Ältere Mitarbeiter sind am loyalsten – nur jeder dritte Beschäftigte will Karriere machen

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  • Acht von zehn Beschäftigten in Deutschland fühlen sich dem Arbeitgeber verbunden
  • Aber 56 Prozent halten sich für unterbezahlt
  • Gehaltsgefüge im eigenen Unternehmen wird insgesamt als fair wahrgenommen – in Deutschland aber als unfair
  • Nur 8 Prozent suchen nach einem neuen Job – 2015 noch 18 Prozent
  • Vor allem bei Frauen geht der Wunsch nach Karriere zurück

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EY Jobstudie 2017 - Karriere und Wechselbereitschaft

(PDF – 311 KB, 28 Seiten)

Stuttgart, 6. August 2017. Macht der lange Aufschwung die Deutschen zu bequem? In einer aktuellen Umfrage zeigen sich deutsche Arbeitnehmer mehrheitlich loyal gegenüber ihrem Arbeitgeber, zufrieden mit ihrem Job, und mit wenig Interesse an einem Jobwechsel.

So geben 82 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland an, dass sie sich ihrem Arbeitgeber verbunden fühlen – ein Drittel (34 Prozent) sogar sehr. Vor zwei Jahren war die Loyalität nicht ganz so hoch – da fühlten sich insgesamt 77 Prozent ihrem Arbeitgeber verbunden.

Die Unternehmen können sich vor allem auf ihre ältesten Mitarbeiter verlassen: 38 Prozent der Arbeitnehmer über 60 Jahre fühlen sich mit ihrem Arbeitgeber sogar sehr eng verbunden, während das bei den unter 21-Jährigen nur 17 Prozent von sich sagen. Gleichzeitig machen sich elf Prozent der Jüngeren aktiv auf die Suche nach einem neuen Arbeitgeber, aber nur zwei Prozent der Über-60-Jährigen. In keiner Altersklasse ist die gefühlte Arbeitsplatzsicherheit außerdem so hoch wie bei den ältesten Befragten: 62 Prozent schätzen ihren Arbeitsplatz als sicher ein.

Über alle Altersklassen hinweg hält mehr als jeder zweite Arbeitnehmer (53 Prozent) seinen Arbeitsplatz zudem für sehr sicher – das sind deutlich mehr als vor zwei Jahren (42 Prozent). Derzeit machen sich – wie schon vor zwei Jahren – 13 Prozent der Befragten Sorgen um ihren Arbeitsplatz.

Das sind Ergebnisse der EY-Jobstudie, für die 1.400 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland befragt wurden.

Für Ulrike Hasbargen, Partnerin bei EY, ist die hohe Loyalität der deutschen Arbeitnehmer zu ihrem Arbeitgeber zunächst ein positives Zeichen: „Die Ergebnisse zeigen, dass es den deutschen Unternehmen überwiegend gut geht. Die meisten Beschäftigten müssen sich keine Sorgen um ihren Job machen. Im Gegenteil: Da die Wirtschaft gerade brummt, werden gute Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt rar. Unternehmen tun deshalb inzwischen deutlich mehr für die, die bereits an Bord sind – sei es durch attraktive Arbeitszeiten, Home-Office oder sonstige Anreize. Daher setzen die Mitarbeiter vor allem auf Sicherheit und weniger auf einen Wechsel.“

Allerdings warnt Hasbergen auch, dass zu viel Zufriedenheit schnell in Stillstand umschlagen kann. „Eine dynamische Wirtschaft benötigt einen mobilen Arbeitsmarkt und aufstiegsorientierte Mitarbeiter, aber auch Unternehmen, die den Mitarbeitern genügend Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Dazu gehört auch, dass Karriere und Aufstieg gesamtgesellschaftlich höher bewertet und stärker akzeptiert sein sollten.“

Mehrheit der Arbeitnehmer hält sich für unterbezahlt
Immerhin 56 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland halten sich für unterbezahlt – nur 43 Prozent denken, dass sie für ihre Leistung genauso viel verdienen sollten, wie sie bekommen. Gerade einmal ein Prozent der Befragten ist der Meinung, mehr zu erhalten als ihnen eigentlich zusteht. Im Durchschnitt liegt die Mehrbezahlung, die die Befragten fordern, bei knapp 9,8 Prozent, wobei Frauen mit 10,4 Prozent ein höheres Plus fordern als Männer (9,2 Prozent).

Dennoch hält eine Mehrheit von 71 Prozent das Gehaltsgefüge im eigenen Unternehmen für absolut oder überwiegend fair. Als problematisch empfinden die Arbeitnehmer hingegen die Einkommensverteilung in Deutschland insgesamt: Nur 24 Prozent halten sie für absolut oder überwiegend gerecht; 25 Prozent bezeichnen sie sogar als absolut ungerecht.

