EY Mittelstandsbarometer Österreich 2019

Mittelstand trotz Konjunkturabschwung so optimistisch wie zuletzt vor zehn Jahren: Investitionen und Beschäftigung sollen steigen

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  • 62 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Österreich sind uneingeschränkt zufrieden mit ihrer Geschäftslage – Zufriedenheit fast auf dem Rekordniveau von 2018 und so hoch wie zuletzt vor zehn Jahren
  • Jeder Zweite rechnet 2019 mit Umsatzwachstum – Wiener am optimistischsten
  • Jeder Dritte möchte Stellen schaffen, aber Fachkräftemangel spitzt sich zu
  • Mehr als ein Viertel (28 %) plant verstärkte Investitionen, die meisten davon in Tirol und Kärnten
  • Die Hälfte der österreichischen Mittelstandsunternehmen bewertet das Gesetz zur Arbeitszeitflexibilisierung positiv
  • Zufriedenheit mit der Standortpolitik in Österreich steigt auf Rekordniveau
     

Die Konjunktur in Österreich verliert an Fahrt, die weltweiten politischen Risiken nehmen zu – dennoch ist der österreichische Mittelstand nach wie vor in Hochstimmung: 62 Prozent der Unternehmen sind derzeit uneingeschränkt zufrieden mit ihrer Geschäftslage. Das sind zwar sechs Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr, entspricht aber immer noch dem höchsten Niveau des letzten Jahrzehnts – im Jänner 2008 war die Zufriedenheit letztmalig höher. Besonders gut bewerten die Industrie- (71 %) und Gesundheitsbranche (70 %) ihre aktuelle Geschäftssituation. Gleich bleibt der Anteil derer, die die geschäftlichen Umstände als negativ bewerten: Sowohl 2018 als auch 2019 sind es fünf Prozent der Unternehmen.

Die mittelständischen Unternehmen in Österreich sind bislang nicht nur weitgehend zufrieden, sondern auch optimistisch, was das Geschäftsjahr 2019 betrifft: Jedes zweite Unternehmen (51 %) rechnet heuer mit einem Umsatzwachstum. Im Durchschnitt erwarten die Unternehmen ein Umsatzplus von 1,7 Prozent, die höchste Umsatzsteigerung erhoffen sich Betriebe aus dem Industriebereich (+ 1,9 %) sowie der Tourismusbranche (+ 1,8 %). 

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, für die 900 mittelständische, nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen mit 30 bis 2.000 Mitarbeitern in Österreich befragt wurden.

„Die Stimmung im österreichischen Mittelstand ist bemerkenswert gut – gerade angesichts der eingetrübten weltweiten Konjunkturaussichten fällt das Urteil überraschend positiv aus“, kommentiert Erich Lehner, Managing Partner Markets bei EY Österreich. „Offensichtlich haben sich die verschlechterten Konjunkturprognosen noch nicht auf die Geschäftslage und -erwartungen der heimischen Unternehmen ausgewirkt. Tatsächlich ist die Umsatzentwicklung bei vielen Unternehmen immer noch sehr zufriedenstellend. Zudem beunruhigen die geopolitischen Spannungen den Mittelstand offenbar deutlich weniger als Großkonzerne. Dies dürfte auch durch die stärkere Orientierung des Mittelstands auf die Binnennachfrage und den europäischen Markt begründet sein.“

Konjunkturerwartungen halten nicht Schritt mit Umsatzprognosen
Jedes dritte Mittelstandsunternehmen (33 %) rechnet in den kommenden Monaten mit einer Verbesserung der Binnenkonjunktur, nur acht Prozent der Unternehmen gehen von einer Eintrübung aus. Damit bleiben die Unternehmen zwar zuversichtlich, zeigen aber nicht mehr den großen Optimismus des Vorjahres, als sogar jedes zweite Unternehmen mit einer Verbesserung der Wirtschaftslage rechnete.

„Die Konjunkturerwartungen der mittelständischen Unternehmen fallen deutlich zurückhaltender aus als die eigenen Umsatzprognosen – das sollte zu denken geben. Tatsächlich ist es wichtig, die Risiken ernst zu nehmen und nicht davon auszugehen, dass der Aufschwung ungebremst anhält. So könnte der Brexit, wenn er ungeordnet verläuft, zu erheblichen Turbulenzen und Umsatzrückgängen führen. Und in China zeichnet sich eine Konjunkturabkühlung ab. Das kann früher oder später auch zu Einbußen am Standort Österreich führen“, so Lehner.

