EY-Analyse Chinesische Investitionen in Europa 2016

Unternehmenskäufe chinesischer Investoren in Europa steigen auf Rekordhoch – Deutschland im Fokus, nur zwei Deals in Österreich

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  • Zahl der Transaktionen in Europa steigt um 48 Prozent auf 309 – nach sehr starkem ersten Halbjahr Rückgang im zweiten Halbjahr
  • Chinesische Unternehmen investieren fast 86 Milliarden US-Dollar in Europa, davon alleine 12,6 Milliarden in Deutschland
  • Deutschland mit 68 getätigten Akquisitionen Investitionsziel Nummer Eins in Europa
  • Übernahme des schweizerischen Chemieunternehmens Syngenta durch Chemchina für 44 Milliarden US-Dollar mit Abstand größter Deal des Jahres
  • Österreich bleibt bei „Shoppingtour“ außen vor – 2016 gab es nur zwei Transaktionen durch chinesische Investoren
  • Trotz politischem Gegenwind: Weiter zahlreiche Transaktionen zu erwarten

Chinesische Investoren drängen weiter mit Macht auf den europäischen Markt. Im vergangenen Jahr haben sie in Europa so viele Akquisitionen getätigt wie nie zuvor. Insgesamt kauften oder beteiligten sie sich an 309 Unternehmen. Damit stieg die Zahl der Akquisitionen in Europa um 48 Prozent – im Jahr 2015 hatte es europaweit 209 Transaktionen gegeben. Nach einem starken ersten Halbjahr 2016 war die Transaktionsaktivität in der zweiten Jahreshälfte in Europa leicht rückläufig: So ging die Zahl der Deals in Europa – nach einem sprunghaften Anstieg in der ersten Jahreshälfte um 45 Prozent – im zweiten Halbjahr um knapp ein Viertel auf 133 Transaktionen zurück.

Auch das Transaktionsvolumen ist 2016 sprunghaft auf fast das Dreifache gestiegen: In Europa tätigten chinesische Unternehmen im vergangenen Jahr Zukäufe im Wert von 85,8 Milliarden US-Dollar. 2015 lag das Volumen bei 30 Milliarden US-Dollar.

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, die M&A-Investitionen chinesischer Unternehmen in Europa untersucht.

Wie stark das Interesse chinesischer Unternehmen an Europa gestiegen ist, zeigt auch der 10-Jahres-Vergleich: Im Jahr 2007 wurden europaweit nur 51 Transaktionen gezählt – seitdem haben sich die Aktivitäten chinesischer Unternehmen in Europa vervielfacht.

„Das Interesse chinesischer Unternehmen an Zukäufen in Europa ist weiter enorm. Die chinesischen Investoren sind bereit, auch hohe Summen zu bezahlen, um auf diesem Weg neue Geschäftsfelder zu erschließen und sich stärker im High-Tech Segment zu positionieren. Mit 12,6 Milliarden US-Dollar floss das mit Abstand größte Volumen im letzten Jahr in Käufe von europäischen Hochtechnologieunternehmen“, beobachtet Eva-Maria Berchtold, Partnerin und Leiterin Transaction Advisory Services bei EY Österreich.

Deutschland beliebtestes Investitionsziel – nur zwei Deals in Österreich
Mit 68 getätigten Akquisitionen ist Deutschland das mit Abstand beliebteste Investitionsziel chinesischer Unternehmen. Auf dem zweiten Platz steht Großbritannien mit 47 Akquisitionen, gefolgt von Frankreich und Italien, wo jeweils 34 Zukäufe getätigt wurden. Aufgrund der Syngenta/ChemChina-Transaktion liegt das Zielland Schweiz bei der Transaktionssumme mit insgesamt 45,8 Milliarden US-Dollar vorn. Deutschland folgt mit 12,6 Milliarden US-Dollar auf dem zweiten Rang, Großbritannien mit 9,6 Milliarden US-Dollar auf dem dritten.

Österreich wird auf der Shoppingtour chinesischer Investoren in Europa allerdings nur gestreift – 2016 gab es zwei Transaktionen: Die Mehrheitsübernahme der LMF Unternehmensbeteiligungs GmbH durch den Kompressor-Hersteller Kaishan Compressor um 26,23 Millionen US-Dollar und den Kauf des Autozulieferers Austria Druckguss GmbH & Co. KG durch den Automobilzulieferer Zhongding (ohne Preisangabe).

