Abwärtstrend gestoppt: Medizintechnikbranche wächst wieder

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  • Die Medtechs in den USA und Europa steigerten 2016 ihre Umsätze um fünf Prozent auf über 360 Milliarden US-Dollar
  • Wachstum getrieben durch M&A-Rekord in Höhe von 96,1 Milliarden US-Dollar
  • ConvaTec-Börsengang lässt IPO-Volumen auf einen neuen Rekordwert von 2,6 Milliarden US-Dollar steigen
  • Vertrauen in die Branche: Junge Start-ups erhalten so viel Geld wie noch nie

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Medizintechnik-Report 2017

(PDF – 8,34 MB, 94 Seiten)

Stuttgart, den 19. Oktober 2017. Die Medizintechnikunternehmen in den USA und in Europa haben ihre Talfahrt vorerst beendet: Ihre Umsätze stiegen 2016 zusammen um fünf Prozent auf über 360 Milliarden US-Dollar. So ein Wachstum konnte die Branche zuletzt vor der Finanzkrise im Jahr 2008 vorweisen. Im Vorjahr schrumpften die Medtechs dies- und jenseits des Atlantiks nach Jahren niedrigen Wachstums sogar um ein Prozent.

Auch ihren Gewinn konnten die Medtechs signifikant verbessern: Sie verdienten zusammen 16,4 Milliarden US-Dollar und damit 17 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damals war der Nettogewinn sogar um 15,5 Prozent zurückgegangen.

Vor allem das Comeback der US-amerikanischen Medtechs war für den Wachstumsschub ausschlaggebend: Während sie bei den Umsätzen um sechs Prozent zulegten (Vorjahr: minus elf Prozent), steigerten die europäischen Medtechs ihre Umsätze nur um drei Prozent – ein deutlicher Rückschritt gegenüber der Steigerung von 21 Prozent im Vorjahr.

Den Zuwachs verdankt die Branche allerdings weniger einem organischen Wachstum als vielmehr kräftigen Zukäufen – insgesamt stiegen die M&A-Ausgaben von Juli 2016 bis Juni 2017 um 40 Prozent auf einen Rekordwert von 96,1 Milliarden US-Dollar.

Zudem hat sich die Finanzierungssituation gegenüber dem Vorjahr deutlich gebessert. Insgesamt konnte die Branche zwischen Juli 2016 und Juni 2017 43,9 Milliarden US-Dollar Finanzierungskapital anziehen, das war etwa doppelt so viel wie im Vorjahr und der zweithöchste Wert in den vergangenen zehn Jahren. Damit erhöht sich der Spielraum vieler Medtechs für weitere Investitionen in den Zukauf passender Unternehmen, aber auch für die Finanzierung dringend nötiger Innovationen.

Das sind Ergebnisse des „Medizintechnik-Reports 2017“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young).

Gerd Stürz, Marktsegmentleiter Life Sciences für Deutschland, die Schweiz und Österreich bei EY, kommentiert: „Die Medizintechnikbranche hat sich nach einer Schwächephase wieder erholt und 2016 zu einem Höhenflug angesetzt. Ob dieser von Dauer ist oder bald wieder nachlässt, muss sich erst noch zeigen. Entscheidend für den Erfolg der Branche bleibt ihre M&A-Strategie. Weil organisches Wachstum in den vergangenen Jahren größtenteils ausblieb, kauften die Unternehmen hinzu. Inzwischen tragen die Zukäufe erste Früchte und machen sich auch in den Bilanzen bemerkbar.“

In der wettbewerbsintensiven Medtech-Branche versuchten zahlreiche Unternehmen zudem, durch Größe zu bestehen. Ein Beispiel sei der (noch nicht abgeschlossene) 25,2 Milliarden US-Dollar Mega-Deal, durch den sich der französische Augenoptik-Konzern Essilor den Ray-Ban-Hersteller Luxottica sichern und so den weltweit größten Konzern für Augenoptik formen will.

