Building a better working world

„Glück ist ein Indikator für eine bessere Welt“

Interview mit Professor Dr. Joachim Fischer von der TU Dresden

  • Share

Was macht eine bessere Welt aus? Und welche Rolle spielt das Glück des Individuums dabei? Diese spannenden Fragen beantwortet der Dresdner Professor Joachim Fischer aus philosophischer Sicht.

Gibt es eine philosophische Idee einer „besseren Welt“?

Prof. Dr. Joachim Fischer: Anstatt von einer Idee zu sprechen, erscheint es mir besser, eine Unterscheidung zu treffen.

Für das geschichtsphilosophische Denken ist die aktuelle Wirklichkeit immer eine schlechte. Diese gilt es zugunsten der „besten aller Welten“ zu überwinden. Diese radikale Perspektive verfolgt etwa die kommunistische Geschichtsauffassung eines Georg Lukács. Wenn alle Grundwidersprüche gelöst sind und diese „beste aller Welten“ erreicht ist, gäbe es eigentlich nichts mehr zu tun.

Demgegenüber steht die philosophisch-anthropologische Auffassung. Für sie ist die aktuelle Wirklichkeit etwas, in der die Menschen immer neu anfangen müssen, um die Welt zu optimieren.

Der Philosoph Helmuth Plessner beispielsweise geht davon aus, dass die Menschen mit dem, was sie erreicht haben, aus Prinzip nicht zufrieden sind. Sie müssen in ihrer Arbeit immer neu ansetzen, um ihr verborgenes Potenzial angemessen auszudrücken und die Welt besser zu machen.

Die Welt bietet – ebenso wie der Mensch – unendliche Möglichkeiten, die es zu entfalten gilt.


Welche Rolle spielt das Glück des Individuums in einer besseren Welt?

Fischer: Das Glück des Individuums ist ein Indikator für eine bessere Gesellschaft, für eine bessere Welt. Denn das individuelle Glück ist abhängig von der Erfahrung, die der einzelne Mensch in und mit der Gesellschaft macht, wie er in sie eingebettet ist und sich in ihr aufgehoben fühlt.

Gesellschaftsvergleichende soziologische Glücksuntersuchungen zeigen, dass Menschen in materiell reicheren Gesellschaften nicht unbedingt „glücklicher“ sind als in ärmeren.

Glück bedeutet offensichtlich die biographische Möglichkeit, seine eigenen Pläne, Wünsche und Ziele auf verschiedenen Ebenen zu realisieren. Dazu gehört es auch, seine Talente zur Geltung und mit den Forderungen der Gesellschaft in Einklang zu bringen. Je besser dies gelingt, umso glücklicher ist das Individuum – und umso besser die Welt oder die Gesellschaft, die das fördert.


Wie hängen ein „gutes Leben“ und eine „bessere Welt“ zusammen?

Fischer: Ein gutes Leben bemisst sich daran, inwieweit sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft ihre widerstreitenden Fähigkeiten, Aufgaben und Interessen miteinander in Einklang bringen können ‒ inwieweit sie also eine gerechte Proportion zwischen den gegensätzlichen Faktoren schaffen können. Dieses schon bei Platon entwickelte philosophische Verständnis des „guten Lebens“ bietet meiner Meinung nach einen Maßstab, um zu beurteilen, ob wir in einer besseren Welt leben oder nicht.

Dabei geht es aus heutiger Sicht mindestens um vier Dimensionen: die Ausgewogenheit der individuellen Eigenschaften, Aufgaben und Ziele eines Menschen; die Ausgewogenheit der Teilsysteme, auch der Teilgruppen einer Gesellschaft; die Ausgewogenheit des Verhältnisses einer Gesellschaft zur Natur, das heißt ob wir verantwortungsvoll mit ihr umgehen; und schließlich die Ausgewogenheit zwischen den verschiedenen Völkern, Nationen und Kulturen.

Wenn wir uns bemühen, in diesen unterschiedlichen Dimensionen jeweils eine Balance herzustellen, arbeiten wir an einem guten Leben und einer besseren Welt.


Wie lässt sich eine bessere Welt schaffen?

Fischer: Wir sollten uns auf zwei Dinge konzentrieren.

Zum einen müssen wir unsere gesellschaftlichen, sozialen, rechtlichen und politischen, aber auch unsere wirtschaftlichen Errungenschaften hüten wie unseren Augapfel. Sie sind nichts Selbstverständliches. So ist beispielsweise die relativ reibungslose Versorgung mit Waren und Dienstleistungen, das heißt eine funktionierende Ökonomie, durchaus eine wesentliche Voraussetzung für eine bessere und glücklichere Welt.

Aber zugleich gibt es das Glück des öffentlichen Lebens, wenn dieses durch freiwilliges Engagement immer wieder erneut in Schwung versetzt wird.

Wer bereit ist, unaufgefordert für andere, für seine nächste Umgebung, für Randgruppen und für die Gesellschaft, in der er lebt, Verantwortung zu übernehmen – sei dies mit freiwilligen Initiativen oder über Ehrenämter –, der löst in sich und im Kollektiv Glücksschwingungen aus. Die Philosophin Hannah Arendt hat das mit dem Begriff der „vita activa“ im öffentlichen Raum auf den Punkt gebracht.

Die Unternehmen, die diese beiden Dinge in ihre Zielbestimmung aufnehmen, arbeiten sicher an einer „besseren Welt“.