EY Stadtwerkestudie 2019

Österreichs Energieversorger nutzen die Möglichkeiten von Smart Metering noch kaum

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  • Nur 17 Prozent der österreichischen Haushalte waren Ende 2018 mit intelligenten Stromzählern ausgestattet – Energiebranche schöpft Möglichkeiten von Smart Metering noch nicht aus
  • Vier Fünftel der österreichischen Energieversorger bewerten Geschäftsjahr 2018 als positiv
  • Trennung der Strompreiszonen und Bedarf an qualifizierten Fachkräften erschweren Prognosen für den Geschäftserfolg 2019
  • Energieversorger wollen 2019 vor allem Smart Metering und Big-Data-Anwendungen zur Digitalisierung nutzen
  • Branchen verschmelzen zunehmend: Österreichs Energieversorger sehen Telekommunikation, Smart Metering, dezentrale Stromerzeugung und E-Mobilität als vielversprechendste Geschäftsfelder in den nächsten Jahren

Österreichische Energieversorger integrieren Smart Metering noch kaum in ihr Produktportfolio. Nur etwa 10 bis 15 Prozent der heimischen Betriebe bieten ihren Kunden aktuell smart-meter-basierte Angebote. „Ein Grund für die bislang zurückhaltende Integration von Smart-Meter-Angeboten in Produkte der Energieversorger ist sicherlich die noch niedrige Roll-out-Quote. Ende 2018 waren etwas mehr als eine Million intelligente Messysteme in Österreich installiert. Das entspricht einem Implementierungsstand von unter 20 Prozent“, erklärt Stefan Uher, Leiter des Energiesektors bei EY Österreich.

Laut gesetzlichen Vorgaben muss die österreichische Energiewirtschaft bis 2020 80 Prozent der österreichischen Haushalte mit intelligenten Messgeräten für den Stromverbrauch ausstatten.

Dabei beschränken österreichische Energieunternehmen ihr smart-meter-basiertes Produktportfolio zurzeit auf variable Tarife und die Verbrauchsvisualisierung. Auch spartenübergreifende Bündelablesungen sind bereits im Einsatz. Dabei würde Smart Metering aus Sicht von Uher weitaus mehr Potenzial bieten, beispielsweise im Hinblick auf die Datenvermarktung. „Viele Energieversorger haben datenschutzrechtliche Bedenken – trotzdem sollte dieses Geschäftsfeld nicht völlig ignoriert werden“, meint Uher: „Auch andere Branchen haben bereits beachtliche Potenziale mit scheinbar wertlosen Nutzerdaten heben können“.

Die überwiegende Mehrheit der österreichischen Energieversorger erkennt den hohen Wert der gesammelten Daten – knapp zwei Drittel (65 %) gaben an, dass Analytics und Big Data-Anwendungen zur Entscheidungsunterstützung für die Energiewirtschaft besonders relevant sind. Vier Fünftel der Befragten schätzen Smart Metering als wichtige Technologie ein. Die Erwartungen an Blockchain und künstliche Intelligenz haben sich im Energiesektor gegenüber dem Vorjahr hingegen deutlich reduziert. Haben sich 2018 noch zwei Drittel (68 %) der Befragten für die hohe Relevanz von Blockchain ausgesprochen, war es 2019 nur mehr jeder Dritte (35 %). Neue Technologien in Bezug auf künstliche Intelligenz schätzen heuer nur noch 15 Prozent als zukunftsweisend ein – im Vorjahr war es hingegen fast die Hälfte (47 %).

Das sind die Ergebnisse der „Stadtwerkestudie 2019“ der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY. Dafür wurden Geschäftsführer und Vorstände von insgesamt 172 Unternehmen aus der Energiewirtschaft im deutschsprachigen Raum, darunter 20 Organisationen aus Österreich, befragt.

Vier Fünftel sind mit dem Geschäftsjahr 2018 zufrieden
Insgesamt verlief das Geschäftsjahr 2018 für heimische Stromerzeuger und -lieferanten äußerst positiv. Vier Fünftel (80 %) der Energieversorger sind zufrieden mit dem Geschäftserfolg des letzten Jahres. Damit sind Österreichs Energieunternehmen etwas zufriedener als ihre deutschen Kollegen (74 %). Sowohl die intensiven Bemühungen im Bereich der Kundenbindung als auch die steigende Kundenanzahl hatten einen positiven Effekt auf das gute Ergebnis. Zudem haben zusätzliche Einnahmen in anderen Bereichen zum generell erhöhten Absatz beigetragen.

