EY-Studie Finanzierung im österreichischen Mittelstand 2019

Österreichs Unternehmen setzen auf klassische Finanzierungsformen – drei von zehn erwarten steigende Kosten

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  • Mittelstand beklagt weiterhin restriktivere Kreditvergabe – nur jeder Fünfte (19 %) ortet erleichterten Zugang zu Krediten
  • Trotzdem setzen zwei Drittel auf Bankdarlehen; Innenfinanzierung bei mehr als drei Viertel beliebteste Finanzierungsform
  • Erwartung steigender Finanzierungskosten branchenübergreifend und unabhängig von Unternehmensgröße
  • Jeder siebte Mittelständler (14 %) sieht steigende Bedeutung von alternativen Finanzierungsinstrumenten

Gute zehn Jahre nach der globalen Finanzkrise sieht der Großteil der  österreichischen mittelständischen Unternehmen die Kreditvergabe der österreichischen Banken immer noch unverändert als restriktiv an: Knapp jeder dritte heimische Mittelständler (29 %) gibt an, dass die Kreditvergabe der Banken in den vergangenen drei Jahren sogar noch restriktiver geworden ist – 2018 zeigte mit 30 Prozent dasselbe Niveau. Nur ein knappes Fünftel der Mittelständler (19 %) ist positiv gestimmt und ortet einen erleichterten Zugang zu Krediten. Trotzdem steigt die Bedeutung von Bankdarlehen als zweitbeliebteste Finanzierungsform deutlich: Während 2018 die Hälfte der Mittelständler auf Kredite setzte, sind es 2019 schon knapp zwei Drittel (65 %).

Das sind die Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, für die 900 mittelständische Unternehmen mit 30 bis 2.000 Mitarbeitern in Österreich befragt wurden.

Andreas Steiner-Posch, Geschäftsführer Capital & Debt Advisory bei EY Österreich: „Langsam aber sicher ist ein deutlicher Entspannungseffekt bei den Kreditkonditionen spürbar. Die Nachwehen der Kreditkrise laufen aus, die Wirtschaft hat sich erholt und die Banken haben wieder Polster aufgebaut – das resultiert in einer leichteren Kreditvergabe. Bei Unternehmen mit Top-Bonitäten sind die Konditionen so günstig wie zuletzt vor zehn Jahren. Die Kreditmargen haben sich bei guten Bonitäten wieder auf Vorkrisenniveau eingependelt“.

Trotzdem erwartet ein Drittel der österreichischen Mittelständler (29 %), dass die Finanzierungskosten 2019 im Vergleich zum Vorjahr steigen werden. Mit sinkenden Finanzierungskosten rechnet – unabhängig von der Unternehmensgröße – nur jeder 20. Befragte (5 %). Bei Unternehmen mit Umsätzen von mehr als 30 Millionen bis 100 Millionen Euro sind es sogar nur drei Prozent, bei Großunternehmen, die mehr als 100 Millionen Euro im Jahr umsetzen, vier Prozent.

Auf Branchen bezogen sind Transporteure, Immobilienunternehmen und Dienstleister vergleichsweise optimistisch, wenn auch auf einem sehr niedrigen Niveau: Immerhin knapp jedes zehnte Transport- und Verkehrsunternehmen (9 %) geht von besseren Kreditkonditionen aus, bei Real Estate sind es acht Prozent, bei Dienstleistern sieben Prozent. Im Life Sciences- und Healthcare-Sektor denken dagegen nur zwei Prozent, in der Tourismusbranche drei Prozent der Unternehmen, dass die Finanzierungskosten dieses Jahr sinken werden.

Innenfinanzierung weiterhin beliebteste Finanzierungsform
Der österreichische Mittelstand hält es bei der Finanzierung wie schon im Vorjahr gerne „klassisch“: Am häufigsten ist die Innenfinanzierung aus einbehaltenen Gewinnen und laufendem Cashflow (77 %, 2018: 58 %), auf Platz zwei folgen Bankdarlehen (65 %, 2018: 52 %). Auch Leasing, das heuer wieder auf Platz drei rangiert, zeigt eine deutliche Steigerung von 38 auf 53 Prozent. Öffentliche Förderprogramme werden 2019 mehr als doppelt so stark genützt wie im Vorjahr (43 % im Vergleich zu 20 % in 2018). Wie im vergangenen Jahr finanziert sich rund ein Fünftel der Unternehmen (21 %) über Kapital aus Gesellschaftereinlagen (2018: 19%).

