5 Minuten Lesezeit 28 April 2020
Mann sitzt mit Kaffee draußen

Ist Ihr Unternehmen „klimafit“?

Autoren
Georg Rogl

Leiter Climate Change and Sustainability Services | Co-Leiter EYCarbon | Österreich

Unterstützt Unternehmen dabei, verantwortungsvolles Handeln gegenüber der Umwelt, den Mitarbeitern und der Gesellschaft noch stärker in die eigene Unternehmens-DNA einzubinden.

Fred Hilgenfeldt

EYCarbon-Verantwortlicher für Klima und Dekarbonisierung | Assistant, Climate Change and Sustainability Services, Wirtschaftsprüfung | Österreich

Leidenschaftlicher Klimaschützer. Paraglider, Pianist und Fotograf.

5 Minuten Lesezeit 28 April 2020

Die strategische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Klimawandels auf das Geschäftsmodell gewinnt an Relevanz.

Im Global Risk Report des World Economic Forums werden sämtliche Top-5-Risiken nach Eintrittswahrscheinlichkeit und vier der Top-5-Risiken nach Auswirkungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel gelistet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat den Klimaschutz neben der Digitalisierung zu einem der beiden Schwerpunkte ihrer Amtszeit erklärt. Es ist absehbar, dass das Emittieren von Treibhausgasen einen massiven Einfluss auf die Wirtschaft haben wird. Je früher sich Unternehmen auf die neuen Herausforderungen einstellen, desto eher werden sie dabei Chancen ergreifen und Risiken abschätzen können.

Klimabezogene Risiken und Chancen gewinnen an Bedeutung

Die drohenden wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels sind immer deutlicher zu spüren. Einerseits direkt – über Brände, Dürren und Hochwasser, die Einfluss auf die Lieferkette, Rohstoffpreise und die eigenen Assets haben können. Andererseits indirekt – über politische Vorgaben, Reputationsrisiken und technologischen Wandel, Faktoren also, die Anforderungen an die Art und Weise, wie Geschäfte durchgeführt werden, stellen. Sicher ist, dass der Klimawandel große Auswirkungen hat und haben wird. Offen ist nur, ob die Auswirkungen in Zukunft eher physischer Natur sein werden, wenn die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad nicht gelingt, oder ob die Auswirkungen eher der Transformation entspringen, wenn sich die Gesellschaft in kürzester Zeit radikal ändert. Für Unternehmen geht es darum, die möglichen Auswirkungen auf das eigene Geschäftsmodell bestmöglich zu beziffern und sich entsprechend darauf vorzubereiten.

Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell und ihre unternehmerische Strategie nicht angemessen unter dem Aspekt des Klimawandels prüfen, können sowohl dem Klima schaden als auch selbst geschäftlich Schaden nehmen.
EU-Kommission

Integration in das Geschäftsmodell

Damit sich Unternehmen auf die Herausforderungen bestmöglich vorbereiten können, schlagen die EU-Kommission in ihrem Nachtrag zur klimabezogenen Berichterstattung sowie die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) vor, eine Szenarioanalyse durchzuführen, um damit die Auswirkungen auf das Geschäftsmodell besser abschätzen zu können. Die TCFD wurde vom Finanzstabilitätsrat der G20 ins Leben gerufen, um Entscheidungshilfen für potenzielle finanzielle Auswirkungen des Klimawandels zu erhalten. Die treibende Kraft bei einer Szenarioanalyse ist also nicht die gesetzliche Verpflichtung, sondern das Eigeninteresse der Unternehmen, die finanzielle Leistungsfähigkeit sowie einen guten Zugang zum Kapitalmarkt zu erhalten und zur gesamtwirtschaftlichen Stabilität beitragen. Die TCFD und der EU-Nachtrag dienen dabei eher als Hilfestellung denn als gesetzliche Pflicht.

Die Szenarioanalyse ist ein wichtiges Werkzeug, um die strategischen Implikationen von klimabezogenen Risiken und Chancen zu verstehen.

Idealerweise geht eine Szenarioanalyse mit folgenden Maßnahmen einher:

  • Governance

    Etablierung von Governancestrukturen zum Klimawandel; zum Beispiel: das Klimathema in die Vorstandsverantwortung integrieren, ein Klimakomitee mit Teilnehmern aus relevanten Abteilungen wie Strategie, Risiko, Nachhaltigkeit, Vertrieb und Einkauf bilden sowie entsprechende Metriken und Ziele formulieren.

