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„Wir brauchen eine partizipative Innovationskultur“

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Innovationen sind der Motor für Wachstum, Erfolg und eine besser funktionierende Welt. Doch viele Unternehmen tun sich schwer mit der Entwicklung neuer Ideen und Produkte.

Dr. Thomas Heimer, Professor für Innovationsmanagement an der Hochschule RheinMain, über Routinen und die Angst vor dem Neuen, die notwendige Narrenfreiheit von In-House-Garagenfirmen und den Mut echter Entrepreneure. Und darüber, was große von kleinen Unternehmen lernen können.


Gibt es ideale Voraussetzungen für die Entwicklung neuer Ideen und Produkte?

Prof. Dr. Thomas Heimer: Innovationen brauchen eine Plattform, einen Nährboden. Dieser Nährboden ist umso fruchtbarer, je mehr Gärtner sich auf ihm tummeln.

Die alte Idee, dass Fortschritt und Innovation eindimensionale Vorgänge sind, ist falsch. Je mehr Player von Anfang an in den Innovationsprozess eingebunden sind und mitspielen, desto erfolgreicher ist er.

Es kommt alles darauf an, Kunden, Hersteller, Wissenschaftler und Investoren zusammenzubringen. Was wir brauchen, ist eine partizipative Innovationskultur.


Und was sind die Bremsklötze, die Innovationen verhindern?

Heimer: Routinen, Angst vor dem Neuen und Unbekannten, Einzelgängertum. Viele Innovationen scheitern bereits im Vorfeld an den Gewohnheiten, die sich in den Köpfen der Forscher und Entwickler festgesetzt haben.

Das ganz Neue und andere verlangt, dass ich alte und bis dahin erfolgreiche Bahnen verlasse und mich auf unbekanntes Terrain wage – und davor hat nicht nur der einzelne Mensch, sondern auch jedes Unternehmen Angst.

Darüber hinaus werden viel zu oft die Kunden vergessen. Wenn die Nutzer nicht in den Innovationsprozess eingebunden werden, scheitert er. Das haben wir bei der Biotechnologie gesehen und werden es vielleicht auch bei der E-Mobility erleben.


Oft sind es gerade kleine Garagenfirmen, die Innovationen auf den Weg bringen. Woran liegt das?

Heimer: Weil sie an keinerlei Routinen und Paradigmen gebunden sind und von keiner unternehmensinternen Forschungs- und Entwicklungsabteilung ausgebremst werden. Sie haben eine Idee, die sie mit einem unbeirrbaren Blick auf ihre potenziellen Kunden konsequent umsetzen. Genau das sind die Erfolgsrezepte von Microsoft, Apple, Facebook oder Tesla.

Das endgültige Produkt muss dann nicht unbedingt die beste Technologie besitzen. Es gibt stärkere Smartphones als das iPhone, aber keines, das so genial einfach ist.


Was können mittelständische oder auch große Unternehmen von diesen Garagenfirmen lernen?

Heimer: Sie sollten kleine Business-Units aufbauen, die völlig losgelöst und ungestört von der übrigen Unternehmensorganisation forschen und entwickeln können. Diese In-House-Garagenfirmen besitzen so etwas wie Narrenfreiheit, schaffen sich ihr eigenes Netzwerk und sind direkt beim Geschäftsführer oder Vorstand aufgehängt.

Damit ist sichergestellt, dass ihre Ideen von den etablierten Platzhirschen nicht schon im Keim erstickt werden, weil diese sich bedroht fühlen.

Innovationen sind wie ein Seil. Man kann sie ziehen, aber nicht drücken. Und es liegt in ihrer Natur, dass sie Routinen zerstören.


Kann ein fest definierter Innovationsprozess die Entwicklung von neuen Produkten und Verfahren fördern?

Heimer: Das kommt darauf an. Zunächst gilt, dass feste Strukturen wie ein Korsett wirken und damit Innovationen hemmen. Aber sie können auch dazu beitragen, dass sie sich durchsetzen.

3M beispielsweise hat einen Prozess implementiert, der festlegt, dass jede gefloppte Innovation in mindestens drei anderen Bereichen vorgestellt wird. Damit soll sichergestellt werden, dass die neue Idee nicht im ersten Anlauf stirbt, sondern eine zweite und dritte Chance erhält.

So sind auch die Post-its entstanden: Aus der ursprünglichen Idee, eine leicht ablösbare Tapete zu entwickeln, wurden die kleinen Notizblätter mit dem Klebestreifen.


Innovation ist also machbar?

Heimer: Ja. Wir müssen ihr nur Raum geben. Wir müssen den Mut haben, gewohnte Wege zu verlassen und Dinge einmal ganz anders zu machen – beispielsweise eine Karosserie nicht mehr aus Stahl oder Aluminium, sondern aus Karbon zu bauen.

Dagegen werden sich Ingenieure alter Schule vielleicht erst einmal wehren, weil es ihr Weltbild infrage stellt. Aber Innovationen besitzen immer Gefährdungspotenzial.

Innovative Menschen und Unternehmen zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie dieses Gefährdungspotenzial annehmen und positiv umsetzen. Und das macht sie zu echten Entrepreneuren, die mit ihren Innovationen die Welt ein Stück voranbringen und besser machen.


Prof. Dr. Thomas Heimer ist Professor für Innovationsmanagement an der Hochschule RheinMain, Wiesbaden/Rüsselsheim. Darüber hinaus hat er eine Honorarprofessur an der Frankfurt School of Finance and Management, an der er auch zehn Jahre als geschäftsführender Dekan tätig war. Thomas Heimer setzt sich seit über 30 Jahren mit Innovationsprozessen auseinander, zunächst an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in Frankfurt, dann als Bereichsleiter bei der VDI/VDE-IT GmbH.