Planen und Bauen: Widersprüchliche Regelwerke

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  • Vertragsindividuelle Leistungsbilder sinnvoll
  • Modernisierung der HOAI-Grundleistungen erforderlich
  • Wenig Zustimmung zur jüngsten Bauvertragsrechtsnovelle

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HOAI und VOB/B

(PDF – 2,07 MB, 40 Seiten)

Köln, 21. März 2018. Abweichendes Bausoll und zunehmende Nachtragsforderungen sind typische Konfliktfelder zwischen Architekten, Bauherren und bauausführenden Unternehmen. Ein Grund dafür könnte in der Gemengelage zweier maßgeblicher Ordnungsrahmen liegen: der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) und dem damit hinterlegten Grundleistungsbild sowie der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) und der daraus resultierenden Anforderungen an die am Bau Beteiligten. Das zeigt eine Studie von EY Real Estate.

„Die Ordnungsrahmen sind juristisch betrachtet nicht miteinander verknüpft. In der Praxis gibt es aber durchaus Bezüge und sie bergen Widersprüche“, sagt Frank Weißkirchen, Executive Director bei der EY Real Estate GmbH und Autor der Studie. Rund 100 Marktteilnehmer haben für die Studie ihre Einschätzung abgegeben. Demnach sieht fast jeder Zweite (44 Prozent) in der Leistungsphase 8 der HOAI relevante Schnittstellen aus dem Grundleistungsbild und den Anforderungen, welche sich aus der VOB ergeben. Die Teilnehmer beziehen sich dabei auf Teil B der VOB (Allgemeine Vertragsbedingungen für die Ausführung von Bauleistungen).

Individualisiert statt „nur“ Grundleistungsbild
„Die Basis hierfür wird in der Vertragsgestaltung gelegt“, sagt Weißkirchen. Ein Fallstrick: Im Planerauftrag werde häufig pauschal auf die Grundleistungsbilder nach HOAI abgestellt. „Die HOAI Grundleistungsbilder sollen die allgemeinen Leistungspflichten eines Architekten abbilden. Betrachtet man jedoch die heutigen Anforderungen, sind diese Grundleistungsbilder nicht mehr zeitgemäß bzw. in Teilen anzupassen“, ergänzt Kai Kiefer, Manager bei der EY Real Estate und Lehrbeauftragter an der TH Köln. Er hat ebenfalls an der Studie mitgewirkt.

Diese Anpassungen betreffen insbesondere die heutigen digitalen Möglichkeiten im Bereich des Planens und Bauens sowie die damit zum Teil stark nach vorne verlagerte Planungstiefe. „Aber auch immer mehr Aufgaben, die der Architekt bereits aus eigenem Selbstschutz ausführen sollte, um die bekannten Beschaffenheitsvereinbarungen wie z. B. Kosten und Termine adäquat im Blick halten zu können, müssten im Grundleistungsbild klarer herausgestellt werden“, fügt Kiefer hinzu.

Reform mit Fragezeichen
Nun wurde jüngst das Bauvertragsrecht novelliert – es ist zum Jahresbeginn in Kraft getreten. Aber: Nur 13 Prozent der Befragten sehen die Reform positiv. „Ein Ziel des neuen Bau- und Architektenvertragsrechts war, die Rechtsregeln zu vereinheitlichen und im Bürgerlichen Gesetzbuch einen besser handhabbaren Rahmen für die Baupraxis zu schaffen“, sagt Frank Siegburg, Rechtsanwalt bei Hecker Werner Himmelreich und Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen. Mit Blick auf das Ziel sei die Reform misslungen. Das werde schon dadurch offensichtlich, dass trotz Inkrafttreten des neuen Bau- und Architektenvertragsrechts mit Hochdruck auch an der Novellierung der VOB (Teil B) gearbeitet werde. Wäre das Ziel erreicht worden, hätten die weitergehenden Regelungen der VOB/B obsolet werden müssen. Siegburg hält ebenfalls eine auf den Einzelfall zugeschnittene Konkretisierung der vertraglich geschuldeten Leistungen für geboten. Zudem plädiert er ebenfalls für eine inhaltliche Modernisierung der HOAI-Grundleistungskataloge. Die Studienteilnehmer sehen das ähnlich: Fast sechs von zehn Befragten (59 Prozent) sind der Meinung, dass eine Schärfung der HOAI-Grundleistungen für ein besseres Zusammenspiel mit der VOB/B erforderlich ist.

Über die Studie
Die Studie basiert auf einer Umfrage, die im Dezember 2017 von der EY Real Estate GmbH durchgeführt wurde. Insgesamt haben rund 100 Personen teilgenommen; es handelt sich dabei um Projektleiter und Führungskräfte der baurelevanten Parteien (Bauherren, Architekten, Bauausführung). Sechs von zehn Teilnehmern (57 Prozent) haben mehr als sechs Jahre Berufserfahrung, wobei 43 Prozent seit mehr als zehn Jahren in ihrer Branche tätig sind.