8 Minuten Lesezeit 22 Jänner 2020
Neue Pflanze wächst in der Hand heran

Wie nachhaltig ist Ihr Geschäftsmodell?

Von

Lukas Amstler

Managing Director, Financial Services, Advisory | Österreich

Ist Unternehmensberater aus Überzeugung, der seine Kunden erfolgreich in die Zukunft begleitet. Lebt mit seiner Familie südlich von Wien und ist gerne auf Reisen.

8 Minuten Lesezeit 22 Jänner 2020

Sustainable Finance für Banken und Finanzdienstleister und welche Auswirkungen ESG-Faktoren auf den Finanzsektor der Zukunft haben.

Nachhaltigkeit insbesondere im ökologischen Sinne ist eines der bedeutendsten Themen unserer Zeit. Dies spiegelt sich in Europa sowohl in den jüngsten politischen Entwicklungen, beispielsweise im Paris Climate Agreement, als auch in einem veränderten Kundenverhalten wider. Das Ausmaß der in diesem Kontext nötigen Investitionen übersteigt die Kapazität des öffentlichen Sektors. Aus diesem Grund kommt dem Finanzsektor als Schnittstelle der Wirtschaft eine Schlüsselfunktion zu. Die Entwicklungen im Zusammenhang mit Sustainable Finance haben ihren Ursprung in Veränderungen des Marktes, vonseiten der Bankkunden und der Wettbewerber, aber auch durch neue Initiativen der Politik und der Aufsichtsbehörden, insbesondere der EU-Kommission. Diese zweigleisige Entwicklung wird mittel- und langfristige Auswirkungen auf viele unternehmensinterne Prozesse, Dienstleistungen und Finanzprodukte haben. Daher ist es für alle Banken und Finanzdienstleister wichtig, sich frühzeitig mit den geschäftspolitischen und organisatorischen Implikationen auseinanderzusetzen. 

  • Was ist Sustainable Finance?

    Sustainable Finance ist die Einbeziehung von ESG- Faktoren (Environmental, Social and Governance) in die Unternehmensführung und die Finanzierung von Investitionen. Der Fokus liegt derzeit auf dem Environmental-Faktor („green finance“), was sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Bekämpfung der Umweltverschmutzung, die Senkung der Treibhausgasemissionen, die Abfallminimierung und die Effizienzsteigerung in der Nutzung natürlicher Ressourcen unter- stützen soll. Das Thema Sustainable Finance betrifft alle Bereiche einer Bank oder eines Finanzdienstleisters, sowohl im Front- als auch im Backoffice.

Die Entwicklungen des Marktes

In den letzten Jahren hat sich die Wahrnehmung für Fragen des nachhaltigen Wirtschaftens — im privaten wie im unternehmerischen Kontext — immer weiter erhöht. Entsprechend fragen bereits heute Bankkunden vermehrt nach „grünen“ Finanzprodukten und möchten nicht in Unternehmen investieren, die ihrer Meinung nach nicht den neuen Ansprüchen an (wahrgenommene) Nachhaltigkeit genügen. Daher spüren viele Banken und Finanzdienstleister einen Druck durch

Investoren und z. B. Ratingagenturen, Maßnahmen für ein nachhaltiges Wirtschaften und Verhalten, beispielsweise bei der Kreditvergabe, umzusetzen. Chancen für Institute bestehen vor allem in der Etablierung neuer Produkte, z. B. Green Bonds, und einer Steigerung der Reputation bzw. Stärkung der Marke. Gleichzeitig kann durch eine Fokussierung auf Nachhaltigkeit das Geschäftsrisiko gesenkt werden. So haben bereits erste Banken begonnen, die Kreditvergabe an wenig nachhaltige Unternehmen („Brown Finance“) einzuschränken.

Die Initiative der EU-Kommission

Die EU-Kommission hat die Bedeutung der Nachhaltigkeit für den Finanzdienstleistungssektor erkannt und eine Sustainable-Finance-Initiative gestartet, deren Ziel es ist, den Finanzdienstleistungssektor an der Vermeidung ökologischer und sozialer Verwerfungen zu beteiligen.

Die EU-Kommission verfolgt dieses Ziel mit Nachdruck und hat sowohl einen Aktionsplan als auch erste Verordnungsentwürfe veröffentlicht. Entsprechend umfassend sind die formulierten Ziele für den Finanzdienstleistungssektor:

  • Neuausrichtung der Kapitalströme auf nachhaltige Investitionen
  • Bewältigung der finanziellen Risiken, die sich aus ökologischen Herausforderungen ergeben
  • Förderung von Transparenz und Langfristigkeit bei Finanz- und Wirtschaftstätigkeiten

Wesentliche Auswirkungen

  • Top-Management

    • Nachhaltigkeitsstrategie verfassen
    • Corporate Governance auf Nachhaltigkeit überprüfen
    • Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells sicherstellen
    • Folgen für die Reputation
  • Finanzen

    • Non-Financial Reporting (TCFD) etablieren
    • Neue Eigenkapitalvorschriften implementieren
    • Veranlagungspolitik überarbeiten
    • Sustainable-Finance-Informationen in die Berichtskette integrieren
  • Risikomanagement

    • Risiken im Kreditbuch analysieren und mitigieren
    • ESG-Risiken („Environmental, Social and Governance“-Risiken) in das ERM-Framework integrieren
    • Compliance-Risiken erkennen und mitigieren
    • Neue Kontrollen in das Control-Framework aufnehmen
  • Vertrieb