„Österreich ist bei diesem Boom momentan nur Zaungast. Aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist die österreichische Wirtschaft auf dem Radar chinesischer Investoren kaum wahrnehmbar. In den seltenen Fällen, in denen sie sich mit österreichischen Unternehmen beschäftigen, halten sie gezielt nach einzelnen Top-Betrieben mit starker Spezialisierung und führenden Technologien Ausschau. Ein Beispiel dafür sind die heimischen Ski-Firmen, da China aufgrund der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking einen Boom im Wintersportbereich erwartet und das nötige Know-how unter anderem aus Österreich zukaufen möchte“, so Berchtold.

Syngenta-Übernahme größter Deal 2016 – Industrieunternehmen im Fokus
Der mit Abstand größte Deal ist die – noch nicht abgeschlossene – Übernahme des schweizerischen Chemieunternehmens Syngenta durch Chemchina für 44 Milliarden US-Dollar. Auf Platz zwei steht die Übernahme des finnischen Onlinespiele-Entwicklers Supercell durch Tencent für 8,6 Milliarden US-Dollar. Die europaweit drittgrößte Transaktion ist die Übernahme des deutschen Roboterherstellers Kuka durch Midea für 4,7 Milliarden US-Dollar.

Besonders im Fokus stehen für die Investoren aus Fernost Industrieunternehmen. 72 der 309 in Europa getätigten Akquisitionen betrafen Industrieunternehmen. Auch bei europäischen Technologie- (42) und Energieunternehmen (29) schlugen chinesische Investoren häufig zu.

Transaktionen werden schwieriger – Interesse bleibt aber groß
Allerdings hat die starke Transaktionstätigkeit chinesischer Unternehmen in Europa zuletzt speziell in Deutschland zu Bedenken bei Politik und Gewerkschaften geführt. Eine Transaktion – die Übernahme des Chipherstellers Aixtron durch Grand Chip Investment – wurde abgesagt, nachdem der US-Präsident die Übernahme des US-Geschäfts von Aixtron durch die chinesische Bieterin verboten hatte. Yi Sun, Leiterin der China Business Services bei EY in Deutschland, Österreich und Schweiz: „Es ist verständlich, dass die Politik bestimmte Schlüsselindustrien schützen will. Andererseits ist für viele europäische Unternehmen ein chinesischer Investor ein Glücksfall – er bietet zum Teil hohe Finanzressourcen, einen besseren Zugang zum chinesischen Markt und damit Zukunftsperspektiven. Etwaige Verbote von Übernahmen durch chinesische Unternehmen sollten daher sehr gut abgewogen werden.“

Erschwerend komme hinzu, dass auch die chinesische Regierung großen Übernahmen im Ausland – etwa im Immobiliensektor oder in der Unterhaltungsindustrie – inzwischen kritischer gegenüber stehe, so Sun. „Seit Ende November 2016 kontrolliert die chinesische Regierung die Devisenausfuhr sehr streng. Sie schaut genau hin, ob grenzüberschreitende Akquisitionen den Renminbi schwächen. Peking möchte einen zu großen Kapitalabfluss und eine Abwertung der chinesischen Währung verhindern. Das führt dazu, dass viele chinesische Unternehmen, besonders die privaten, derzeit auf Beobachtungsmodus geschaltet haben.“

Dennoch rechnet Berchtold weiter mit einer regen Transaktionstätigkeit chinesischer Investoren: „In Europa gibt es nach wie vor viele Übernahmeziele für chinesische Unternehmen. Dabei dürften auch große Unternehmen, die derzeit noch im Besitz von Finanzinvestoren oder Teilbereiche von Großkonzerne sind, an Adressen aus China gehen.“

Speziell Deutschland könnte außerdem zum Gewinner des „Brexit“ werden: Der Austritt Großbritanniens aus der EU könne die Attraktivität Deutschlands für chinesische Investoren weiter erhöhen, so Berchtold: „Angesichts des Brexits denken einige chinesische Firmen darüber nach, ihre Europa-Zentrale von Großbritannien nach Deutschland zu verlegen. Dann dürfte sich Deutschland für chinesische Unternehmen noch stärker als Top-Standort in Europa etablieren.“ Bereits im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Übernahmen chinesischer Unternehmen in Großbritannien nur um 18 Prozent, in Deutschland hingegen um 70 Prozent.

Hinzu komme der politische Machtwechsel in den USA. Viele chinesische Investoren fürchten, dass sie es in den USA künftig schwerer haben werden, zu investieren. Daher hätten einige chinesische Private Equity Häuser ihr Pläne kurzfristig geändert und ihre Investitionsfonds in Europa gegründet, ergänzt Yi Sun.