Fachkräftemangel und Trennung der Strompreiszonen bremsen Optimismus
Weniger optimistisch zeigen sich die Befragten im Hinblick auf die Entwicklung im aktuellen Geschäftsjahr: Nur 65 Prozent der österreichischen Energieversorger erwarten, auch im laufenden Geschäftsjahr an den Erfolg im letzten Jahr anknüpfen zu können. Die deutschen Energieunternehmen sind mit 71 Prozent positiv gestimmten Marktteilnehmern deutlich optimistischer. Speziell ein hoher Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs und Personal trägt zur vorsichtigen Einschätzung der Entwicklung für dieses Jahr bei. Neun von zehn der befragten Energieversorger beschäftigen sich im heurigen Jahr verstärkt mit der Suche nach geeigneten Fachkräften.

Damit liegt die Energiewirtschaft sogar über dem ohnehin schon hohen Durchschnitt der Unternehmen in Österreich. 83 Prozent der mittelständischen Unternehmen haben gemäß den Ergebnissen des EY Mittelstandsbarometer 2019 große Probleme bei der Suche nach geeignetem Personal. Neben der branchenübergreifenden Thematik des Fachkräftemangels nennen die heimischen Energieunternehmen auch die Optimierung interner Prozesse und Digitalisierung als große Herausforderungen. Diese Einschätzung deckt sich auch mit den Ergebnissen in Deutschland – auch hier rangieren die genannten Themen unter den Top-3-Nennungen.

Uher nennt einen zusätzlichen Grund für die vorsichtige Prognose: „Die Trennung der Strompreiszone im Herbst 2018 hat erheblichen Einfluss auf die zurückhaltenden Erwartungen für das diesjährige Geschäftsjahr. Damit ist die Volatilität der Strompreise in Österreich stark gestiegen, eine valide Einschätzung für die weitere Entwicklung fällt dadurch deutlich schwerer.“

Jedes fünfte Energieunternehmen empfindet Digitalisierung als Risiko
Die heimischen Energieversorger nehmen Digitalisierung eindeutig als Zukunftsthema wahr –zwei Drittel (65 %) erkennen darin eine Chance, jeder Fünfte sieht darin hingegen eine Bedrohung. „Die Angst vor den Schattenseiten des digitalen Wandels ist angesichts der zunehmenden Anzahl an Cyberattacken, bei denen große Mengen an Daten gestohlen werden, nachvollziehbar“, kommentiert Uher. „Allerdings lassen sich durch gezielte Maßnahmen mit geringem Aufwand die daraus resultierenden Schäden meistens schon im Vorfeld vermeiden.“

Branchen verschmelzen zunehmend – Energieversorger sehen Konvergenz positiv
Immer mehr bislang branchenfremde Unternehmen engagieren sich in traditionellen Geschäftsfeldern der Energieversorger – und fordern sie heraus. Denn die Sektorenkonvergenz, die zuerst die Technologie-, Telekommunikations-, Medien- und Entertainmentindustrie erfasst hat, prägt zunehmend auch die Energiebranche: Über die Elektromobilität wachsen beispielsweise Automobilindustrie und Energiewirtschaft zusammen. Und Telekommunikationsunternehmen, Paketdienstleister und Wohnungsgesellschaften arbeiten am Aufbau der Elektroladeinfrastruktur.

Allgemein stehen die österreichischen Energieversorger der engeren Verzahnung unterschiedlicher Branchen positiv gegenüber, so Uher: „Die durch die Digitalisierung beeinflusste Sektorenkonvergenz, also die Vernetzung verschiedener Branchen, wird von der Energiewirtschaft als große Chance wahrgenommen. Es eröffnen sich viele neue Geschäftsfelder, beispielsweise im Bereich Elektromobilität. In diesem Bereich sind heute bereits viele Energieversorger aktiv – Tendenz weiter steigend.“

Die bestehenden Aktivitäten sind aber erst der Anfang: Energieversorger sehen sich zukünftig etwa als umfassende Plattformbetreiber im Betrieb von Smart-Meter-Gateways, der Ladeinfrastruktur oder im Bereich der dezentralen Stromerzeugung.

„Digitalisierung und Sektorenkonvergenz bergen auch Risiken. Das Tempo des disruptiven Wandels ist enorm. Die Digitalisierung ganzer Wertschöpfungsketten stellt heute jedes Unternehmen vor gewaltige Herausforderungen. Zukünftig werden sich noch mehr Marktakteure aus anderen Branchen in der Energiewirtschaft engagieren. So kann die vermeintliche Chance und Gelegenheit für neue Geschäftsmodelle und nachhaltiges Wachstum auch zu einem Risiko werden – nämlich dann, wenn die Veränderung hin zu einer agilen und innovationsfördernden Unternehmenskultur nicht ganz oben auf der Agenda der heimischen Energieversorger steht“, so Uher.