  • Chancen- und Risikenassessment

    Erhebung, Bewertung und Kartierung aller klimarelevanten Chancen und Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette und in weiterer Folge die Integration von Klimathemen in das bestehende Risikomanagement. Dies beinhaltet auch eine Schätzung der potenziellen Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis.

  • Szenariomodellierung

    Synthese von makroökonomischen Daten, Prognosen und unternehmensspezifischen Annahmen zu detaillierten Szenarien, wie sich ausgewählte, klimarelevante Parameter entwickeln werden. Dies betrifft vor allem die im Chancen- und Risikenassessment identifizierten Aspekte der Wertschöpfungskette auf Einnahmen- wie auf Ausgabenseite.

  • Metriken und Ziele

    Implementierung entsprechender Kennzahlen und Ziele, die dem Bewerten und Managen klimarelevanter Chancen und Risiken sowie der gesamten Klimaperformance dienen. Dies beinhaltet auch das Setzen eines Science-Based Target – ein Ziel basierend auf einer wissenschaftlichen Methode, um den eigenen Anteil am Erreichen der globalen Klimaziele zu berechnen. Ein anderes Beispiel ist die Einführung eines Klimafaktors bei der Vorstandsremuneration. 

  • Strategie und Geschäftsmodell

    Die im Zuge der Szenariomodellierung erarbeiteten Ergebnisse zeigen auf, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, um das Geschäftsmodell resilienter gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels zu machen. Auch eine mögliche, strategische Reaktion kann in den Szenarien durchgerechnet werden, um ihre Auswirkungen auf die Resilienz zu bewerten und zu quantifizieren. So könnten physische Risikokriterien für die Auswahl neuer Standorte und Märkte einbezogen werden, das bestehende Portfolio modifiziert werden oder eine Verlagerung von Investitionen hin zu Technologien stattfinden, die weniger durch die modellierte Klimapolitik unter Druck geraten. 

  • Ergebnis

    Das Ergebnis zieht sich praktisch durch alle Unternehmensbereiche. Klimarisiken und -chancen sowie strategische Reaktionen werden in der Gewinn- und Verlustrechnung und in der Bilanz quantitativ abgebildet; Klimathemen finden sich im Risikomanagement wieder und die neuen Anforderungen der EU und der TCFD werden in die nichtfinanzielle Berichterstattung integriert. Insbesondere aber finden die gewonnenen Erkenntnisse in der strategischen Ausrichtung ihre Berücksichtigung.

Vorteile einer Szenarioanalyse

Mit einer Szenarioanalyse kann das Verständnis der wichtigsten Kosten- und Umsatztreiber in der Wertschöpfungskette des Unternehmens, die von verschiedenen Klimaszenarien betroffen sind, geschärft werden. Die grafisch aufbereiteten Ergebnisse zum modellierten Geschäftsverlauf und zu strategischen Maßnahmen können in die Entscheidungsfindung auf strategischer, sektoraler und Kundenebene einfließen, um den Klimawandel nicht nur als Risiko zu betrachten, sondern auch als Chance zu begreifen und strategischen Profit daraus zu schlagen. Dazu gehört eine höhere Resilienz gegenüber klimarelevanten Entwicklungen und eine Vorbereitung auf eine strengere Klimapolitik sowie eine Plattform für die externe Kommunikation und das Engagement mit Investoren. Sollten Sie Fragen zum Thema haben oder Unterstützung benötigen, stehen unsere Experten gerne für Sie zur Verfügung.

Klimawandel in der österreichischen Unternehmensberichterstattung

In der aktuellen EY-Publikation „Nachhaltigkeitsberichterstattung österreichischer Top-Unternehmen 2020“ wurde ein Themenschwerpunkt auf die Berichterstattung zum Klimawandel gelegt. Im Fokus stand, inwiefern das Thema auch in der Berichterstattung in Österreich aufgegriffen wird, zusätzlich wurden die Sektoren Real Estate, Finanzdienstleistungen und Industrie näher betrachtet. Für die Analyse wurde die Berichterstattung der 38 im Prime Market gelisteten Unternehmen untersucht.

