Westdeutsche Großstädte mit Rekordschulden – Schuldenabbau nur im Osten und Süden Deutschlands

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  • Gesamtschulden der 76 deutschen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern sinken 2017 um 1,7 Prozent
  • Aber Verschuldung der Großstädte in Nordrhein-Westfalen steigt auf Rekordniveau
  • Vor allem ohnehin finanzstarke Großstädte schaffen Abbau der durchschnittlichen Pro-Kopf-Verschuldung
  • Mülheim an der Ruhr und Oberhausen am stärksten verschuldet, Braunschweig und Jena mit niedrigster Pro-Kopf-Verschuldung

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EY Verschuldung Deutsche Großstädte 2018

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Berlin, 20. Dezember 2018. Die Gesamtschulden der 76 deutschen Großstädte sanken im vergangenen Jahr um 1,7 Prozent auf 81,6 Milliarden Euro. 43 deutsche Großstädte konnten ihre Verbindlichkeiten reduzieren, bei 33 Kommunen stieg die Verschuldung.

Verantwortlich für die insgesamt positive Entwicklung sind in erster Linie die Städte in Bayern und Ostdeutschland: Von den acht bayerischen Großstädten konnten sieben ihre Schulden reduzieren – in Summe um beachtliche 13,4 Prozent. Und von den 10 ostdeutschen Großstädten schafften immerhin 8 einen Schuldenabbau (um insgesamt 2,0 Prozent).

Eine steigende Gesamtverschuldung meldeten hingegen die Städte in Niedersachsen (um 8,2 Prozent), Hessen (0,8 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (0,2 Prozent) – in NRW erreichte die Gesamtverschuldung der Großstädte einen neuen Höchststand. Insgesamt wies fast jede zweite Großstadt in den alten Bundesländern (47 Prozent) Ende 2017 eine höhere Gesamtverschuldung auf als ein Jahr zuvor.

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young), die auf einer Analyse der Verschuldungssituation aller deutschen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern beruht. Dabei wurden neben den Schulden der kommunalen Kernhaushalte auch die Schulden der Extrahaushalte und sonstigen öffentlichen Fonds, Einrichtungen und Unternehmen, an denen die Kommunen zu 100 Prozent beteiligt sind, berücksichtigt – in Abgrenzung zu der jüngst vom Statistischen Bundesamt veröffentlichen Modellrechnung zu den integrierte Schulden der Gemeinden, die Schulden aller Beteiligungen der Kommunen einbezieht.

Da die Stadtstaaten zusätzlich Landesaufgaben übernehmen, ist ihre Verschuldungssituation nicht mit der anderer Städte vergleichbar; sie wurde daher nicht analysiert.

„Die insgesamt leicht positive Entwicklung bei der kommunalen Verschuldung darf nicht darüber hinweg täuschen, dass viele Städte gerade im Westen Deutschlands finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen“, kommentiert Prof. Dr. Bernhard Lorentz, Partner bei EY und Leiter des Bereichs Government & Public Sector für Deutschland, die Schweiz und Österreich. Denn der Rückgang der Verschuldung sei in erster Linie auf die hervorragende Entwicklung in Bayern und auf den Schuldenabbau in Ostdeutschland zurückzuführen, wo die kommunale Verschuldung ohnehin deutlich geringer ist als im Westen Deutschlands. „Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort: Finanziell gut aufgestellte Städte können weiter ihre Verbindlichkeiten reduzieren – und darüber hinaus sogar wichtige Zukunftsinvestitionen tätigen. Auf der anderen Seite kommen viele klamme Kommunen trotz zum Teil erheblicher Sparanstrengungen beim Schuldenabbau kaum oder gar nicht voran.“

Das zeigen auch die Studienergebnisse: Im Jahr 2017 konnten diejenigen Großstädte, die ohnehin eine geringe Pro-Kopf-Verschuldung von unter 2.500 Euro aufwiesen, ihre Schulden nochmals um 12 Prozent reduzieren. Bei den übrigen Städten verharrte die Verschuldung auf dem hohen Niveau des Vorjahres.

