum Zentrum der Start-up-Szene: Für 80 Prozent der Unternehmer ist Berlin das Bundesland, das derzeit die besten Voraussetzungen für junge Gründer bietet. Weit abgeschlagen dahinter rangieren die Standorte Hamburg (35 Prozent) und Bayern mit dem Zentrum München (26 Prozent). Nur 18 Prozent bezeichnen Nordrhein-Westfalen – mit dem Zentrum Köln – als einen führenden Start-up-Standort in Deutschland.

Für die Gründer sind die Verfügbarkeit von Fachkräften und die Finanzierungsmöglichkeiten die wichtigsten Standortfaktoren: 68 Prozent der Gründer bewerten das Vorhandensein von Fachkräften als entscheidendes Kriterium für einen Top-Standort, 59 Prozent sehen in den Finanzierungsmöglichkeiten vor Ort einen sehr wichtigen Standortfaktor.
Bei diesen beiden Faktoren schneiden Hamburg bzw. Berlin am besten ab: 65 Prozent der Befragten halten Hamburg hinsichtlich der Verfügbarkeit von Fachkräften für den besten Standort, 44 Prozent finden in Berlin das attraktivste Umfeld für die Finanzierung. Berlin belegt zudem den ersten Platz in den Kategorien „Netzwerke“ und „Verfügbarkeit bezahlbaren Büroraums“. Diese beiden Aspekte werden immerhin von 45 bzw. 41 Prozent der Befragten als „sehr wichtig“ bezeichnet.

„In Berlin entwickelt sich ein starkes und funktionierendes Start-up-Ökosystem – eine Entwicklung, die eine große Eigendynamik gewonnen hat und Berlin auch zu einem europäischen Start-up-Zentrum macht“, beobachtet Plett.
Unterstützung durch die Politik dürfte zwar bei Gründern durchaus gern gesehen sein, ist aber aus Sicht der Befragten kein wichtiges Kriterium für einen guten Standort: Nur 14 Prozent legen großen Wert auf Schützenhilfe vonseiten der Politik.

Eine Verbesserung der Qualität des Start-up-Standorts Deutschland ließe sich nach Ansicht der befragten Unternehmensgründer vor allem über eine Verbesserung der Finanzierungsbedingungen in Deutschland erreichen: 63 Prozent der Gründer fordern einen vereinfachten Zugang zu Krediten in Form von Bundesbürgschaften oder Förderprogrammen. Jeder zweite wünscht sich sogar einen großen bundeseigenen Start-up-Fonds. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, halten 33 Prozent eine verstärkte Zuwanderung nach Deutschland und/oder eine vereinfachte Visaerteilung für geboten.

Frischzellenkur für die Old Economy
„Wenn sich die Finanzierungsbedingungen für Start-ups nicht massiv verbessern, dürften durchgreifende Markterfolge deutscher Start-ups – gerade im Vergleich zu den USA – weiter die Ausnahme bleiben“, so Lennartz. Der Innovationsstandort Deutschland allerdings profitiere bereits heute erheblich vom Boom bei den Jungunternehmen: „Start-ups fungieren zunehmend als Frischzellenkur für die Old Economy. Immer mehr etablierte Konzerne strecken die Fühler aus in Richtung Start-up-Szene“, beobachtet Lennartz. „Sie gründen eigene Risikokapital-Gesellschaften bzw. errichten neue Acceleratorenprogramme und Company Builder in Berlin, über die sie in Kontakt zu innovativen Start-ups treten“.

Hintergrund sei, dass sich immer mehr Branchen von den Auswirkungen der Digitalisierung bedroht sehen – etwa die Medienlandschaft, Banken, Pharmaunternehmen oder Automobilhersteller.

„Große Konzerne wie auch der deutsche Mittelstand müssen sicher gehen, rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu erkennen – statt irgendwann mit ansehen zu müssen, wie ihnen die digitale Transformation ihr Geschäftsmodell raubt. Die Old Economy verspricht sich von der Kooperation mit Start-ups das nötige Plus an Innovationskraft, das ihnen helfen kann, die Herausforderungen der digitalen Transformation besser zu bewältigen“, so Lennartz.

„Die Stärke des Start-up-Standorts Berlin ist also vor allem eins“, fasst Plett zusammen: „Eine große Chance für den Innovationsstandort Deutschland – und zwar dann, wenn es gelingt, die Finanzierungsmöglichkeiten – vor allem durch ausländische Investoren – zu verbessern und eine fruchtbare Symbiose zwischen Old- und New Economy herbeizuführen“.