Rekordsumme für deutsche Start-ups – Berlin ist Europas Start-up-Hauptstadt

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  • Investitionen in deutsche Start-ups boomen – Finanzierung verdoppelt sich auf 3,1 Milliarden Euro
  • Berlin beim Investitionsvolumen vor London, Stockholm, Paris und Hamburg
  • Europaweit Anstieg der Investitionen um 56 Prozent auf 11,8 Milliarden Euro

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Start-up-Barometer Deutschland -
Januar 2016

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Berlin, 21. Januar 2016. Die Investitionen in deutsche Start-ups haben 2015 ein neues Rekordniveau erreicht. Insgesamt wurden knapp 3,1 Milliarden Euro in deutsche Start-ups investiert1, das ist fast doppelt so viel Geld wie im Vorjahr, als 1,6 Milliarden Euro investiert wurden und fast fünfmal so viel wie 2013.

Das meiste Geld fließt nach Berlin: Investoren versorgten im vergangenen Jahr Berliner Start-ups mit insgesamt 2,1 Milliarden Euro an frischem Kapital – insgesamt wurden in Berlin 205 Finanzierungsrunden gezählt, von denen 183 Berliner Unternehmen profitierten. Damit konnte die Berliner Start-up-Szene ihre Spitzenposition in Deutschland abermals ausbauen: Im Ranking der Bundesländer belegt Bayern mit 74 Transaktionen den zweiten Platz. Gemessen am Investitionsvolumen liegt Hamburg mit knapp 300 Millionen Euro hinter Berlin.

Auch europaweit hatte Berlin im vergangenen Jahr die Nase vorn: Im europäischen Städte-Ranking belegt die Bundeshauptstadt vor London (1,7 Milliarden Euro), Stockholm (992 Millionen Euro) und Paris (687 Millionen Euro) den ersten Platz. Hamburg und München belegen mit 296 und 206 Millionen Euro den fünften und sechsten Rang im Europa-Ranking.

Europaweit wurden 2015 insgesamt knapp 11,8 Milliarden Euro in Jungunternehmen investiert – ein Anstieg um 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein neuer Rekordwert. Dabei konnten deutsche Start-ups erstmals mehr Geld einwerben als britische Jungunternehmen: Britische Start-ups erhielten 2,6 Milliarden Euro – 46 Prozent mehr als 2014. Auf dem dritten Platz rangiert Frankreich mit 1,5 Milliarden Euro – 28 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das sind Ergebnisse des Start-up-Barometers der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young). Die Studie beruht auf einer Analyse der Risikokapitalinvestitionen in Europa in den Jahren 2013 bis 2015.

Trotz des Investitionsbooms in Deutschland: Längst nicht alle Firmenneugründungen haben etwas vom Geldregen. Insgesamt haben im vergangenen Jahr 371 Jungunternehmen Risikokapital erhalten – nur 48 von ihnen konnten sich über eine zweistellige Millionensumme freuen, gerade einmal neun Unternehmen erhielten mehr als 50 Millionen Euro. Mit Abstand das meiste Kapital konnte der Lieferdienst Deliveryhero einwerben, der insgesamt fast 590 Millionen Euro erhielt.

Peter Lennartz, Partner bei EY, kommentiert: „Deutsche und ausländische Investoren nehmen zunehmend deutsche Internet- und Technologie-Start-ups ins Visier. Die Risikobereitschaft und der Anlagedruck sind so groß wie lange nicht mehr – und die starken Schwankungen an den Aktienmärkten, die anhaltende Niedrigzinsphase und die gleichzeitig immer deutlicher werdende enorme Bedeutung der Digitalisierung machen junge Technologieunternehmen zu reizvollen Investitionszielen“.

Der Investitionsboom wird zusätzlich befeuert durch zahlreiche erfolgreiche Exits, die zeigen, dass deutsche Start-ups attraktive und renditeträchtige Investitionsziele sein können. So konnte windeln.de, ein Onlineshop für Babybedarf, bei seinem Börsengang 183 Millionen Euro erlösen. Und 360T, eine Devisenhandelsplattform mit Sitz in Frankfurt, wurde für 725 Millionen Euro von der Deutschen Börse gekauft. Das Berliner Start-up 6Wunderkinder wurde von Microsoft übernommen – laut Marktgerüchten für einen dreistelligen Millionenbetrag.

„Erfolgreiche und große Exits zeigen, dass sich das Investment auch für die Kapitalgeber lohnen kann – das schafft zum einen Vertrauen, zum anderen aber auch die unbedingt nötige internationale Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit für die deutsche Start-up Szene“, betont Lennartz. Allerdings: „Für die große Mehrheit der deutschen Start-ups bleibt es eine Herausforderung, die zur Expansion nötigen Finanzmittel zu erhalten“. Unternehmensneugründungen mit innovativen Geschäftsmodellen, einem überzeugende Gründerteam haben es dabei nicht mehr so schwer, an frisches Geld zu kommen, wie noch vor ein oder zwei Jahren. Business Angels, erfolgreiche Gründer nach einem Exit, kleineres VCs, Acceleratoren sowie staatliche Förderprogramme bieten inzwischen reichlich Gelegenheit zur Frühphasenfinanzierung. Die Probleme beginnen bei Finanzierungen im höheren einstelligen Millionenbereich: „Für die internationalen Investoren sind Investitionen unter zehn Millionen Euro einfach viel zu klein – für deutsche Fonds und Angels dagegen sind Finanzierungen von mehr als fünf Millionen Euro – noch – zu groß.“

