Trübe Stimmung in der Agrarbranche – aber Lichtblicke geben Hoffnung für 2017

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  • Milchwirtschaft 2016 mit Umsatzrückgang – höhere Milchpreise werden Umsatz 2017 wieder steigen lassen
  • Fleischwirtschaft kann wachsen – hoher Preisdruck schlägt sich aber auf die Stimmung nieder
  • Hersteller von land- und forstwirtschaftlichen Maschinen müssen 2016 deutlichen Umsatzrückgang um rund 5 Prozent hinnehmen
  • EY-Partner Dr. Janze: „Unternehmen fahren 2017 auf Sicht“

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Konjunkturbarometer Agribusiness in Deutschland 2017

(PDF – 5 MB, 54 Seiten)

Hannover. 19. Januar 2017. Stagnierende oder sogar zurückgehende Umsätze, Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung und zum Teil wegbrechende Auslandsmärkte – das Jahr 2016 hat nach den ebenfalls schon schwierigen Vorjahren überwiegend für weiterhin trübe Stimmung im Agribusiness gesorgt.

Das Agribusiness ist in Deutschland nach dem Fahrzeugbau und dem Maschinenbau die drittgrößte Branche innerhalb des verarbeitenden Gewerbes. 2016 setzte die Branche trotz niedriger Agrarpreise nach vorliegenden Schätzungen erneut über 210 Milliarden Euro um, das entspricht einem Anteil von rund 12 Prozent am Gesamtumsatz des verarbeitenden Gewerbes. Die bedeutendsten Teilbranchen des deutschen Agribusiness sind die Lebens- und Futtermittelindustrie, die Getränkeindustrie, die Landtechnikindustrie, die Saatzuchtindustrie, die Hersteller von Pflanzenschutz- und Düngemitteln sowie der Landhandel.

Die größte Teilbranche – die  Ernährungsindustrie – erzielte 2016 geschätzt ein leichtes Umsatzplus von 0,6 Prozent auf rund 170 Milliarden Euro. Die Ernährungsindustrie umfasst neben der Fleisch- und der Milchwirtschaft auch weitere Teilbranchen wie die Fischverarbeitung, die Obst- und Gemüseverarbeitung, die Herstellung von pflanzlichen sowie tierischen Ölen und Fetten, Mahl- und Schälmühlen sowie die Hersteller von Stärke und Stärkeerzeugnissen, die Hersteller von Back- und Teigwaren, die Futtermittelindustrie, die Getränkeindustrie sowie die Hersteller von sonstigen Nahrungsmitteln.

Die milchverarbeitenden Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern (Zahlen für Betriebe ab 20 Mitarbeitern liegen für alle Branchen noch nicht vor) erwirtschafteten in den ersten drei Quartalen mit 17,2 Milliarden Euro ein Minus von 898 Millionen Euro beziehungsweise fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Seit August zeichnet sich aber eine Trendwende ab: Die Umsätze übersteigen seitdem wieder die Vorjahreswerte. Unter dem Strich dürfte für die gesamte Molkereiwirtschaft 2016 dennoch ein Rückgang stehen. Nach 24,58 Milliarden Euro im Vorjahr dürften die Erlöse nur noch etwa 24,4 Milliarden Euro erreichen, das entspricht einem Minus von 0,7 Prozent. 

Die Fleischwirtschaft als umsatzstärkste Branche innerhalb der Ernährungsindustrie konnte den Rückgang ihrer Umsätze dagegen aufhalten und wuchs 2016 wieder leicht. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2016 wurden in den Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern 21,6 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das ein Anstieg um 535 Millionen Euro beziehungsweise 2,5 Prozent. Die Gesamtbranche dürfte damit im Gesamtjahr leicht um 1,8 Prozent auf 40,4 Milliarden Euro wachsen.

Mit Problemen haben die Hersteller von land- und forstwirtschaftlichen Maschinen zu kämpfen: Der Umsatz der Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern ging in den ersten drei Quartalen um drei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Für das Gesamtjahr ist nach Angaben des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) für die gesamte Landtechnikindustrie sogar mit einem Umsatzrückgang um rund 5 Prozent auf etwa sieben Milliarden Euro zu rechnen.

Das sind Ergebnisse einer aktuellen Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY zusammen mit dem Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre des Agribusiness der Georg-August-Universität Göttingen. Die Studie basiert auf Daten des Statistischen Bundesamtes, des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer, des ifo Instituts – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V. sowie eigenen Berechnungen.