Der Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Siegfried Bialojan, weist darauf hin, dass neben dem Wachstum jetzt immer mehr auch die Portfolio-Anpassung im Vordergrund stehe. „Die Unternehmen stoßen Unternehmensteile ab, die nicht mehr zu ihrem Kerngeschäft gehören. Auf dem Markt treffen sie derzeit durch die andauernde Niedrigzinsphase und das anhaltende Investoreninteresse auf viel Kapital, was die Preise nach oben treibt und sicherlich auch zur hohen Gesamtsumme beigetragen haben dürfte.“

Mischkonzerne wachsen langsamer als Pure-Plays
Das treffe umso mehr auf Mischkonzerne zu, die nicht nur auf Medizintechnik setzen und ihr Portfolio straffen wollen. So wuchs der Umsatz bei den Mischkonzernen mit drei Prozent auf 152,7 Milliarden US-Dollar deutlich langsamer als bei den sogenannten Pure-Plays, also den Unternehmen, die sich nur auf die Medizintechnik konzentrieren. Letztere kamen auf ein Wachstum von sechs Prozent auf 211,7 Milliarden US-Dollar.

Bialojan zeigt sich hoffnungsvoll, dass das Wachstum des vergangenen Jahres kein einmaliger Effekt ist. „Ein gutes Zeichen für die Zukunft ist, dass die Finanzierungssituation in allen Bereichen nach oben ging. Das zeigt das Vertrauen des Marktes in die Branche und lässt weitere Innovationen wahrscheinlicher werden.“

ConvaTec-Börsengang sorgt für IPO-Rekordwert
Unter den Börsengängen ragte der zwei Milliarden US-Dollar schwere IPO der Bristol-Myers-Squibb-Ausgründung ConvaTec hervor. Dieser Börsengang trug fast alleine dazu bei, dass sich der IPO-Gesamtwert aus dem Vorjahreszeitraum auf einen neuen Rekord von insgesamt 2,6 Milliarden US-Dollar mehr als vervierfachte. In einem schwierigen Marktumfeld für Börsengänge hielt sich die Branche darüber hinaus allerdings zurück.

Das Venture Capital stieg von Juli 2016 bis Juni 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ebenfalls deutlich um knapp ein Viertel auf 7,7 Milliarden US-Dollar, darunter die drei größten Finanzierungen seit Erscheinen des Medizintechnik-Reports: Grail sammelte eine 900-Millionen-US-Dollar-Finanzierung ein, Verily, das zur Google-Mutter Alphabet gehört, 800 Millionen und Guardant Health 360 Millionen.

Junge Start-ups erhalten so viel Geld wie nie
Bei Grail und Verily handelte es sich zudem um Frühphasenfinanzierungen. Nicht nur die Höhe dieser Megarunden zeigt, dass das Vertrauen in Innovationen und die Zukunftsfähigkeit der Branche hoch ist. Auch insgesamt wurde mit knapp vier Milliarden US-Dollar so viel Geld in die frühen Phasen investiert wie noch nie. Damit konnten sich die besonders jungen Start-ups mehr als die Hälfte des gesamten Venture-Kapital-Kuchens sichern.

„Die hohe Frühphasenfinanzierung ist ein gutes Zeichen“, betont Gerd Stürz. „Sie zeigt ein großes Vertrauen in die Innovationsfähigkeit der Unternehmen. Die Medizintechnik ist enormen Umwälzungen unterworfen. Neue Technologien wie der 3D-Druck, robotische Systeme oder Augmented Reality ermöglichen bessere und individuellere medizinische Produkte. Die Unternehmen müssen die neuen Möglichkeiten in neue und erfolgreiche Produkte umsetzen, um so langfristig auch organisch wachsen zu können. Es wird auf Dauer nicht reichen und auch nicht möglich sein, Wachstum nur durch Zukäufe zu generieren. Innovationen sind deshalb der Schlüssel zum Erfolg.“