5 Minuten Lesezeit 22 März 2021
Geschäftsleute blicken auf begrünte Anlage

Welche Auswirkungen hat die EU-Taxonomie auf die Realwirtschaft?

Von Georg Rogl

Leiter Climate Change and Sustainability Services | Co-Leiter EYCarbon | Österreich

Unterstützt Unternehmen dabei, verantwortungsvolles Handeln gegenüber der Umwelt, den Mitarbeitern und der Gesellschaft noch stärker in die eigene Unternehmens-DNA einzubinden.

5 Minuten Lesezeit 22 März 2021

Ein wichtiger Schritt in Richtung Transparenz für nachhaltige Investitionen

Autoren: Georg Rogl, Leiter Climate Change and Sustainability Services und Co-Leiter EYCarbon und Melanie Hofer, Assistant im Bereich Climate Change and Sustainability Services bei EY Österreich

Die EU-Taxonomie ist ein zentrales Element in einer Reihe von Gesetzgebungen und Regularien auf EU-Ebene, die darauf abzielen, die Transparenz im Bereich der Nachhaltigkeit drastisch zu erhöhen. Ziel ist es, die Investitionsströme aus dem Finanzsektor an Unternehmen zu fördern, die sich mit nachhaltigen Aktivitäten beschäftigen, damit die EU ihrer Verpflichtung des Pariser Klimaabkommens, bis 2050 CO2-neutral zu werden, nachkommen kann. Die standardisierte Definition grüner Geschäftsaktivitäten in der Taxonomie bildet die Grundlage für den EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums und informiert über die übergreifenden Ziele des EU Green Deal und des europäischen Konjunkturprogramms.

Um entsprechend der Taxonomie-Verordnung als „grün“ zu gelten, müssen die wirtschaftlichen Aktivitäten eines Unternehmens einen wesentlichen Beitrag zu mindestens einem der in der Taxonomie-Verordnung festgeschriebenen Umweltziele leisten:

Code:

Die wirtschaftlichen Aktivitäten dürfen außerdem keinem der anderen Umweltziele einen signifikanten Schaden zufügen („Do No Significant Harm“-Regel). Darüber hinaus müssen die betroffenen Unternehmen die von der EU-Kommission vorgegebenen soziale Mindestanforderungen erfüllen.

Aktuell arbeitet die EU-Kommission an der Ausarbeitung der finalen Kriterien für die ersten beiden Umweltziele, die im Zuge einer delegierten Verordnung mit Anfang des Jahres 2021 veröffentlich werden. Die Kriterien der restlichen Umweltziele werden im Laufe von 2021 ausgearbeitet und bis Ende des Jahres zur Anwendung veröffentlicht. Um sicherzustellen, dass die Kriterien alle relevanten Sektoren und wirtschaftlichen Aktivitäten umfassen, erfolgt die Identifizierung anhand der EU-Klassifikation der wirtschaftlichen Tätigkeiten "Nomenclature européenne des activités économiques“ (NACE). Dies erlaubt Unternehmen, die Relevanz der Taxonomie in Abhängigkeit ihrer Branche zu verstehen und anzuwenden.

Welche Unternehmen sind betroffen?

Kapitalmarktorientierte Unternehmen aus der Realwirtschaft, die im Zuge der Non-Financial Reporting Directive (nationale Umsetzung in Österreich NaDiVeG) zu einer nicht-finanziellen Berichterstattung verpflichtet sind, müssen im Rahmen der EU-Taxonomie ab 2022 (rückwirkend für das Geschäftsjahr 2021) erstmalig angeben, wie und in welchem Umfang ihre Tätigkeiten mit als nachhaltig einzustufenden, „grünen“ Wirtschaftstätigkeiten verbunden sind (Berichtspflichten hinsichtlich der EU-Taxonomie bestehen auch für Unternehmen in der Finanzindustrie sowie für die EU und ihre Mitgliedstaaten werden hier jedoch nicht weiter erläutert). Die Angaben sind im Rahmen der nicht-finanziellen (Konzern-) Berichterstattung, d.h. in der nicht-finanziellen Erklärung oder im gesonderten nicht-finanziellen Bericht, offenzulegen.

Diese von den Unternehmen veröffentlichten Informationen, sind für externe Berichtsadressaten und insbesondere auch für Finanzinstitute relevant, um Transparenz dahingehend zu schaffen, inwieweit ihre Produkte (Kreditvergaben, Geldanlagen) mit ökologisch nachhaltig einzustufenden, „grünen“ Wirtschaftstätigkeiten verbunden sind.

Im Rahmen der Überarbeitung der EU-Richtlinie zur nicht-finanziellen Berichterstattung wird diskutiert, dass diese Pflichten zukünftig auch für nicht-kapitalmarkt-orientierte Unternehmen gelten könnten. Unabhängig davon sollten sich auch Unternehmen, die nicht direkt von der EU-Taxonomie-Verordnung betroffen sind, darauf einstellen, dass Banken und Investoren zukünftig vermehrt Taxonomie relevante Daten anfordern werden.