„Das Interesse an den klassischen Finanzierungsformen bleibt auch 2019 stark, trotz Pessimismus bezüglich der Kreditkonditionen, und auch, wenn in den ersten Monaten eine leichte Abschwächung in der Nachfrage zu verspüren war“, analysiert Steiner-Posch. „Das anhaltende Niedrigzinsniveau schüttet weiterhin viel Liquidität in den Markt und trotz der anziehenden Inflation haben sich die Langfristzinsen nur leicht erhöht. Gleichzeitig steigt der Finanzierungsbedarf, weil viele Unternehmen aufgrund von optimistischeren Konjunktureinschätzungen auch mehr investieren wollen. Für anstehende Expansionsvorhaben ist es sinnvoll, frühzeitig für die notwendigen Finanzierungen vorzusorgen und die aktuelle Finanzierungsbereitschaft der Banken zu nutzen, bevor sinkende Konjunktureinschätzungen die Banken vorsichtiger machen.“

Interesse an alternativen Finanzierungen steigt
Rund jeder siebte Mittelständler (14 %) rechnet damit, dass die Bedeutung alternativer Finanzierungsinstrumente wie Leasing, Factoring, Schuldscheindarlehen etc. für das eigene Unternehmen 2019 steigen wird. Nur jeder 50. Befragte hält dagegen und ortet eine abnehmende Bedeutung. Gerade Großunternehmen weisen alternativen Modellen große Bedeutung zu: 19 Prozent sehen diese im Aufwärtstrend.

Unabhängig von der Größe der befragten Unternehmen ist Leasing die beliebteste alternative Finanzierungsform und wird von mehr als der Hälfte der Mittelständler (53 %) gerne in Anspruch genommen. 2018 waren es dagegen nicht einmal vier von zehn Betrieben (38 %), die auf Leasing setzten. Factoring verliert dagegen an Bedeutung. Im Vorjahr nutzten es neun Prozent, derzeit nur mehr drei Prozent. Der Anteil bei Anleihen, Investorenmodellen, Schuldscheindarlehen liegt bei nur zwei Prozent, Mezzaninfinanzierungen sogar nur bei einem Prozent.

Gerade bei der Nutzung alternativer Finanzierungsmodelle ist die Unternehmensgröße entscheidend: Große Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz setzen mit 13 Prozent Nutzern weitaus stärker auf Factoring als jene mit weniger als 30 Millionen Umsatz – hier sind es nur drei Prozent. Auch bei Schuldscheindarlehen sind Großunternehmen die Speerspitze. Acht Prozent nutzen diese Finanzierungsform, dagegen nur ein Prozent der weniger umsatzstarken Mittelständler. Dafür setzen kleinere Betriebe stärker auf Leasing (53 %) als Großunternehmen (46 %).

„Innenfinanzierung aus Gewinnen und Cash-Flow sowie Bankkredite werden von allen Mittelständlern, unabhängig von Größe und Umsatzstärke, beinahe gleich stark genutzt und führen die Liste der beliebtesten Finanzierungsformen ganz klar an. Offensichtlich ist der Zugang auch kleinerer Unternehmen zu guten Bankdarlehen gegeben und die Schere der letzten Jahre ein Stück weit zugegangen – denn bisher hatten es größere Unternehmen deutlich leichter, zu guten Konditionen zu kommen“, erklärt Steiner-Posch. „Bei alternativen Modellen gilt: je kleiner desto desinteressierter. Auch weniger umsatzstarke, kleinere Betriebe sollten hier ihre Hausaufgaben machen und alternativen Formen eine Chance geben, wenn die Segel weiter auf Wachstum gesetzt sind.“