Unternehmen wollen investieren und Jobs schaffen – Fachkräftemangel spitzt sich zu
Die positive Prognose bezüglich der eigenen Umsatzentwicklung spiegelt sich im Investitionswillen wider: Die Investitionsbereitschaft der mittelständischen Unternehmen bleibt auch 2019 hoch: Jedes vierte Unternehmen (23 %) plant, die Investitionstätigkeit gegenüber dem Vorjahr zu verstärken. Der Jobmotor Mittelstand läuft hierzulande somit weiter rund – jeder Dritte (32 %) will zusätzliche Stellen schaffen. Wenn auch der Wille nach der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte gegeben ist, fällt es zahlreichen Unternehmen schwer, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Nur zwei Prozent geben an, keine Schwierigkeiten bei der Personalbeschaffung zu haben, mehr als vier von fünf Unternehmen (83 Prozent) fällt es laut eigener Aussage schwer. Vom Fachkräftemangel sind die Immobilienbranche (93 %), die Industrie (90 %) sowie der Tourismus (88 %) am stärksten betroffen.

„Die Suche nach geeigneten Fachkräften ist nicht nur ein großer Aufwand, sondern kostet auch viel Zeit und Geld. Der Mangel an Top-Fachkräften führt oftmals zu Umsatzeinbußen oder nicht realisierbaren Umsatzpotenzialen. Aber nicht nur das, in vielen Betrieben bleiben Positionen aus Mangel an geeigneten Bewerbern schlichtweg unbesetzt“, so Lehner.

Neben dem Fachkräftemangel (2019: 69 %, 2018: 59 %) sehen die Mittelstandsunternehmen große Gefahren durch den zunehmenden Wettbewerb (2019: 37 %, 2018: 55 %) sowie die Rohstoffpreise (2019: 33 %, 2018: 45 %).

Jedes zweite Mittelstandsunternehmen befürwortet Arbeitszeitflexibilisierung
Rund jedes vierte mittelständische Unternehmen (24 %) sieht die neue Gesetzgebung zur Arbeitszeitflexibilisierung uneingeschränkt positiv, 26 Prozent schätzen sie als eher positiv ein. Nur zehn Prozent stehen dem Modell kritisch gegenüber. Besonders befürwortet wird das Gesetz bei Immobilien- und Großunternehmen (63 % bzw. 55 %). Die neue Regelung zieht auch einige Veränderungen nach sich: 16 Prozent der Unternehmen planen bei Bedarf eine Ausweitung der Arbeitszeiten bei starker Auftragslage, zehn Prozent stellen Überlegung zur Flexibilisierung der Arbeit an. Gleichzeitig sagen aber auch drei Viertel (74%), dass sich durch die neue gesetzliche Regelung keine Änderungen für ihr Unternehmen ergeben.

Zufriedenheit mit der Standortpolitik steigt auf Rekordniveau
Generell zeichnet sich Österreich durch eine hohe Standortzufriedenheit aus, sowohl überregional als auch auf einzelne Bundesländer bezogen. Die Zufriedenheit der mittelständischen Unternehmen mit der bundesweiten Standortpolitik hat sich gegenüber dem Jahresbeginn 2017 mehr als verdreifacht – von 15 auf 51 Prozent. Das ist der höchste Wert seit Erhebungsbeginn 2015.

Die regionale Standortpolitik wird aktuell sogar von 60 Prozent als positiv bewertet – das sind fast doppelt so viele wie 2017 (36 %). Neben dem Standort wird auch die derzeitige geschäftliche Situation in den einzelnen Bundesländern weitgehend zuversichtlich eingeschätzt: Vor allem die Vorarlberger Mittelstandsunternehmen stufen ihre aktuelle Geschäftslage als gut (69 %) ein, den letzten Platz belegt Wien (45 %). Dennoch sind Wiener Unternehmen am optimistischen, wenn es um die künftige Entwicklung der Geschäftslage geht: Knapp die Hälfte (44 %) ist der Meinung, dass sich der momentane Geschäftsstatus in den kommenden sechs Monaten verbessern wird.

Obwohl der Westen und Süden Österreichs, allen voran Tirol (36 %), Kärnten (32 %) und Vorarlberg (30 %), nicht nur die höchsten Zufriedenheitsraten aufweist, sondern auch die größten Investitionen, beispielsweise in Form von Ausrüstung, Maschinen und Bauten plant, fällt die Rekrutierung von Fachkräften in diesen Bundesländern schwer: Neun von zehn Unternehmen in Vorarlberg haben Probleme dabei, neue und ausreichend ausgebildete Mitarbeiter zu finden. Auch Oberösterreich (90 %), die Steiermark (88 %) und Salzburg (87 %) liegen über dem landesweiten Durchschnitt der mittelständischen Unternehmen (83 %), die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Fachkräften haben. Jeder dritte Mittelstandsbetrieb (32 %) erwartet sich für 2019 eine Steigerung der Mitarbeiterzahl – in Wien erhofft sich sogar knapp die Hälfte der Unternehmen (45 %) einen Personalzuwachs, in Kärnten ist es hingegen nur ein Viertel (24 %).