EY-Jobstudie Karriere Österreich 2019

Mehrheit der Arbeitnehmer in Österreich hält sich für unterbezahlt – mehr als jeder Vierte sieht sich nach einem neuen Job um

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  • Vier von fünf Beschäftigte in Österreich fühlen sich dem Arbeitgeber verbunden – Loyalität steigt mit der Position
  • Aber 57 Prozent halten sich für unterbezahlt – durchschnittlich fordern Arbeitnehmer um rund 14 Prozent mehr Gehalt
  • Gehaltsgefüge im eigenen Unternehmen wird von zwei Drittel als fair wahrgenommen
  • Mehr als jeder Vierte sieht sich derzeit auf dem Arbeitsmarkt nach einem neuen Job um – bessere Bezahlung größter Anreiz für Wechsel
  • Nur jeder Vierte sieht bei seinem aktuellen Arbeitgeber gute Aufstiegschancen – Karriere für Männer deutlich wichtiger als für Frauen

Österreichische Arbeitnehmer fühlen sich zu einem überwiegenden Teil ihrem Arbeitgeber verbunden und sind grundsätzlich zufrieden mit ihrem Job. So geben 81 Prozent der Arbeitnehmer hierzulande an, dass sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber verbunden fühlen – fast ein Drittel (27 %) sogar sehr. Dabei gilt: Je höher die Position, desto höher die Verbundenheit. So ist der Anteil der Beschäftigten, die sich ihrem Arbeitgeber sehr eng verbunden fühlen, im Top-Management mehr als doppelt so hoch wie bei Angelernten bzw. ungelernten Arbeitskräften. So gut wie jeder zweite Mitarbeiter wäre einem Wechsel in ein anderes Unternehmen aber nicht abgeneigt, wenn die Bezahlung stimmt.

Die Unternehmen können sich vor allem auf ihre erfahrenen Mitarbeiter verlassen: 32 Prozent der Arbeitnehmer über 50 Jahren fühlen sich mit ihrem Arbeitgeber sogar sehr eng verbunden, während das bei den bis zu 20-Jährigen nur 20 Prozent von sich sagen. Gleichzeitig machen sich zehn Prozent der Arbeitnehmer unter 35 aktiv auf die Suche nach einem neuen Arbeitgeber, aber nur drei Prozent der über 50-Jährigen. In keiner Altersklasse ist die gefühlte Arbeitsplatzsicherheit außerdem so hoch wie bei den ältesten Befragten: 44 Prozent schätzen ihren Arbeitsplatz als sicher ein, in allen anderen Altersgruppen sind es nur jeweils 35 Prozent. Derzeit machen sich 16 Prozent der Befragten Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Vor allem die Beschäftigten in der Gesundheitsbranche (83 %) sowie im Banken- und Versicherungswesen (79 %) schätzen ihren Arbeitsplatz als eher unsicher ein. Im Dienstleistungsbereich und in der Bauwirtschaft fürchten Arbeitgeber dagegen derzeit kaum den Verlust ihres Jobs: 33 Prozent beziehungsweise 32 Prozent schätzen ihren Arbeitsplatz als sicher ein.

Das sind Ergebnisse der EY-Jobstudie, für die 1.001 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich befragt wurden.

Für Ingrid Rattinger, Managing Partner Talent bei EY Österreich, ist die hohe Loyalität der österreichischen Arbeitnehmer zu ihrem Arbeitgeber zunächst ein positives Zeichen: „Die Ergebnisse zeigen, dass es den österreichischen Unternehmen überwiegend gut geht. Die meisten Beschäftigten müssen sich keine Sorgen um ihren Job machen. Im Gegenteil: Da die Wirtschaft gerade brummt, werden gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt rar. Unternehmen tun deshalb inzwischen deutlich mehr für die, die bereits an Bord sind – sei es durch attraktive Arbeitszeiten, Home-Office oder sonstige Anreize.“

Allerdings warnt Rattinger auch, dass zu viel Zufriedenheit schnell in Stillstand umschlagen kann. „Eine dynamische Wirtschaft benötigt einen mobilen Arbeitsmarkt und aufstiegsorientierte Mitarbeiter, aber auch Unternehmen, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genügend Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Dazu gehört auch, dass Karriere und Aufstieg gesamtgesellschaftlich höher bewertet und stärker akzeptiert sein sollten.“

