Fachkräftemangel bremst Mittelständler aus: Umsatzeinbußen von mehr als 50 Milliarden Euro

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  • 80 Prozent haben Probleme bei Suche nach Mitarbeitern
  • Über die Hälfte der Mittelständler beklagt Umsatzeinbußen
  • Kraftfahrzeugbranche und Transport- und Bauunternehmen mit größten Problemen
  • Zwei Drittel der Mittelständler glauben, dass Flüchtlinge Fachkräftemangel mildern können
  • Jeder vierte Mittelständler beschäftigt Flüchtlinge

Stuttgart, 25. Februar 2018. Der Fachkräftemangel wird für den deutschen Mittelstand immer bedrohlicher und kostet massiv Wachstum. Noch nie fiel es den Unternehmen so schwer, geeignete Fachkräfte zu finden: Der Anteil der Unternehmen, die große Probleme bei der Rekrutierung von Fachkräften haben, hat sich seit 2015 von 16 Prozent auf aktuell 27 Prozent erhöht. Weitere 53 Prozent geben an, dass ihnen die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern „eher schwer“ fällt.

Der leergefegte Arbeitsmarkt macht nicht nur den Personalabteilungen zu schaffen – er kostet die Unternehmen insgesamt viel Geld. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Mittelständler beklagt Umsatzeinbußen aufgrund des Fachkräftemangels – 2017 waren es noch 53 Prozent, im Jahr davor 49 Prozent. Insgesamt entgehen dem deutschen Mittelstand dadurch hochgerechnet 53,4 Milliarden Euro im Jahr.

Dabei würden die Mittelständler am liebsten auf Rekordniveau neue Mitarbeiter einstellen: 36 Prozent planen, im ersten Halbjahr 2018 ihre Belegschaft aufzustocken – so viele wie noch nie seit Beginn der Befragung. Lediglich acht Prozent gehen davon aus, dass ihre Mitarbeiterzahl sinken wird.

Das sind Ergebnisse des Mittelstandsbarometers der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young). Für die Studie wurden deutschlandweit 2.000 mittelständische Unternehmen mit mindestens 20 Millionen Euro und höchstens 1 Milliarde Euro Umsatz befragt.

„Die Wirtschaft brummt, die Konsumbereitschaft ist groß und die deutschen Unternehmen haben volle Auftragsbücher. Die Zeichen für 2018 stehen auf Wachstum“, kommentiert Michael Marbler, Partner bei EY und verantwortlich für den Bereich Mittelstand. „Allerdings setzt die Situation auf dem Arbeitsmarkt dem Wachstum Grenzen. Regional herrscht in Deutschland teilweise Vollbeschäftigung, gut ausgebildete Fachkräfte können sich ihren Arbeitgeber längst aussuchen. Gerade kleinere Mittelständler, die mit bekannten Großunternehmen um Arbeitskräfte konkurrieren, können dadurch oft Stellen nur mühsam oder gar nicht besetzen.“

Immer mehr Unternehmen beschäftigen Flüchtlinge
Eine Linderung der angespannten Arbeitsmarktsituation könnten Flüchtlinge bringen: Zwei Drittel der Mittelständler glauben, dass Flüchtlinge mittelfristig dazu beitragen werden, den Fachkräftemangel zu mildern – zehn Prozent gehen sogar von einer erheblichen Verbesserung der Fachkräftesituation durch die Flüchtlinge aus. Vor einem Jahr erwarteten nur 45 Prozent der Mittelständler eine Linderung des Fachkräftemangels durch geflüchtete Menschen.

Bereits jeder vierte Betrieb (27 Prozent) beschäftigt Flüchtlinge, ein erheblicher Sprung gegenüber 2017, als nur 16 Prozent der Mittelständler Flüchtlingen Arbeit gaben. Weitere 52 Prozent sind grundsätzlich bereit, Flüchtlinge zu beschäftigen. Lediglich zehn Prozent der befragten Unternehmen lehnen es rundheraus ab, Flüchtlinge zu beschäftigen.

Als größtes Einstellungshindernis für Flüchtlinge sehen die Mittelständler mangelnde Deutschkenntnisse. 83 Prozent und damit so viele wie im vergangenen Jahr, nennen dies als wichtigstes Problem. Eine mangelnde Qualifikation nennen 55 Prozent (Vorjahr 46 Prozent) und hohen bürokratischen Aufwand 34 Prozent (37 Prozent) als großes Hindernis.

„Die Integration von geflüchteten Menschen in den Arbeitsmarkt erfordert sowohl Zeit als auch Geld. Dies kann am Ende für den deutschen Mittelstand aber ein lohnendes Investment im Kampf gegen den Fachkräftemangel sein – schließlich ist nirgendwo sonst ein so großes Potenzial an möglichen Beschäftigten zu finden“, so Marbler.

Kraftfahrzeugbranche mit größten Schwierigkeiten bei der Suche nach Fachkräften
Gerade in der Kraftfahrzeugbranche und in Transport- und Bauunternehmen macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar: Neun von zehn Unternehmen dieser Branchen fällt es schwer, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. In 72 Prozent der Transport- und Verkehrsunternehmen führt dies bereits zu Umsatzeinbußen. Auch 65 Prozent der Bauunternehmen und jeweils 58 Prozent der Betriebe aus dem Kraftfahrzeugbau und dem Maschinenbau klagen über Umsatzeinbußen. „Die Branchen, die besonders stark von der guten konjunkturellen Entwicklung profitieren, haben auch besonders große Probleme, mit dem eigenen Wachstum Schritt zu halten“, stellt Marbler fest.

Probleme in allen Bundesländern – in Brandenburg am gravierendsten
Probleme bei der Fachkräftesuche haben Unternehmen in ganz Deutschland – unabhängig vom Bundesland. So ist die Situation in Nordrhein-Westfalen unter allen Bundesländern die beste – allerdings klagen im bevölkerungsreichsten Bundesland immer noch 74 Prozent der Unternehmen über Schwierigkeiten bei der Mitarbeitersuche. Am schwersten tun sich allerdings Mittelständler in den ostdeutschen Bundesländern: 93 Prozent der Unternehmen in Brandenburg, 90 Prozent der Unternehmen in Sachsen-Anhalt und 88 Prozent der Unternehmen in Thüringen berichten von Problemen bei der Fachkräfterekrutierung.

Zahlreiche Firmen müssen deswegen Stellen unbesetzt lassen. Das betrifft insbesondere die Produktion: Knapp über die Hälfte der Mittelständler (51 Prozent) lässt besonders in diesem Bereich Positionen unbesetzt. Im Marketing oder Vertrieb müssen immerhin noch 23 Prozent der Unternehmen Stellen offen lassen.

„Es gibt innerhalb Deutschlands keine Branche und keinen Ort mehr, der vom Fachkräftemangel verschont würde“, beobachtet Marbler. „Die Unternehmen müssen erfinderischer werden, um wirklich auch jedes Potenzial zu nutzen.“

Die Unternehmen setzten aber in erster Linie auf eher klassische Instrumente bei der Mitarbeitergewinnung: Ein Großteil – 59 Prozent – setzt am ehesten auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Werbung in Online- und Printmedien ist für 46 Prozent das bevorzugte Instrument und in den sozialen Medien sind 35 Prozent in erster Linie aktiv.