Dr. Christian Janze, Partner bei EY: „Das Agribusiness hat gegenwärtig mit zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen. So bekommt die Landtechnikindustrie derzeit den starken Rückgang der Getreide- und anderer Agrarpreise zu spüren. Die sich verhalten entwickelnde Nachfrage auf wichtigen Exportmärkten sowie die zunehmenden Unsicherheiten und protektionistischen Tendenzen setzen wiederum der Milch- und Fleischwirtschaft zu. Der Preisdruck, dem sich die Betriebe ausgesetzt sehen, wird durch die weitere Konsolidierung des deutschen Lebensmitteleinzelhandels noch verschärft. Die Unternehmen fahren 2017 trotz erster Anzeichen für eine Erholung der wirtschaftlichen Lage in der Milch- und der Fleischwirtschaft weiter auf Sicht und müssen ausreichend flexibel bleiben, um auf die volatile Lage schnell reagieren zu können.“

Professor Dr. Ludwig Theuvsen vom Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre des Agribusiness an der Georg-August-Universität Göttingen ergänzt: „Ein weiteres Problem ist der zunehmende Akzeptanzverlust in der Bevölkerung. Gerade die Fleischwirtschaft hat mit einem Imageverlust zu kämpfen, der mit einem grundlegenden Wandel der Einstellung in Teilen der Gesellschaft zur industriellen Landwirtschaft im Allgemeinen und dem Fleischkonsum im Besonderen zu tun hat.“

Anhang: Die Teilbranchen des Agribusiness im Einzelnen

Landtechnik

Die deutsche Landtechnikbranche hat seit dem Allzeithoch 2013 mit einem Umsatz von 8,39 Milliarden Euro mit erheblichen Umsatzrückgängen zu kämpfen. 2014 ging der Umsatz deutlich um 8,4 Prozent zurück. Im Jahr 2015 setzte sich der Umsatzrückgang weiter fort; der Umsatz sank um 4 Prozent. Für das Gesamtjahr 2016 wird sich der Rückgang den Schätzungen zufolge sogar nochmals wieder verschärfen: Am Jahresende dürfte nach Schätzung des VDMA ein Minus von rund 5 Prozent auf rund sieben Milliarden Euro stehen.

Trotz des erheblichen Umsatzrückgangs der Branche in den vergangenen Jahren kamen mehr Betriebe hinzu, und die Zahl der Mitarbeiter ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ebenfalls angewachsen. Von 2008 bis 2015 hat sich die Anzahl der Mitarbeiter um fast ein Viertel von 28.766 auf 35.723 Beschäftigte und die Zahl der Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern von 158 auf 178 (12,7 Prozent) erhöht 2016 wurde trotz des erneuten Umsatzrückgangs mit einer weitgehend stabilen Beschäftigung in der Branche gerechnet. Die Zahl der Unternehmen ist geschätzt weiter auf 181 Betriebe angewachsen.

Die Stimmung in der Landtechnikindustrie war 2016 durchgehend schlecht. Der ifo-Geschäftsklimaindex, der sich aus der Beurteilung der Geschäftslage und den Geschäftserwartungen zusammensetzt, war ganzjährig negativ. Im Mai rutschte das Saldo sogar auf minus 56 – der schlechteste Wert seit Januar 2012.  

Janze: „Die Stimmung der Landtechnikunternehmen ist krisenhaft. Ein Grund dafür ist das sich erst allmählich erholende Niveau der Preise für landwirtschaftliche Produkte. Die lange Zeit sehr niedrigen Preise haben sich negativ auf die Investitionsbereitschaft der landwirtschaftlichen Kunden ausgewirkt und zu sinkenden Umsätzen geführt. Für das Jahr 2017 geben die protektionistischen Tendenzen weltweit und vor allem in den USA, die nach Frankreich den zweitwichtigsten Markt für deutsche Landtechnik darstellen, zu denken. Gerade mittelständische Betriebe ohne eigene Produktion im Ausland dürften hiervon getroffen werden. Auch hinter den Handelsbeziehungen zu Großbritannien steht nach dem Brexit-Votum ein großes Fragezeichen.“  

Ernährungsindustrie

Die Ernährungsindustrie ist gemessen am Umsatz die größte Teilbranche des Agribusiness und der wichtigste Arbeitgeber. Im Jahr 2015 beschäftigte sie fast 570.000 Mitarbeiter in mehr als 5.800 Betrieben. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der Betriebe damit geringfügig um 0,3 Prozent bzw. 12 Betriebe gesunken, während die Anzahl der Mitarbeiter um knapp 9.400 oder 1,7 Prozent angestiegen ist. Während 2016 die Zahl der Betriebe stagniert haben dürfte, war nach den zum Ende des dritten Quartals vorliegenden Zahlen von einem weiteren Beschäftigungsaufbau von knapp 10.000 Beschäftigten auszugehen.