Berliner Start-ups legen besonders stark zu
Innerhalb Deutschlands entwickelte sich vor allem der Standort Berlin extrem dynamisch: Die Zahl der Finanzierungsrunden stieg von 111 auf 205, das Investitionsvolumen hat sich sogar von 891 Millionen Euro auf 2,17 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. In Bayern stieg die Zahl der Finanzierungsrunden von 50 auf 74, in Baden-Württemberg von 22 auf 29 und in Hamburg von 17 auf 28. Nur leicht gestiegen ist die Zahl der Deals in Nordrhein-Westfalen – von 22 auf 24.

„Berlin hat sich in den vergangenen Jahren auch international als attraktiver Standort für Firmengründer etabliert, auch ausländische Investoren haben die Bundeshauptstadt inzwischen auf dem Schirm. In Berlin ist in den vergangenen Jahren ein funktionierendes und professionelles Ökosystem für Start-ups entstanden, das aktuell die höchsten Wachstumsraten weltweit vorweisen kann, damit international absolut wettbewerbsfähig und für Talente aus allen Teilen der Welt hoch attraktiv ist“, beobachtet Lennartz. „Andere Regionen Deutschlands haben es zunehmend schwer, in punkto Sichtbarkeit und Anziehungskraft mit Berlin mitzuhalten – obwohl auch dort hervorragende Start-ups in wachsenden Ökosystemen entstehen“.

Das meiste Geld fließt in Online-Handel und FinTechs
Fast 1,8 Milliarden Euro an Risikokapitalinvestitionen flossen 2015 in Start-ups aus dem Bereich Konsumentendienstleistungen/Handel – dazu zählen unter anderem Lieferdienste oder Online-Händler und Shopping Clubs. In diesem Segment wurden insgesamt 145 Finanzierungsrunden gezählt.

Auf Rang zwei folgt die Branche Finanzdienstleistungen/FinTech: Bei 45 Finanzierungsrunden wurden gut 600 Millionen Euro an Risikokapitalinvestitionen eingeworben. Anbieter von Unternehmenssoftware und Big-Data-Lösungen erhielten in 95 Fällen frisches Kapital – insgesamt 283 Millionen Euro kamen dabei zusammen.

„E-Commerce, FinTech und Big Data sind derzeit aus Investorensicht die vielversprechendsten Segmente. Hier wird offenbar das größte Potenzial gesehen, hier wird das meiste Geld investiert und hier haben Jungunternehmen die besten Chancen, Risikokapital einzuwerben“, stellt Lennartz fest. Insgesamt ist festzustellen, dass Start-ups in immer mehr Bereichen der Wirtschaft neue, digitale Geschäftsmodelle entwickeln und die traditionellen Player herausfordern – z.B. in den Bereichen Energie, Gesundheit, Real Estate, Learning und Talent Development, Versicherungen, Smart-Home, Internet of Things, Mobility sowie in klassischen Dienstleistungsbranchen wie Umzugsunternehmen oder Rechtsanwälte.“

Immer stärkeres Engagement von Großkonzernen in der Start-up Szene
Wie ernst Start-ups inzwischen auch von den etablierten deutschen Konzernen genommen werden, lässt sich auch an der steigenden Zahl von Investment-Aktivitäten ablesen, die von Großkonzernen aufgelegt werden. Im vergangenen Jahr stieg ihre Zahl von 32 auf 40. Ob BMW, BASF, Deutsche Telekom oder Volkswagen – kaum ein namhafter deutscher Konzern ist inzwischen nicht im Start-up-Umfeld aktiv, entweder mit eigenen Venture Capital Fonds oder Acceleratoren.

„Immer mehr junge deutsche Unternehmen treten den Beweis an, dass sie die mit der Digitalisierung verbundenen Umbrüche aktiv und erfolgreich mitgestalten können. Dieses Know-how und diese Dynamik möchten sich auch die Unternehmen der „Old Economy“ sichern. Sie gründen eigene Risikokapital-Gesellschaften bzw. errichten neue „Acceleratoren-programme“ und „Company Builder“, über die sie in Kontakt zu innovativen Start-ups treten“. Große Konzerne wie auch der deutsche Mittelstand müssten sicher gehen, rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu erkennen – statt irgendwann mit ansehen zu müssen, wie ihnen die digitale Transformation ihr Geschäftsmodell raubt, betont Lennartz: „Die Old Economy verspricht sich von der Kooperation mit Start-ups also das nötige Plus an Innovationskraft, das ihnen helfen kann, die Herausforderungen der digitalen Transformation besser zu bewältigen“, so Lennartz. „Die Stärke gerade des Start-up-Standorts Berlin ist also auch eine große Chance für den Innovationsstandort Deutschland – und zwar dann, wenn es gelingt, die Finanzierungsmöglichkeiten weiter zu verbessern und eine fruchtbare Symbiose zwischen Old- und New Economy herbeizuführen“.

1 Nur für basiert auf veröffentlichten Angaben zur Investitionssummen.