Anforderung an die Berichterstattung

Die betroffenen Unternehmen müssen entsprechend der Taxonomie für das Geschäftsjahr 2021 über die Ziele (1) Klimaschutz und (2) Anpassung an den Klimawandel berichten, und für das Geschäftsjahr 2022 über die restlichen vier Umweltziele. Im Fokus der Berichterstattung stehen hier drei Kennzahlen:

Umsatz: Anteil des Umsatzes von Produkten oder Dienstleistungen im Zusammenhang mit ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten.

CapEx und OpEx: Anteil der Gesamtinvestitionen (CapEx) und/oder Anteil der Betriebsausgaben (OpEx) im Zusammenhang mit Vermögenswerten oder Prozessen, die mit ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten verbunden sind.

Ein weiterer delegierter Rechtsakt der voraussichtlich im Juni 2021 veröffentlicht wird, soll weitere Aufschlüsse über den genauen Inhalt und die Darstellung der erforderlichen Berichtsangaben, einschließlich der anzuwendenden Methodik zur Berechnung der Indikatoren (Umsatz, CapEx, OpEx), geben.

Implikationen für die Strategie

Über die neuen Berichterstattungspflichten hinaus werden sich für Unternehmen weitere Implikationen in Hinblick auf die Klimastrategie, das Produktportfolio oder die Veränderung von Kundenanforderungen ergeben.

  • Klimastrategie und Produktportfolio: Die EU-Taxonomie zielt darauf ab, Finanzströme stärker hin zu grünen Wirtschaftsaktivitäten zu lenken. Gerade bei CO2-intensiven Unternehmen wird die Taxonomie zu größerer Transparenz und Vergleichbarkeit in Hinblick auf die Klimastrategie und das Produktportfolio führen.
  • Indirekte Effekte durch Kundenanforderungen: Kunden werden ihrerseits von der EU-Taxonomie betroffen sein und müssen entsprechend berichten. Es ist zu erwarten, dass sich in der Wertschöpfungskette vorgelagerte Unternehmen mit gesteigerten Reporting Anforderungen seitens ihrer Kunden auseinandersetzen müssen, damit diese Taxonomie-Konformität erreichen können.

Schlüsselfragen zur Anwendung der EU-Taxonomie

Unternehmen sollten die EU- Taxonomie als Chance sehen, ihr operatives Geschäft nachhaltiger gestalten zu können, sowie die Kommunikation zu Investoren und anderen Stakeholdern zum Thema Nachhaltigkeit und Transparenz zu verbessern. Um die Auswirkung der Verordnung auf die verschiedenen Wirkungsfelder zu verstehen, sollten sich Unternehmen daher im Vorfeld der Umsetzung mit folgenden Schlüsselfragen auseinandersetzen:

  • Berichterstattung

    • Wie und in welchem Umfang beeinflusst die EU Taxonomie unsere Berichterstattung?
    • Verfügen wir über Prozesse, um EU-Taxonomie-konform zu berichten?
    • Verfügen wir über Daten, um die Einhaltung der technischen Screening-Kriterien sicherzustellen?
    • Ist unsere Berichterstattung bereit für eine externe Prüfung?
  • Strategie

    • Welche Taxonomie-relevanten Daten werden Kunden von uns verlangen?
    • Wie integrieren wir die Taxonomie in unser grünes Produktportfolio?
    • Wie wird die Taxonomie unsere Produktstrategie beeinflussen?
  • Kommunikation an Investoren

    • Wie integrieren wir die EU Taxonomie in die Klimastrategie und Berichterstattung des Unternehmens (inkl. TCFD-Reporting)?
    • Wie können wir den zunehmenden ESG/Taxonomie-bezogenen Anfragen von Investoren und Banken nachkommen?
  • Green Finance

    • Was sind neue, grüne Finanzierungsmöglichkeiten für unser Unternehmen?
    • Was sind die Voraussetzungen für die Emission von Green Bonds?
    • Wie wirkt sich die EU-Taxonomie auf unsere Green Bonds aus?
    • Ist unser Green-Bond-Ansatz bereit für eine externe Prüfung?

EY kann Sie auf der Reise zu einem nachhaltigeren Unternehmen begleiten und unterstützt Sie dabei, die Herausforderungen der EU-Taxonomie erfolgreich zu bewältigen. Wir bieten diesbezüglich eine Reihe an Dienstleistungen zur Beurteilung der Anwendbarkeit der Taxonomie, Bewertung der Unternehmensaktivitäten anhand der Taxonomie-Kriterien, sowie Unterstützung in Bezug auf die Berichterstattung und Strategieentwicklung an.

Fazit

Der Trend zu einer transparenten, nachhaltigeren Finanzwirtschaft ist bereits jetzt schon stark spürbar. Durch die Einführung der EU-Taxonomie als Klassifizierungssystem für „grüne“ Unternehmensaktivitäten, stellt die Verordnung ein maßgebliches Tool zur Verbesserung von Finanzströmen an nachhaltige Unternehmen dar. Es ist daher an der Zeit sich mit den Implikationen der Taxonomie auf das eigene Geschäft vertraut zu machen und den Anforderungen einer transparenten Berichterstattung für das Geschäftsjahr 2021 nachzukommen.

Über diesen Artikel

Von Georg Rogl

Leiter Climate Change and Sustainability Services | Co-Leiter EYCarbon | Österreich

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