28 der 38 Unternehmen (74 %) nennen in ihrer Wesentlichkeitsanalyse entweder Emissionen oder den Klimawandel selbst, beispielsweise mit „Klimaschutz“ oder „Klimawandel“, als wesentliches Thema. Weitere vier Unternehmen nennen zwar kein Klimathema, aber zumindest Energie, so zum Beispiel „Erneuerbare Energien“ oder „Energieeffizienz“.

Klimawandel in der österreichischen Unternehmensberichterstattung

74 %

nennen in ihrer Wesentlichkeitsanalyse entweder Emissionen oder den Klimawandel selbst.

Von den 38 untersuchten Unternehmen haben sich zwölf Unternehmen quantitative Ziele zur Reduktion von Treibhausgasemissionen gesetzt, wovon sich wiederum sieben absolute Reduktionsziele gesetzt haben. Absolute Ziele sind aus Klimaschutzsicht begrüßenswerter, da—im Gegensatz zu Intensitätszielen — keine Gefahr besteht, dass die Emissionen auch bei Zielerreichung weiter ansteigen.

Qualitative Ziele zur Reduktion von Emissionen

Auswirkungen auf das Geschäftsmodell

Die Klima-relevanten Auswirkungen auf das Geschäftsmodell haben in der Berichterstattung noch wenig Berücksichtigung gefunden. Das dafür am meisten verbreitete Rahmenwerk — die Empfehlungen der TCFD — wurde von nur zwei Unternehmen angewendet. Auch eine der naheliegenden Möglichkeiten auf dem Weg, „klimafit“ zu werden — nämlich, sich ein Science-Based Target zu setzen — wurde von lediglich drei Unternehmen in Anspruch genommen. Angaben zu finanziellen Auswirkungen des Klimawandels gemäß den GRI-Standards (GRI 201-2) wurden zwar von elf Unternehmen (29 %) in die Berichterstattung aufgenommen, jedoch haben nur zwei Unternehmen auch die potenziellen finanziellen Folgen des Klimawandels quantifiziert und angegeben.

Unternehmen mit Initiativen, klimafit zu werden

Innerhalb der drei beleuchteten Sektoren (Real Estate, Finanzdienstleistungen und Industrie) ist die aktuelle Qualität und Tiefe der Berichterstattung nicht ausreichend, um einen quantitativen Überblick über die wichtigsten klimarelevanten Auswirkungen der Geschäftstätigkeiten zu gewinnen. Im Real-Estate-Bereich geht es dabei um Energiekennzahlen der verwalteten Flächen, in der Finanzwirtschaft um die mit Finanzströmen verbundenen Emissionen und in der Industrie um eine flächendeckende, konsistente Berichterstattung von Scope-1- und Scope-2-Emissionen gemäß Greenhouse-Gas-Protokoll und GRI-Anforderungen.

Trotzdem zeigt sich auch beim sektoralen Fokus, dass der Klimawandel endgültig in der Berichterstattung angekommen ist. Dass das Klima bei nichtfinanziellen Informationen thematisiert wird, ist inzwischen eher die Regel als die Ausnahme.

Fazit

Die Integration von Klimathemen in das Geschäftsmodell gewinnt an Bedeutung. Eine erfolgreiche Integration beinhaltet Elemente, die sich quer durch verschiedenste Geschäftsbereiche ziehen - von Governancestrukturen über ein Chancen- und Risikenassessment bis hin zu einer finanzorientierten Modellierung der klimarelevanten Entwicklungen. Wichtig ist dabei, dass die Ergebnisse auch in der Strategie ihre Berücksichtigung finden. Bei der Berichterstattung zu Klimathemen von österreichischen Unternehmen besteht derzeit jedoch noch Verbesserungspotential.

Über diesen Artikel

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Georg Rogl

Leiter Climate Change and Sustainability Services | Co-Leiter EYCarbon | Österreich

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Fred Hilgenfeldt

EYCarbon-Verantwortlicher für Klima und Dekarbonisierung | Assistant, Climate Change and Sustainability Services, Wirtschaftsprüfung | Österreich

Leidenschaftlicher Klimaschützer. Paraglider, Pianist und Fotograf.