Diese Entwicklung führe letztlich dazu, dass sich die Lebensverhältnisse in Deutschland immer weiter auseinanderentwickeln, warnt Lorentz: „Gerade die Städte im prosperierenden Süden Deutschlands können ihren Bürgern und Unternehmen attraktive Angebote machen und in die Modernisierung der Infrastrutur und der Bildungseinrichtungen investieren. Die Sparanstrengungen der hoch verschuldeten Kommunen führen allerdings dazu, dass die Lebensqualität dort weiter sinkt und die Lebensverhältnisse zwischen reichen und armen Städten immer weiter auseinandergehen, was erheblichen gesellschaftlichen Sprengstoff birgt.“

Wie groß die regionalen Unterschiede sind, zeigt die Analyse der Pro-Kopf-Verschuldung der Großstädte: Sie liegt bei den nordrhein-westfälischen Großstädten im Durchschnitt bei fast 5.100 Euro und in Rheinland-Pfalz sogar bei mehr als 6.800 Euro. In Niedersachsen (2.563 Euro), Baden-Württemberg (2.869 Euro) und Bayern (3.089 Euro) ist die durchschnittliche Pro-Kopf-Verschuldung der Großstädte hingegen nicht einmal halb so hoch.

Schlecht gewappnet für Konjunkturabschwung
Dass die Mehrheit der deutschen Großstädte beim Schuldenabbau kaum vorankommt, sei gerade angesichts der zuletzt deutlich eingetrübten Konjunkturaussichten alarmierend, betont Lorentz: „Die Steuereinnahmen der Städte sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen und haben dafür gesorgt, dass der Schuldenberg der Kommunen wenigstens nicht mehr größer wurde. Diese konjunkturelle Schönwetterperiode könnte aber schon bald vorbei sein – und wenn die Steuereinnahmen nicht mehr sprudeln und gleichzeitig die Sozialausgaben wieder stärker steigen, wird sich die finanzielle Schieflage vieler Großstädte noch deutlich verstärken.“

Lorentz fordert daher eine Neuordnung der Kommunalfinanzen: „Für notleidende Städte muss eine zukunftsfähige Lösung gefunden werden, die einerseits haushaltspolitische Disziplin belohnt, andererseits aber auch Entwicklungschancen und Perspektiven bietet. Die Kluft zwischen Arm und Reich darf nicht noch größer werden.“

Mülheim mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung
Spitzenreiter bei der Pro-Kopf-Verschuldung war Ende vergangenen Jahres das nordrhein-westfälische Mülheim an der Ruhr mit 9.791 Euro vor Oberhausen mit 9.663 Euro und Saarbrücken mit 8.806 Euro.

Nach wie vor sind vor allem die nordrhein-westfälischen Großstädte Sorgenkinder: Von den 20 deutschen Großstädten mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung liegen 13 in Nordrhein-Westfalen – unter den 20 Städten mit der niedrigsten Verschuldung je Einwohner finden sich hingegen nur drei NRW-Städte: Hamm, Düsseldorf und Paderborn.

Die Großstädte mit der niedrigsten Pro-Kopf-Verschuldung waren zum Ende vergangenen Jahres Braunschweig (347 Euro), Jena (834 Euro) und Dresden (892 Euro).

 

Die Großstädte mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung*
(in Euro; Stand: 31.12.2017)

Mülheim an der Ruhr

NW

9.791

Oberhausen

NW

9.663

Saarbrücken

SL

8.806

Ludwigshafen am Rhein

RP

8.243

Trier

RP

7.853

Hagen

NW

7.833

Offenbach am Main

HE

7.587

Remscheid

NW

7.144

Duisburg

NW

6.901

Moers

NW

6.811

 

Die Großstädte mit der niedrigsten Pro-Kopf-Verschuldung*
(in Euro; Stand: 31.12.2017)

Braunschweig

NI

347

Jena

TH

834

Dresden

SN

892

Reutlingen, Stadt

BW

1.620

Stuttgart, Landeshauptstadt

BW

1.684

Erfurt

TH

1.705

Paderborn

NW

1.806

Freiburg im Breisgau

BW

1.835

Ingolstadt

BY

1.892

Fürth

BY

1.996

*jeweils bezogen auf die Gesamtverschuldung (Kernhaushalte, Extrahaushalte und sonstige öffentlichen Fonds, Einrichtungen und Unternehmen, an denen die Kommunen zu 100 Prozent beteiligt sind)