Mehrheit der Arbeitnehmer hält sich für unterbezahlt
Immerhin 57 Prozent der Arbeitnehmer in Österreich halten sich für unterbezahlt – nur 43 Prozent denken, dass sie für ihre Leistung genauso viel verdienen sollten, wie sie tatsächlich bekommen. Kein Befragter ist der Meinung, mehr zu erhalten als ihm eigentlich zusteht. Im Durchschnitt liegt die geforderte Mehrbezahlung bei knapp 13,7 Prozent, wobei Frauen mit 11,1 Prozent deutlich weniger fordern als Männer (16,2 %). Dennoch hält eine Mehrheit von 65 Prozent das Gehaltsgefüge im eigenen Unternehmen für absolut oder überwiegend fair.

„Das Gehaltsgefüge im eigenen Unternehmen wird trotz empfundener Unterbezahlung weitgehend akzeptiert“, sagt Rattinger. „Das liegt allerdings möglicherweise auch daran, dass im eigenen Unternehmen oft der Vergleich fehlt. Daher müssen Personalabteilungen ein transparentes und nachvollziehbares Gehaltsgefüge etablieren“.

Besonders fair bezahlt fühlen sich aktuell Arbeitnehmer im Handel (72 %), der Industrie (71 %) und der Bauwirtschaft (69 %). Unter den Dienstleistern halten hingegen nur 57 Prozent das Gehaltsgefüge in ihrem Unternehmen für fair. Die größten Gehaltssprünge fordern Arbeitnehmer in der Industrie (+25,1 %), der Dienstleistungsbranche (+18,2 %) und der Bauwirtschaft (+15,9 %).

Jeder Vierte sieht sich nach einer neuen Stelle um
Immerhin 28 Prozent der Arbeitnehmer in Österreich schauen sich derzeit tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt um. Bei Männern liegt der Anteil mit 30 Prozent höher als bei Frauen (26 %). Die Mobilität am Arbeitsmarkt ist bei jüngeren Arbeitnehmern erwartungsgemäß stärker ausgeprägt: In den Altersklassen der bis 20-Jährigen und 21- bis 35-Jährigen ist der Anteil derer, die aktiv oder gelegentlich nach einem neuen Arbeitgeber Ausschau halten, mit jeweils 37 Prozent am höchsten. Bei Arbeitnehmern über 50 Jahren beträgt der Anteil nur 15 Prozent.

Als wichtigstes Motiv für die Suche nach einer neuen Stelle nennen die Befragten überwiegend eine bessere Bezahlung (59 %). Während sich 63 Prozent der Männer durch monetäre Anreize von einem neuen Arbeitgeber überzeugen ließen, sind es bei Frauen 55 Prozent. Die Wechselbereitschaft anfeuern würden auch interessantere Arbeitsinhalte (36 %), eine kürzere Wegzeit in die Arbeit (26 %) oder Weiterentwicklungsmöglichkeiten (19 %).

Arbeitnehmer fordern mehr Aufstiegsmöglichkeiten
An Aufstiegsmöglichkeiten mangelt es derzeit offenbar: Nur jeder Vierte (24 %) sieht aktuell für sich im eigenen Unternehmen gute Karrierechancen. Vor allem Frauen kommen irgendwann auf der Karriereleiter nicht voran: Nur 21 Prozent von ihnen sehen entsprechende Möglichkeiten, während es bei den Männern immerhin 25 Prozent sind.

Der Anteil der Arbeitnehmer, die für sich Aufstiegschancen beim aktuellen Arbeitgeber sehen, sinkt mit steigendem Alter: Während bei den Berufseinsteigern im Alter von bis zu 20 Jahren noch 37 Prozent Karrieremöglichkeiten sehen, sind es in der Altersgruppe der 21- bis 35-Jährigen nur noch 30 Prozent und bei den Best Agers über 50 schließlich nur noch 16 Prozent der Arbeitnehmer. Das Gefühl des Stillstands auf der Karriereleiter führt bei vielen Arbeitnehmern zu Unzufriedenheit: Knapp zwei Drittel (64 %) der Männer und die Hälfte (50 %) der Frauen fordern mehr Aufstiegsmöglichkeiten in ihrem Unternehmen.