Deutscher FinTech-Markt wird reifer: Höhere Investitionen, mehr Expansionen ins Ausland und zunehmende Kooperationen

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  • Investitionen werden zum Jahresende um etwa 12 Prozent auf 636 Millionen Euro steigen
  • Hotspots sind Berlin, Frankfurt und München
  • Gesamtmarkt wächst zum Halbjahr auf 303 FinTechs – nur noch sechs Neugründungen
  • Direktbank N26 sichert sich größte Finanzierungsrunde über 130 Millionen Euro

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Studie EY German FinTech Landscape 2018

(PDF – 2,23 MB, 33 Seiten)

Frankfurt, 17. Dezember 2018. Der deutsche FinTech-Markt wird reifer: Die Investitionen in junge Technologieunternehmen aus der Finanzbranche betrugen in den ersten neun Monaten 477 Millionen Euro und werden nach EY-Schätzung zum Jahresende 636 Millionen Euro betragen – eine Steigerung um 12 Prozent gegenüber 2017. Allerdings wird die Zahl der Deals voraussichtlich nicht die 67 Deals aus dem Vorjahr übertreffen. Bisher wurden 49 Deals getätigt.

Die Zahl der FinTechs in Deutschland scheint sich zu stabilisieren: Im ersten Halbjahr 2018 wurden nur sechs Neugründungen gezählt nach 22 im Gesamtjahr zuvor. Unter Berücksichtigung von gescheiterten Geschäftsmodellen wuchs der Gesamtmarkt damit nur um zwei Unternehmen auf 303 FinTechs.

Das sind Ergebnisse der aktuellen Studie „Germany FinTech Landscape 2018“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY.

EY-Partner Christopher Schmitz beobachtet ein „Erwachsenwerden“ der Branche: „Nach der hohen Zahl der Neugründungen der vergangenen Jahre konzentrieren sich die Unternehmen jetzt auf die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle und die Internationalisierung. So wollen sie sich im immer stärker werdenden Wettbewerb wappnen und sich eine größere Kundenbasis aufbauen. Druck erhalten sie von zwei Seiten: aus dem Inland von traditionellen Finanzinstituten, die lange abgewartet haben, aber inzwischen immer stärker selbst auf neue Technologien setzen. Aus dem Ausland drängen außerdem Wettbewerber auf den deutschen Markt, der wegen der schieren Größe und der Wirtschaftskraft attraktiv ist.“

Berlin, Frankfurt und München größte FinTech-Standorte
Die deutschen FinTechs verteilen sich vor allem auf die Städte Berlin (81 FinTechs), Frankfurt/Rhein-Main-Region (74) und München (48).

Etwa ein Drittel der FinTechs – also 100 – haben nach EY-Schätzung bereits den Sprung über die Grenze auf Auslandsmärkte gewagt. Andersherum sind den Schätzungen zufolge rund 84 FinTechs mit Sitz im Ausland auf dem deutschen Markt aktiv. „Das Interesse deutscher FinTechs über die Landesgrenze hinaus zu expandieren, hat definitiv zugenommen. Viele Unternehmen haben in diesem Jahr den Sprung ins Ausland angekündigt“, hat EY-Partner Jan-Erik Behrens beobachtet. „Auf vielen Märkten ist die Konkurrenz noch nicht so hart wie in Deutschland“, nennt er als Grund. Gerade das deutschsprachige Ausland – also Österreich und die Schweiz – seien für viele FinTechs interessant, weil sie ihre Lösungen ohne Sprachbarrieren einer größeren Anzahl von Kunden anbieten könnten.

Größte Finanzierungsrunde für N26
Vor allem die bereits im Markt etablierten FinTechs konnten in Deutschland das Interesse von Investoren wecken: Die größten Finanzierungsrunden sicherten sich die Direktbank N26 mit 130 Millionen Euro sowie die Open-Banking Plattform Deposit Solutions mit 88 Millionen Euro.

„Die FinTechs mit reifen und schon vom Markt angenommenen Geschäftsmodellen werden von Investoren wohlwollend beobachtet und können mit erfolgreichen Finanzierungsrunden rechnen“, sagt Schmitz. Der erfolgreiche Börsengang des Mittelstandsfinanzierers creditshelf sei außerdem ein Signal an andere FinTechs gewesen, das günstige Kapitalmarktumfeld zu nutzen. „Jüngere, noch nicht etablierte, FinTechs haben es dagegen deutlich schwerer. Investoren warten lieber ab, ob sich das Geschäftsmodell bewährt.“

Das stellt viele FinTechs vor Herausforderungen, insbesondere im B2C-Bereich, also im Geschäft mit Privatpersonen. Zwei Drittel der gescheiterten FinTechs in den vergangenen drei Jahren waren im B2C-Bereich unterwegs. „Gerade im Privatkundengeschäft haben viele etablierte Institutionen weitverzweigte, funktionierende Strukturen aufgebaut“, stellt Behrens fest. „Sie investieren verstärkt selbst in Digitalisierung und verfügen in der Regel über mehr Mittel als neue Wettbewerber. Erschwert werden die Erfolgsaussichten dadurch, dass es sehr teuer ist, sich eine ausreichend große Kundenbasis aufzubauen. Zudem bedienen viele Geschäftsmodelle eher Nischen und lassen sich nicht einfach auf eine größere Masse oder auf ausländische Märkte ausweiten.“

FinTechs und etablierte Institute auf dem Weg zum Ökosystem
Das Heil für manche FinTechs könnte somit in der Zusammenarbeit mit großen Instituten liegen. Diese zeigen sich zunehmend bereit zu Kooperationen, da sie oft selbst nicht die entsprechenden digitalen Lösungen besitzen. Unter Deutschlands Top-Ten-Banken gibt es inzwischen keine mehr, die nicht in irgendeiner Form mit einem FinTech kooperiert. Zwei – die Deutsche Bank und die ING-DiBa – haben sogar bereits je ein FinTech übernommen.

„Wir sind auf dem Weg zu einem FinTech-Ökosystem“, sagt Schmitz abschließend. „Die zunehmende Vernetzung ist für den Markt als Ganzes positiv. Die Unterstützung durch etablierte Institute hilft Start-ups zu wachsen. Die Platzhirsche wiederum profitieren von Know-how, das sie selbst nicht haben. Über kurz oder lang wird diese Dynamik jedoch eine Konsolidierung nach sich ziehen. Für einzelne Start-ups, denen es nicht gelingt, Investoren oder Partner zu überzeugen, wird der starke Wettbewerb das Aus bedeuten.“