Automotive Analyse September 2019

EU-Neuwagenmarkt im Rückwärtsgang – aber Elektro boomt

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  • Pkw-Absatz in der EU geht im August um acht Prozent zurück
  • Hohe Zahl von Eigenzulassungen verhindert noch stärkeren Abschwung
  • Neuzulassungen von Elektroautos steigen weiter deutlich: plus 80 Prozent im laufenden Jahr in den Top-5-Märkten – Marktanteil bleibt aber niedrig

Der Abwärtstrend auf dem europäischen Neuwagenmarkt hält an: Im August sanken die Neuzulassungen EU-weit um acht Prozent, einige wichtige Märkte wie Polen, Belgien, Frankreich oder Spanien verzeichneten sogar Rückgänge im zweistelligen Prozentbereich. Der österreichische Markt schrumpfte im August um 13 Prozent.

Die auf den ersten Blick schwache Entwicklung im August dürfte allerdings in erster Linie auf das sehr hohe Absatzniveau im Vorjahr zurückzuführen sein, als im Vorfeld der WLTP-Umstellung einige Hersteller in großem Stil nicht-WLTP-zertifizierte Neuwagen in den Markt gedrückt haben, was zu einem Neuzulassungsboom führte. Gerhard Schwartz, Partner und Sector Leader Industrial Products bei EY Österreich, bezeichnet den Rückgang im vergangenen Monat als relativ moderat: „Vor dem Hintergrund des sehr hohen Vorjahresniveaus wäre ein noch stärkerer Rückgang zu erwarten gewesen. Allerdings scheinen die Hersteller und Händler zumindest in einigen Märkten die Neuzulassungen mit einer großen Zahl von Eigenzulassungen in die Höhe getrieben zu haben.“ So wurde im August in Deutschland knapp jeder vierte Neuwagen (23,4 %) auf einen Händler zugelassen – im Juli lag der Anteil nur bei 16,7 Prozent. In Italien sorgte ein Anstieg der Eigenzulassungen um 13 Prozent dafür, dass die Neuzulassungen insgesamt nur um 3,5 Prozent schrumpften.

Derzeit falle es schwer, eine belastbare Prognose für den weiteren Jahresverlauf abzugeben, sagt Schwartz: „Es ist unklar, in welchem Umfang die nächste Stufe des WLTP-Prüfzyklus, die am  1. September dieses Jahres in Kraft trat, zu erneuten Verzerrungen in Form vorgezogener Neuzulassungen oder hoher Rabatte geführt hat. Ebenfalls nicht klar ist, ob es in den kommenden Monaten zu Engpässen bei der Verfügbarkeit zertifizierter Neuwagen kommen wird. Beides könnte für Einbußen im weiteren Jahresverlauf sorgen.“ Hinzu komme die unsichere politische und konjunkturelle Lage in Europa: „Einige Länder befinden sich am Rande oder mitten in einer Rezession, zudem sorgt die Brexit-Debatte für erhebliche Verunsicherung, so dass in den kommenden Monaten unterm Strich kaum positive Impulse für den Neuwagenmarkt in der EU zu erwarten sind.“

Diesel-Absatz massiv unter Druck
Auch im August setzte sich der nun schon seit 2015 anhaltende Abwärtstrend beim Absatz von Diesel-Neuwagen fort: Die Neuzulassungen von Diesel-Pkw in den fünf größten EU-Märkten (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien) sanken im August um ein Viertel – bei einem um acht Prozent schrumpfenden Gesamtmarkt. In Österreich sank der Absatz von Diesel-Modellen um 17 Prozent, der Marktanteil ging von 40 auf 38 Prozent zurück.

Deutschland ist der einzige große Markt mit einem einstelligen Minus von acht Prozent – in Frankreich sanken die Diesel-Neuzulassungen um 33 Prozent, in Italien um 35 Prozent und in Spanien sogar um 50 Prozent. „Das war ein ganz schwieriger Monat für den Diesel – allerdings ist unklar, welchen Anteil die WLTP-Umstellungen in diesem und im vergangenen Jahr an diesem desaströsen Ergebnis hatten“, sagt Schwartz. „Deutschland ist der einzige große Absatzmarkt, in dem sich der Absatz von Diesel-Neuwagen in diesem Jahr stabilisiert hat. Im laufenden Jahr stiegen die Neuzulassungen in Deutschland immerhin um zwei Prozent, auch angetrieben durch den SUV-Boom. In den anderen Märkten, einschließlich Österreich, hat der Diesel hingegen weiterhin einen schweren Stand.“

Diesel-Marktanteil
  Januar-August 19 Januar-August 18
Italien 43 % 54 %
Österreich 38 % 41 %
Frankreich 34 % 40 %
Top 5 33 % 38 %
Deutschland 33 % 32 %
Spanien 28 % 37 %
Großbritannien 27 % 33 %

Absatz von Elektrofahrzeugen steigt im August weiter deutlich
Der Trend zu mehr Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen hält an: Im August kletterte der Absatz von Elektroautos (einschließlich Plug-in-Hybriden) in den Top-5-Märkten um 25 Prozent, in Österreich sogar um 52 Prozent. Der Marktanteil von Elektro- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeugen stieg damit im Vergleich zum Vorjahresmonat in den Top-5-Märkten von 1,8 Prozent auf 2,5 Prozent. Von den sechs analysierten Absatzmärkten (Top 5 sowie Österreich) wies Großbritannien mit 4,4 Prozent den höchsten Marktanteil von Elektrofahrzeugen auf gefolgt von Österreich mit 3,0 Prozent. In Italien liegt der Marktanteil hingegen immer noch unter der 1-Prozent-Marke (0,9 Prozent). Noch stärker ist das Wachstum bei reinen Elektroautos (ohne Plug-in-Hybride), deren Absatz im bisherigen Jahresverlauf in den Top-5-Märkten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar um 80 Prozent stieg – in Österreich um 63 Prozent.

Schwartz beobachtet derzeit ein deutlich steigendes Interesse an Elektrofahrzeugen, das durch die jüngsten Modellvorstellungen rund um die Automobilausstellung IAA nochmals zunehmen dürfte: „Die Elektromobilität gewinnt an Relevanz, attraktive neue Modelle werden im kommenden Jahr nochmal für einen kräftigen Schub bei den Neuzulassungen sorgen. Allerdings ist es noch ein weiter Weg, bis E-Autos wirklich aus ihrer derzeit noch sehr kleinen Nische herausfahren und zumindest einen zweistelligen Marktanteil erreichen. Zunächst muss unbedingt an der Ladeinfrastruktur gearbeitet werden – und auch lange Ladezeiten und hohe Preise schrecken immer noch viele Menschen ab. Da bleibt für die Politik und die Industrie noch viel zu tun.“