Entsprechend positiv ist – verglichen mit anderen Teilen des Agribusiness – insgesamt 2016 auch die Stimmung in der Ernährungsindustrie gewesen. Der Geschäftsklimaindex rutschte einzig im August mit minus Eins leicht ins Negative, erreichte im September mit 20 Punkten aber schon seinen Jahreshöhepunkt und lag zum Jahresende im November immer noch mit 16 Punkten auf einem hohen Niveau. Dies gilt zumindest für Teile der Ernährungsindustrie; einzelne Teilbranchen wie die Milch- und die Fleischwirtschaft haben dagegen ein schwieriges Jahr hinter sich.

Janze: „Die Branche steht schon seit Jahren unter einem erheblichen Preisdruck. Der zuletzt zu beoabachtende Anstieg des Preisindex für Nahrungs- und Futtermittel dürfte daher deutlich zur positiven Stimmung zum Jahresende beigetragen haben. Insbesondere der Anstieg der Milchpreise dürfte bei vielen Betrieben neue Hoffnungen geweckt haben. Allerdings steht die Ernährungsindustrie weiter vor großen Herausforderungen: Bei einem zunehmend gesättigten und teilweise sogar rückläufigen Binnenmarkt, ist die Ernährungsbranche stark von ihren Exporten abhängig. Der Exportanteil ist seit 2008 deutlich gestiegen und beträgt mittlerweile ein Drittel des Gesamtumsatzes. Durch Sanktionen ist allerdings Russland als wichtiger Markt weggebrochen und nach dem Brexit und den US-Wahlen stehen hinter den Exportmärkten Großbritannien und USA erhebliche Fragezeichen.“

Fleischwirtschaft

Die Fleischwirtschaft musste in den Jahren 2014 und 2015 Umsatzrückgänge um 1,6 Prozent beziehungsweise 1,2 Prozent hinnehmen, so dass der Umsatz wieder unter die 40-Milliarden-Euro-Marke fiel. 2016 zeichnete sich in den ersten drei Quartalen eine Trendumkehr ab, so dass für das Jahresende wieder ein Umsatz von mehr als 40 Milliarden Euro zu erwarten ist.

2016 ist auch wieder ein Anstieg der Exportquote zu erwarten. Die Exporte waren in den letzten beiden Jahren stärker zurückgegangen als die Inlandsumsätze. Der Rückgang des Auslandsgeschäfts betrug 2014 und 2015 5,7 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro. Die Inlandsumsätze waren dagegen nur um 1,7 Prozent rückläufig. In der Folge sank die Exportquote 2014 und 2015 auf 26 Prozent und dürfte 2016 wieder auf dem vorherigen Niveau von 27 Prozent liegen.

Die zuletzt wieder positive Entwicklung der Fleischwirtschaft schlägt sich auch in den Beschäftigtenzahlen nieder. So wuchs die Zahl der bei den Unternehmen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen von 190.823 im Jahr 2015 geschätzt um 4,2 Prozent auf 198.795.

Trotz der vergleichsweise positiven Entwicklung fällt die Beurteilung der Geschäftslage und der Geschäftserwartungen wie schon in den Vorjahren überwiegend negativ aus. Der Geschäftsklimaindex blieb entsprechend das ganze Jahr über negativ  und erreichte mit minus 47 Punkten sogar den schlechtesten Wert seit 2008. Immerhin erholte sich das Geschäftsklima zum Jahresende und notierte beim bis dahin besten Jahreswert von minus neun Punkten.  

