Finanzinvestoren im ersten Halbjahr sehr aktiv – Milliardentransaktionen bleiben aber aus

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  • Zahl der Private-Equity-Transaktionen im ersten Halbjahr von 65 auf 91 gestiegen
  • Transaktionswert mit 5,3 Milliarden Euro leicht über dem Niveau des Vorjahreszeitraums
  • Strategische Investoren investieren mit 23,1 Milliarden Euro die höchste Summe seit 2013
  • EY: „Für die zweite Jahreshälfte sind wesentlich höhere Transaktionswerte zu erwarten“

Frankfurt, 13. Juli 2017. Die Zahl der Transaktionen durch Finanzinvestoren ist im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich angestiegen von 65 auf 91 Transaktionen. Seit 2008 wurde nur im zweiten Halbjahr 2016 ein höherer Wert von 125 Transaktionen erreicht. Trotz des Anstiegs blieb der Transaktionswert mit 5,3 Milliarden Euro nur leicht über dem Niveau des Vorjahreszeitraums (5,0 Milliarden Euro) und beträgt damit ein Drittel des Rekordwertes von 15,8 Milliarden Euro aus der zweiten Jahreshälfte 2016.

Hauptgrund für den gemessen an der Transaktionszahl niedrigen Wert war das völlige Ausbleiben einer Großtransaktion im Wert von über einer Milliarde Euro – das gab es zuletzt 2011.

Die Verkäufe deutscher Unternehmensbeteiligungen – sogenannte Exits – gingen zurück: Sie sanken von 50 in der ersten Jahreshälfte 2016 auf nun 46. Der Wert sank noch deutlicher: von 9,7 Milliarden Euro auf 2,6 Milliarden – ein Rückgang um 73 Prozent.

So fanden die Private-Equity-Firmen insbesondere unter den strategischen Investoren weniger Abnehmer: Die Verkäufe sanken von 36 auf 28. Die sogenannten Secondary Buyouts (Verkäufe an Finanzinvestoren) gingen dagegen leicht nach oben von 13 auf 18. Entsprechend entwickelten sich auch die Erlöse, die bei Verkäufen an strategische Investoren von 8,0 Milliarden auf 0,9 Milliarden Euro zurückgingen. Bei den Secondary Buyouts stiegen sie dagegen leicht von 1,3 Milliarden auf 1,7 Milliarden Euro. Zudem gab es im bisherigen Jahresverlauf keinen Börsengang eines von einem Finanzinvestor gehaltenen Unternehmens, vor einem Jahr hatte ein Börsengang immerhin 300 Millionen Euro eingebracht.

Das sind Ergebnisse einer Analyse des deutschen Private-Equity-Marktes durch das Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY (Ernst & Young).

“Ruhe vor dem Sturm“
Alexander Kron, Leiter des Bereichs Transaction Advisory Services bei EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wertet den verhältnismäßig niedrigen Transaktionswert nicht als Zeichen für eine beginnende Marktschwäche: „Die Zahl der Transaktionen ist nach wie vor auf einem hohen Niveau. Und auch der Transaktionswert kann sich im langjährigen Vergleich sehen lassen. Die Entwicklung hängt immer stark von den Megadeals ab. Im ersten Halbjahr haben die ganz großen Transaktionen gefehlt.“ Kron erwartet, dass sich dies im zweiten Halbjahr ändert: „Das dürfte die Ruhe vor dem Sturm sein. Wir sehen eine sehr hohe Aktivität auf dem Markt mit mehreren Milliardentransaktionen in der Pipeline. Für die zweite Jahreshälfte ist daher ein wesentlich höherer Transaktionswert zu erwarten.“

Auch Wolfgang Taudte, Partner bei EY, betont: „Das Umfeld für Transaktionen ist gut. Die Wirtschaft brummt, trotz protektionistischer Tendenzen weltweit exportieren die deutschen Unternehmen so erfolgreich wie noch nie. Zudem ist das Kapitalmarktumfeld günstig – zuletzt hat Delivery Hero einen erfolgreichen Börsengang hingelegt. Hinzu kommt: In den ersten sechs Monaten sind relativ wenig Deals abgeschlossen worden – zahlreiche stehen bereits kurz vor dem Abschluss. Vor diesem Hintergrund ist das Feld für weitere Deals in der zweiten Jahreshälfte bestellt.“

Die meisten Transaktionen im Sektor Pharma & Healthcare
Die höchste Anzahl an Transaktionen durch Private-Equity-Unternehmen verzeichnete der Sektor Pharma & Healthcare mit 13, vor allem aufgrund einer Reihe von Deals im Krankenhaus- und Pflegeheimbereich. Auch in den Bereichen Industrial (12) und Consumer (11) wurden eine Reihe von Transaktionen realisiert. Das meiste Geld floss in den Bereich Business Services, wo für zehn Transaktionen insgesamt 1,8 Milliarden Euro gezahlt wurden.

Anders als die Finanzinvestoren steigerten die strategischen Investoren ihre Ausgaben für Übernahmen und Zukäufe. Sie investierten insgesamt 23,1 Milliarden Euro, mehr wurde zuletzt im zweiten Halbjahr 2013 mit 35,2 Milliarden Euro ausgegeben. Die Zahl der Transaktionen fiel von 279 im Vorjahreszeitraum auf 243 und war damit die niedrigste seit 2013.

Neuaufstellung der klassischen Industrien treibt Bewertungen
„Die Unternehmen verfügen aufgrund der guten Konjunktur und der günstigen Kredite derzeit über ausreichend liquide Mittel für Übernahmen und Zukäufe“, sagt Taudte. „Zudem stehen die klassischen Industrien vor epochalen Umwälzungen durch die Digitalisierung und wollen sich durch Zukäufe schnell entsprechendes Know-how an Bord holen. Diese Entwicklung treibt die Bewertungen. Finanzinvestoren tun sich daher auch schwer, weil die Preise momentan verhältnismäßig hoch sind.“

Kron ergänzt: „Allerdings haben auch sie einen gewissen Zwang zu investieren, weil viel Geld im Markt ist. Der begrenzende Faktor sind eindeutig die zur Verfügung stehenden Kaufobjekte am Markt, nicht das Geld. Dennoch müssen sie letztlich so kalkulieren, dass sie nach zwei bis drei Jahren einen Gewinn erwirtschaften können. Wegen der aktuellen Marktsituation mit hohen Preisen und relativ wenig Kaufobjekten öffnen sich die Finanzinvestoren auch für neue Strukturen und investieren in Minderheitsbeteiligungen. Sie haben erkannt, dass sie flexibler werden müssen.“