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  • Internationale Unternehmen nehmen Deutschland mit großem Abstand als Top-Investitionsstandort in Europa wahr
  • Jedes siebte Unternehmen plant Verlagerung aus Großbritannien
  • Brexit bereitet Unternehmen in Großbritannien die größten Sorgen – 71 Prozent spüren bereits erste Auswirkungen
  • Hubert Barth: „Deutschland als Stabilitätsanker“

Stuttgart, 31. Januar 2017. Noch ist Großbritannien gar nicht aus der Europäischen Union ausgestiegen – doch der bevorstehende Brexit hat bereits gravierende Auswirkungen und lässt vor allem die Attraktivität des Standortes Deutschland steigen. 40 Prozent der ausländischen Unternehmen nehmen Deutschland als Top-Investitionsstandort in Europa wahr – das sind zwei Prozentpunkte mehr als noch vor einem Jahr.

Damit baut Deutschland seinen Vorsprung innerhalb Europas gegenüber Großbritannien aus. Nur noch 22 Prozent (2016: 27 Prozent) sehen Großbritannien als führenden Standort. Noch weiter abgeschlagen ist Frankreich mit acht Prozent der Nennungen (Vorjahr: sieben Prozent).

Die hohe Attraktivität des hiesigen Standortes dürfte auch dazu führen, dass Unternehmen beziehungsweise Unternehmensteile von Großbritannien nach Deutschland verlagert werden. Denn jedes siebte in Großbritannien aktive Unternehmen plant bereits jetzt, Geschäftsbereiche aus Großbritannien zu verlagern. Verlagerungen kommen im übrigen Europa für gerade einmal jedes 50te Unternehmen in Frage.

Für die in Großbritannien aktiven Unternehmen bietet sich vor allem eine Alternative: Deutschland. 54 Prozent nennen Deutschland als bevorzugtes Ziel außerhalb Großbritanniens. Die Niederlande (33 Prozent) und Frankreich (8 Prozent) landen weit dahinter.

Das sind Ergebnisse einer Befragung von 254 Unternehmen durch die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. 75 Prozent der befragten Unternehmen haben ihren Sitz oder eine Niederlassung in Großbritannien.

Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung in Deutschland, erwartet, dass der Standort Deutschland im Zuge des Brexit attraktive Unternehmen anziehen wird: „Es zeigt sich, dass der anstehende Brexit für große Unsicherheit bei der Wirtschaft in Großbritannien sorgt. Der sichere Zugang zum europäischen Binnenmarkt ist und bleibt ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Deswegen suchen die in Großbritannien ansässigen Unternehmen nach Alternativen. Erfreulich aus deutscher Sicht ist, dass der hiesige Standort als besonders attraktiv wahrgenommen wird. In einem volatilen Umfeld, in dem auch in Nachbarländern Populisten nach der Macht greifen und der Nationalismus sich ausbreitet, hat Deutschland die Chance, sich als Stabilitätsanker zu erweisen.“

56 Prozent der Unternehmen wollen mehr in Europa investieren
Auch Europa bleibt ein attraktiver Standort aus Sicht der internationalen Unternehmen und wird sogar noch attraktiver: 56 Prozent der Unternehmen wollen ihre Investitionen in Europa ausbauen.

Bernhard Lorentz, Partner bei EY und Leiter des Bereichs Government & Public Sector für Deutschland, die Schweiz und Österreich, sieht daher neben allen Herausforderungen auch positive Zeichen für die EU: „Die Europäische Union ist stark und attraktiv genug, um auch ohne Großbritannien internationale Investoren anzuziehen. Die relative Gelassenheit der Wirtschaft außerhalb Großbritanniens ist ein ermutigendes Signal an die europäische Gemeinschaft.“ Lorentz sieht vor allem den Standort Deutschland als Alternative zu Großbritannien gut aufgestellt: „Wer Zugang zum europäischen Binnenmarkt suchte, hat bisher häufig von Großbritannien aus operiert. Künftig könnten andere europäische Länder das Rennen machen, allen voran Deutschland. Die Wirtschaft findet hierzulande nicht nur rechtliche, politische und soziale Sicherheit. Sie kann auch auf eine hervorragende Infrastruktur, gut ausgebildete Fachkräfte und einen im internationalen Vergleich attraktiven Immobilienmarkt zählen.“