Janze: „Die Fleischwirtschaft insgesamt steht unter einem hohen Preisdruck. Der Wettbewerb ist hoch, und bei den Produkten besteht wenig Potenzial zur Differenzierung. Die Verbraucher in Deutschland sind zum Großteil nicht bereit, mehr zu zahlen. Gleichzeitig nimmt der Druck auf die Branche aber zu, höhere Tierwohl-Standards einzuhalten, die entsprechend auch mehr Geld kosten. Die Branche reagiert auf diese Entwicklung unter anderem mit der 2015 ins Leben gerufenen Initiative Tierwohl, Anstrengungen zur Verbesserung der Transparenz der Produktion sowie verschiedenen Initiativen im Bereich der Corporate Social Responsibility. 2017 könnte zusätzlich die Ende 2016 ausgebrochene Geflügelpest noch negative Auswirkungen zeigen.“

Milchwirtschaft

Die Milchwirtschaft konnte sich zuletzt wieder deutlich erholen, nachdem der Preisverfall bei Milch ihr in den Jahren 2014 und 2015 und auch noch in der ersten Jahreshälfte 2016 deutliche Probleme bereitet hatte. 2014 setzte ein zunächst moderater und sich dann deutlich beschleunigender Preisrückgang ein, der auch in den Büchern der Molkereien in Form sinkender Umsätze seine Spuren hinterließ. Im Jahr 2014 ging der Umsatz in Folge dieser Preisentwicklung um 2,6 Prozent bzw. 740 Millionen Euro auf rund 27,6 Milliarden Euro zurück. Im darauffolgenden Jahr fiel der Umsatz deutlich stärker um knapp drei Milliarden Euro, was einem Rückgang um 10,8 Prozent auf 24,6 Milliarden Euro entsprach.

In der Milchwirtschaft setzt sich die Tendenz zu Großmolkereien weiter fort: Die Gesamtzahl der Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern ist zwischen 2008 bis 2015 kontinuierlich um insgesamt 10,3 Prozent von 234 auf 210 gesunken. Die Zahl der Mitarbeiter erhöhte sich im selben Zeitraum jedoch von 36.675 auf 41.692. 2016 stieg die Zahl der Mitarbeiter schätzungsweise weiter auf 42.792.

Zuletzt ist die Milchproduktion aufgrund niedriger Preise und finanzieller Anreize gedrosselt worden, was zu steigenden Milchpreisen beigetragen hat. Im Jahr 2015 wurden in Deutschland knapp 32,7 Millionen Tonnen Milch produziert, von denen fast 31,5 Millionen Tonnen an die Molkereien geliefert wurden. Damit setzte sich ein Trend fort, der seit 2008 (27,5 Millionen Tonnen) zu einem Anstieg der an die Molkereien gelieferten Milch um 4 Millionen Tonnen pro Jahr (+14,6%) geführt hat. Im Jahr 2015 betrug der Zuwachs aber nur noch 94.000 Tonnen bzw. 0,3 Prozent, und 2016 konnte nach den vorliegenden Zahlen erstmals seit vielen Jahren ein Rückgang der Produktion beobachtet werden.

Die schwierige Lage der Milchwirtschaft zeigte sich 2016 auch in der Stimmung: Im Mai wurde mit minus 47,6 Punkten der niedrigste Saldo bei der Beurteilung der Geschäftslage seit der erstmaligen Erhebung des Index 1991 erreicht. Auch der Geschäftsklimaindex blieb zunächst deutlich negativ. Die Wende bei den Milchpreisen sorgte zur Jahresmitte dann aber für eine deutliche Aufhellung der Stimmung: Im November stand der Index bei einem positiven Wert von 25,4 Punkten.

Janze: „Die Milchbauern in der EU und anderen wichtigen Erzeugerregionen haben durch eine Verknappung der Milchmenge den dramatischen Verfall des Milchpreises stoppen können. Eine wieder anziehende Nachfrage hat die Trendumkehr ebenfalls begünstigt. Wurde Milch am Spotmarkt zu Beginn des Jahres 2016 noch für unter 20 Cent je Kilogramm gehandelt, wurden zum Ende des Jahres 2016 für freie Mengen teilweise bereits 40 Cent je Kilogramm erzielt. Trotz des insgesamt positiven Ausblicks für 2017 bleiben aber nach wie vor Unsicherheiten bestehen. Die Milchpreiskrise hat tiefe Löcher in die Kassen der landwirtschaftlichen Betriebe gerissen. Die Versuchung, die Produktion angesichts der höheren Preise erneut auszuweiten, um diese Löcher zu stopfen, ist groß. Die Gefahr ist, dass damit wieder eine neue Abwärtsspirale in Gang gesetzt wird. Die Nervosität innerhalb der Branche dürfte also anhalten.“