    • Produktchancen analysieren und neue Produkte einführen
    • Benchmarks in Vermögensverwaltung, Asset-Management und Reporting integrieren
    • ESG-Faktoren in Product Governance integrieren
    • Vorschriften für den Vertrieb und Anreizmodell überarbeiten
  • Operations und IT

    • Datenhaushalt auf Basis der neuen Taxonomie
    • IT-Systeme nachhaltig gestalten und ggf. Automatisierung vorantreiben
    • Leitlinien und Kontrollsysteme überarbeiten
    • Nachhaltigkeitsmaßnahmen im Facility-Management durchführen

Die von der EU-Kommission für die Implementierung der Maßnahmen gegründete Technical Expert Group (TEG) war erstmals im Juli 2018 aktiv. Zuletzt wurde ein umfassender Bericht zur EU-Taxonomie veröffentlicht, der Kriterien, Ziele und Methoden enthält, wie zukünftig auf standardisierte und transparente Weise nachhaltiges Geschäftsgebaren klassifiziert werden kann. Der Bericht bietet betroffenen Unternehmen wie auch Investoren die Möglichkeit, die Implikationen der neuen Taxonomie auf eigene Geschäfte und Produkte zu analysieren.

Wesentliche Auswirkungen von Sustainable Finance auf Banken und Finanzdienstleister

Die veränderten Kundenpräferenzen, die EU-Initiative zu Sustainable Finance und die ersten Reaktionen der Bankenbranche haben Auswirkungen auf alle Bereiche einer Bank oder eines Finanzdienstleisters. Die durch Sustainable Finance aufgeworfenen Themen berühren die unterschiedlichen Stel- len der Wertschöpfungskette; grundsätzliche Fragen ergeben sich sowohl auf Top-Management-Ebene als auch auf Ebene des Vertriebs und aller internen Bereiche. Im Folgenden sind die aus unserer Sicht wesentlichen Auswirkungen auf die wichtigsten Unternehmensbereiche dargestellt.

Aktueller Handlungsbedarf und erste Schritte

Die Sustainable-Finance-Initiative geht mit wesentlichen strategischen und operativen Herausforderungen für Banken und Finanzdienstleister einher. Da bereits erste regulatorische Entwürfe publiziert wurden und weitere heuer und 2020 zu erwarten sind, empfehlen wir allen Finanzdienstleistern, bereits heute eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Compliance- und Strategie-Funktion zu etablieren, um die strategischen und operativen Anforderungen der Entwicklungen laufend zu bewerten. Strategische Implikationen sollten in regelmäßigen Abständen insbesondere mit dem Senior Management in den Vertriebs-, Produktmanagement und Risikobereichen abgestimmt werden, um frühzeitig die Weichen für eine Anpassung der Geschäftsmodelle zu stellen und beispielsweise neue Produkte zu initiieren. Konkrete erste Handlungsbedarfe sehen wir in folgenden Bereichen:

  • Auswirkungsanalyse der jüngsten Entwicklungen des Marktes und der Regulierung
  • Analyse der Bestandskunden bzw. des Kreditportfolios im Sinne einer Kundenklassifizierung und damit Betroffenheitsanalyse
  • Auswirkungsanalyse steigender Risikogewichte („RWA-Auftrieb“) für wenig nachhaltige Kreditnehmer (basierend auf der Taxonomie)
  • Analyse des aktuellen KYC-(„Know your customer“-) und Beratungsprozesses in Bezug auf die Berücksichtigung von ESG-Faktoren
  • Analyse der aktuellen Revenue Streams und des Produkt- mix in Bezug auf Geschäfte mit ökologischen, nachhaltigen oder nicht nachhaltigen Produkten.

Analyse des verfügbaren Datenhaushalts und dritter Bezugsquellen nachhaltiger (Benchmarking-)Daten

Folgende Schlüsselfragen stehen dabei im Fokus einer initialen Analyse:

  1. Was ist Ihr strategisches Ziel/Ambitionsniveau im Bereich Sustainable Finance?
  2. Haben Sie in allen Geschäftsbereichen ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Definition von Sustainable Finance und ESG-Investitionen?
  3. Inwieweit sind ESG-Überlegungen und damit verbundene Richtlinien bereits in der Geschäftsstrategie und im Geschäftsmodell integriert?
  4. Beziehen Sie heute bereits ESG-Daten in der notwendigen Granularität und Qualität?
  5. Haben Sie einheitliche Methoden zur Bewertung der ESG-Kriterien für Finanzprodukte?
  6. Inwieweit werden ESG-Überlegungen bereits in die Produkt- und Vertriebsstrategie einbezogen?
  7. Erfassen Sie die ESG-Präferenzen der Kunden für Eignungs- und Angemessen- heitsprüfungen?

Fazit

Lukas Amstler und Gunnar Strauch beschäftigen sich mit „Sustainable Finance“ für Banken und Finanzdienstleister und fragen sich, wie nachhaltig deren Geschäftsmodelle sein können. Welche Auswirkungen haben „Environmental, Social and Governance“-Faktoren auf den Finanzsektor der Zukunft?

Über diesen Artikel

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Lukas Amstler

Managing Director, Financial Services, Advisory | Österreich

Ist Unternehmensberater aus Überzeugung, der seine Kunden erfolgreich in die Zukunft begleitet. Lebt mit seiner Familie südlich von Wien und ist gerne auf Reisen.