71 Prozent der Unternehmen spüren bereits Auswirkungen
Obwohl Großbritannien erst in frühestens zwei Jahren tatsächlich aus der Europäischen Union austreten wird, sehen sich international tätige Unternehmen bereits heute mit verschiedenen Folgen des Brexit-Votums konfrontiert: 71 Prozent geben an, konkrete Auswirkungen in ihrem Geschäft zu spüren – das betrifft vor allem die Gewinnmargen, die bei 28 Prozent der Unternehmen geschrumpft sind, und die Einkaufspreise, die sich für 29 Prozent erhöht haben. Infolge des Votums hatte das britische Pfund massiv an Wert verloren, was Importe nach Großbritannien deutlich verteuerte.

Barth warnt daher: „So erfreulich die steigende Attraktivität des Investitionsstandortes Deutschland ist – dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU viele deutsche Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen wird.“ Für die Automobilindustrie beispielsweise stehe viel auf dem Spiel. Die Lieferketten von Herstellern und Zulieferern seien über viele Länder hinweg eng verflochten – auch und gerade mit Großbritannien. Neue tarifäre und nicht-tarifäre Handelshemmnisse  seien für viele Unternehmen eine echte Belastung.

Jedes dritte Unternehmen in Großbritannien besorgt wegen Brexit
Für die in Großbritannien ansässigen Unternehmen ist der Brexit die Hauptsorge: Jedes dritte Unternehmen macht sich Gedanken deswegen. Ganz anders bewerten Unternehmen, die nicht in Großbritannien ansässig sind, den bevorstehenden Austritt aus der Europäischen Union. Lediglich 15 Prozent machen sich Sorgen deswegen. Viel schwerer wiegen aus ihrer Sicht die geopolitische und EU-weite Instabilität sowie die Verlangsamung der weltweiten Handelsströme.

Noch nie seit Beginn der Befragung im Jahr 2004 wurde zudem die Entwicklung der Attraktivität des Standortes Großbritannien so schlecht bewertet wie diesmal. Mehr als jedes dritte befragte Unternehmen (34 Prozent) erwartet, dass die Attraktivität Großbritanniens in den nächsten drei Jahren abnimmt – der höchste bisher erhobene Wert. Gleichzeitig erwarten nur noch 29 Prozent eine Verbesserung. Zum Vergleich: Kurz vor dem Brexit-Votum im März 2016 gingen immerhin noch 36 Prozent von einer Verbesserung aus, im Jahr 2015 lag der Anteil bei 54 Prozent.

Obwohl die Unternehmen die Folgen des Brexit-Votums bereits zu spüren bekommen, sind sie kaum vorbereitet. Gerade einmal vier Prozent der befragten Unternehmen haben inzwischen eine Strategie im Umgang den sich verändernden Bedingungen im Zuge des Brexit.

Hubert Barth rät den Unternehmen, möglichst frühzeitig eine passende Strategie zu erarbeiten. „Volatilität ist die neue Normalität. International tätige Unternehmen sollten sich darauf einstellen. In einer sich immer schneller verändernden Welt gilt es, flexibel zu bleiben und sich Investitionen beziehungsweise Desinvestitionen offen zu halten. Wer technologisch vorangeht, kann sich einen Vorteil verschaffen. Eine konsequente Digitalisierung aller Geschäftsbereiche kann Unternehmen dabei helfen, sich schnell und flexibel an veränderte Marktbedingungen anzupassen.“