„Das Gehaltsgefüge im eigenen Unternehmen wird trotz empfundener Unterbezahlung weitgehend akzeptiert“, sagt Hasbargen. „Das liegt allerdings möglicherweise auch daran, dass im eigenen Unternehmen oft der Vergleich fehlt. Hier könnte das Lohntransparenz-Gesetz, das 2018 in Kraft tritt, zu neuen Herausforderungen führen. Daher müssen Personalabteilungen heute schon alles dafür tun, ein transparentes und nachvollziehbares Gehaltsgefüge zu etablieren. Anders ist das Gerechtigkeitsempfinden bei der Einkommensverteilung in Deutschland. Hier sorgen sicherlich auch öffentlich bekanntgewordene Gehälter oder Abfindungen von Top-Managern für ein weitgehendes Unrechtsgefühl.“

Weniger Aufstiegsmöglichkeiten – aber auch Wunsch nach Karriere geht zurück
An Aufstiegsmöglichkeiten mangelt es derzeit offenbar: Nur 40 Prozent der Befragten sehen für sich im eigenen Unternehmen Karrierechancen – das sind sieben Prozentpunkte weniger als noch vor zwei Jahren. Vor allem Frauen kommen irgendwann auf der Karriereleiter nicht voran: Nur 37 Prozent von ihnen sehen entsprechende Möglichkeiten, während es bei den Männern immerhin noch 44 Prozent sind.

Allerdings ist der Wunsch nach Karriere im eigenen Unternehmen auch deutlich weniger ausgeprägt als noch vor zwei Jahren. Während 2015 noch bei einer Mehrheit der Männer (58 Prozent) der Wunsch nach mehr Karrierechancen bestand, wünscht sich derzeit nur eine Minderheit von 38 Prozent entsprechende Möglichkeiten. Auch bei den Frauen ist der Wunsch nach Karriere spürbar zurückgegangen. Nach 49 Prozent im Jahr 2015 beträgt der Anteil an Frauen, die sich mehr Aufstiegsmöglichkeiten wünschen, derzeit nur 31 Prozent.

„Die deutschen Arbeitnehmer sind relativ satt und zufrieden. Work-Life-Balance hat bei vielen inzwischen einen höheren Stellenwert eingenommen als eine vielversprechende Karriere“, beobachtet Hasbargen. „Das stellt Unternehmen natürlich auch vor Probleme, die leistungsbereite Führungskräfte für anspruchsvolle Positionen suchen. Unternehmen müssen deshalb darauf achten, dass auch ihr Top-Personal ausreichende Ruhepausen und Entlastung erfährt. Gerade für Frauen, die Karriere und Familie miteinander verbinden wollen, ist das ein wichtiger Faktor. Außerdem müssen sie für die Motivation ein attraktives Vergütungs- und Anreizsystem entwickeln.“

Gesundheitsbranche und Bauwirtschaft: Wenig Sorge um die Sicherheit des Arbeitsplatzes
Vor allem die Beschäftigten in der Gesundheitsbranche und in der Bauwirtschaft machen sich derzeit kaum Sorgen um den Job: 63 Prozent beziehungsweise 61 Prozent schätzen ihren Arbeitsplatz als sicher ein. In der Land- und Forstwirtschaft geht das hingegen nur 34 Prozent der Befragten so. „Die Bauindustrie profitiert seit geraumer Zeit von den niedrigen Zinsen und ist derzeit voll ausgelastet. Die Gesundheitsbranche sucht händeringend nach qualifiziertem Personal, und alle Beteiligten rechnen mit einer drastischen Verschärfung des Fachkräftemangels in diesem Bereich“, erklärt Hasbargen das stark ausgeprägte Gefühl der Arbeitsplatzsicherheit in diesen Branchen.

Der größte Sprung bei der gefühlten Arbeitsplatzsicherheit ist allerdings in der Telekommunikations- und IT-Branche zu beobachten: Vor zwei Jahren hielten nur 26 Prozent der hier Beschäftigten ihren Arbeitsplatz für sicher, aktuell schnellt dieser Wert auf 53 Prozent. „Die Stimmung hat natürlich immer auch etwas mit der konjunkturellen Entwicklung zu tun. Die umfassende Digitalisierung beschert der Telekommunikations- und IT-Branche gute Zukunftsaussichten, daher ist die Sorge um den Job hier stark zurückgegangen“, so Hasbargen.

Passend dazu können sich mit 16 Prozent überdurchschnittlich viele Beschäftigte in der Telekommunikations- und IT-Branche vorstellen, ihren Arbeitgeber zu wechseln. „In sehr dynamischen Branchen wie der IT ergeben sich zahlreiche Karrieremöglichkeiten, die zu häufigeren Wechseln führen und die die Loyalität der Mitarbeiter tendenziell zurückgehen lassen“, erläutert Hasbargen.