IS mit Finanzproblemen: Einnahmequellen der Terrororganisation versiegen

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  • Einnahmen seit 2014 um über die Hälfte zurückgegangen – von bis zu 1,9 Milliarden auf bis zu 870 Millionen US-Dollar
  • Alle wichtigen Haupteinnahmequellen – Steuern, Öl und Raub – sinken wegen Gebietsrückeroberungen der internationalen Koalition
  • 2016 schrumpfte IS-Gebiet um fast ein Viertel
  • EY-Partner Dr. Heißner: „Geschäftsmodell des IS bricht zusammen“

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IS Financial Situation Report

(PDF – 230 KB, 20 Seiten)

München, 18. Februar 2017. Dem sogenannten Islamischen Staat (IS) könnte bald das Geld ausgehen: Die drei Haupteinnahmequellen – Steuern, Öl und Raub – sind allesamt zurückgegangen, weil die Terrororganisation wichtige Territorien verloren hat und keine neuen hinzugewinnen konnte. In der Folge sind die Einnahmen um mehr als die Hälfte eingebrochen, seit der IS sich 2014 als Kalifat ausgerufen hat: von ursprünglich bis zu 1,9 Milliarden US-Dollar auf höchstens noch 870 Millionen US-Dollar im Jahr 2016.

Insbesondere die zu Anfang wichtigste Geldquelle ist dramatisch zurückgegangen. Mit den Gebietseroberungen 2014 plünderten die IS-Kämpfer Städte und historische Stätten, beschlagnahmten Besitz und verlangten Geldstrafen von der Bevölkerung. Das brachte 500 Millionen bis eine Milliarde US-Dollar ein. Allerdings versiegt diese Quelle zusehends: 2015 konnte die Organisation auf diese Weise nur noch 200 bis 300 Millionen US-Dollar einnehmen, im vergangenen Jahr sanken die Einnahmen auf 110 bis 190 Millionen US-Dollar.

Grund dafür sind Gebietsrückeroberungen der globalen Allianz gegen den IS, die auch die anderen „Geschäftsfelder“ der Organisation einbrechen lassen. Die Einnahmen aus Steuern und Abgaben, die 2015 noch mit 400 bis 800 Millionen US-Dollar auf dem Höhepunkt waren, betrugen 2016 nur 200 bis 400 Millionen US-Dollar. Und auch die Ausbeutung von Ölquellen und anderer natürlicher Ressourcen wird der Terrororganisation zunehmend erschwert. So gingen die Einnahmen von bis zu 450 Millionen US-Dollar im Jahr 2014 auf nur noch maximal 250 Millionen US-Dollar im vergangenen Jahr zurück.

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young) und des International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR) am King’s College. Die Einschätzung der Finanzlage basiert auf Dokumenten des IS, die an die Öffentlichkeit gelangt sind, Aussagen vor Kongressen und Parlamenten, Regierungsberichten, journalistischen Nachforschungen, Think-Tank-Studien sowie Interviews mit Regierungsvertretern und Sachverständigen. Die Studie wird am Samstag auf der Münchener Sicherheitskonferenz u.a. vor Innenministern europäischer und außereuropäischer Länder sowie Vertretern der Nachrichtendienste vorgestellt.

„Wenn sich der Trend so fortsetzt, bricht das ‚Geschäftsmodell‘ des Islamischen Staates bald zusammen“, stellt EY-Partner Dr. Stefan Heißner, Leiter des Fraud Investigation & Dispute Services bei EY, fest. „Der Terrororganisation ist es nach allen vorliegenden Daten nicht gelungen, ihre Einnahmequellen zu halten oder sich neue zu erschließen. Die Gebietseroberungen der internationalen Koalition gegen den IS graben dem selbstausgerufenen Kalifat das Wasser ab. Denn anders als andere Terrororganisationen verfügt der IS über ein Gebiet, das er kontrolliert und dessen Bevölkerung und natürliche Ressourcen er ausbeuten kann. Aber je kleiner dieses Gebiet wird, desto kleiner wird der Kontostand der Terroristen.“

IS-Gebiet 2016 um knapp ein Viertel zurückgegangen
Nach den militärischen Erfolgen des IS im Jahr 2014 konnte die Organisation nach und nach zurückgedrängt werden. So verkleinerte sich das Gebiet des selbstausgerufenen Kalifats 2015 um 14 Prozent und im Jahr 2016 um 23 Prozent. Im gleichen Zeitraum verringerte sich die Bevölkerungszahl unter dem Einfluss des IS zunächst um knapp fünf Prozent und schließlich um gut 18 Prozent.

„Klassische Terrororganisationen sind in hohem Maße von Spenden oder Formen der Organisierten Kriminalität abhängig“, erklärt Heißner. „Ihnen kann relativ einfach der Geldhahn zugedreht werden, da solche Geschäfte über das internationale Bankensystem abgewickelt werden müssen. Die Finanzkraft des IS dagegen ist in großem Maße abhängig von seiner Gebietsgröße und der Bevölkerungszahl. Deswegen beruht sein ‚Geschäftsmodell‘ auf ständiger Expansion, die nur militärisch und politisch gestoppt werden kann. Dass dies immer besser gelingt, zeigt die Ebbe auf dem Konto des Kalifats.“

Eine wichtige Maßnahme sei unter anderem die Entscheidung der irakischen Regierung im August 2015 gewesen, Gehaltszahlungen an Regierungsangestellte in vom IS beherrschten Gebieten auszusetzen. Weitere wirtschaftliche Schläge gegen den IS seien der Beginn der Operation Tidal Wave II im Oktober 2015, die es ermöglichte, wichtige Erdölförderanlagen und -transportsysteme zu zerstören und die anhaltenden Bemühungen, den grenzüberschreitenden Schmuggel mit der Türkei und kurdisch kontrollierten Gebieten im Irak einzudämmen.

„Es gibt hinreichend Gründe davon auszugehen, dass die Einnahmen des IS weiter sinken werden“, sagt Heißner abschließend. „Denn auch Finanz- und Transaktionskontrollen wirken vermehrt. Dennoch heißt das nicht, dass die Organisation nicht mehr in der Lage wäre, terroristische Handlungen auszuführen. Ihre Anschläge lassen sich häufig mit relativ geringem Aufwand durchführen“, warnt er.

Hintergrund: Fraud Investigation & Dispute Services
EY’s „Fraud Investigation & Dispute Services“ ist führender Anbieter von Beratungsleistungen in der forensischen Wirtschaftsprüfung, der Compliance- und Integritätsberatung sowie der Krisen-Managementberatung. Mehr als 200 hochspezialisierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland und mehr als 4.000 weltweit beraten sowohl Regierungen als auch den privaten Sektor.