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Die Digitalisierung der mittelständischen Industrie in Deutschland kommt voran. Doch es droht eine Zweiklassengesellschaft. EY-Mittelstandspartner Michael Marbler über Stolpersteine bei der Umsetzung, die Vorteile von Hackathons und die Notwendigkeit, sich auf den digitalen Weg zu machen.


Sie haben gerade 3.000 mittelständische Unternehmen in Deutschland befragt, wie sie mit der Digitalisierung vorankommen. Stimmen Sie die Ergebnisse optimistisch?

Michael Marbler: Das kommt auf den Blickwinkel an. Unternehmen, die mit mehr als drei Prozent Wachstum rechnen, setzen deutlich stärker auf die Digitalisierung als Unternehmen, die ihre Geschäftsaussichten weniger gut einschätzen.

Für 62 Prozent der wachstumsstarken Unternehmen spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Bei den weniger wachstumsfreudigen Unternehmen sagen dagegen nur 30 Prozent, dass die digitalen Technologien für ihr Geschäftsmodell von Bedeutung sind.

Digitalisierung und Wachstum stehen also in einem engen Verhältnis.

Welchen Einfluss hat die Unternehmensgröße auf die Bereitschaft zu digitalisieren?

Marbler: Große Mittelständler sind bei der Digitalisierung ganz klar die Vorreiter. So nutzen etwa zwei Drittel der Unternehmen, die mehr als 100 Millionen Euro umsetzen, digitale Technologien für ihr Geschäftsmodell. Bei kleineren Unternehmen mit einem Umsatz von unter 30 Millionen Euro dagegen sagt nicht einmal jedes fünfte, dass die digitalen Technologien eine sehr große Bedeutung für es haben. Das ist gefährlich, weil diese Unternehmen den Anschluss verlieren können.

Was sind die Gründe, warum ein Unternehmen nicht in die neuen Technologien investiert?

Marbler: Viele Unternehmen würden gerne stärker in die Digitalisierung einsteigen. Doch es fehlt häufig an Geld und Personal. Für jeweils 13 Prozent sind das die beiden wichtigsten Stolpersteine, die sie daran hindern, nicht so in die digitalen Technologien zu investieren, wie sie es gerne täten. Neun Prozent fehlt nach eigenen Angaben das nötige Know-how.

Was raten Sie den Unternehmen, die aus finanziellen oder anderen Gründen nicht so können, wie sie wollen?

Marbler: Sie sollten sich trotz aller Handicaps der Digitalisierung nähern. Das muss nicht auf einen Schlag geschehen. Es kann beispielsweise schrittweise über kleine Projekte oder auch Hackathons erfolgen, bei denen sich der Mittelständler das Know-how von Start-ups ins Haus holt. Damit kann er etwa seine Lieferketten optimieren, Kundenbeziehungen effizienter pflegen oder kleine Stückzahlen bis Losgröße eins herstellen. Er wird flexibler und spart Geld, Zeit und Ressourcen.

Auch kleine Schritte führen zum Ziel. Entscheidend ist, dass man sie geht.

Was sind zwei besonders augenfällige Ergebnisse Ihrer Studie?

Marbler: Bei den Kundenbeziehungen ist die Digitalisierung schon relativ weit fortgeschritten. 64 Prozent der von uns befragten Unternehmen organisieren sie mittlerweile digital, wobei 56 Prozent mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets einsetzen.

In der Produktion steckt die Digitalisierung aber noch in den Kinderschuhen. Industrie-4.0-Verfahren werden bislang nur von 35 Prozent der Unternehmen eingesetzt. Viele Unternehmen kennen einfach noch nicht die Einsatzmöglichkeiten, die ihnen die digitalen Technologien bieten.

Welches Fazit ziehen Sie?

Marbler: Die Digitalisierung ist da, und sie schreitet mit Riesenschritten voran. Wer zu lange an einem veralteten Geschäftsmodell festhält und die Augen vor der Entwicklung verschließt, läuft Gefahr, zu den Verlierern zu gehören. Das kann zu einer digitalen Zweiklassengesellschaft führen: Diejenigen Unternehmen, die jetzt in fähiges Personal und innovative Technologien investieren, haben gute Chancen, die Gewinner von morgen zu sein.

Ich bin skeptisch, ob diejenigen, die sich nicht rechtzeitig um die Digitalisierung kümmern, das verlorene Terrain jemals wieder gut machen können. Deshalb habe ich eine ganz einfache Botschaft: Machen Sie sich auf den Weg, und zwar besser heute als morgen.

 

Michael Marbler leitet die EY-Region Süd-West und die Mittelstandsaktivitäten von EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Stuttgarter Partner hat langjährige Erfahrung in der Prüfung und Beratung von mittelständischen und großen Unternehmen.