4 Minuten Lesezeit 20 April 2020
Holzsteg am See mit Bergen im Hintergrund

Wie sich COVID-19 auf Verrechnungspreise auswirkt

Von

Gerhard Steiner

Partner, Steuerberatung | Österreich

Ist als Teamleiter für das Thema Verrechnungspreise in der Steuerberatung bei EY Österreich zuständig. Bereist in seiner Freizeit mit seiner Familie gerne die Welt.

4 Minuten Lesezeit 20 April 2020
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Die gewählte Verrechnungspreispolitik muss angesichts der weltweiten Ausnahmesituation durch die Corona-Krise neu überdacht werden.

Der Ausbruch des Coronavirus hat beispiellose Auswirkungen auf die Wirtschaft. Neben der Notwendigkeit, das Kollabieren der Gesundheitssysteme durch entsprechende (politische) Gegenmaßnahmen zu verhindern, haben Unternehmen außergewöhnliche Herausforderungen zu meistern. Je nach Wirtschaftszweig kann es einerseits zu erheblichen Störungen in den Lieferketten kommen. Andererseits sind möglicherweise dieselben Unternehmen mit zum Teil dramatischen Umsatzeinbrüchen aufgrund mangelnder Nachfrage oder gesetzlich verordneter Schließungen von Geschäften konfrontiert. Diese harte wirtschaftliche Realität trifft sowohl die meisten B2B-Sektoren, aber natürlich auch zahlreiche B2C-Geschäftszweige. Es versteht sich von selbst, dass dadurch die Liquidität und Rentabilität der meisten Unternehmen erheblich beeinträchtigt wird.

Aus Konzernsicht ist demnach eine der zahlreichen Schlüsselfragen in diesen Tagen, ob die gewählte Verrechnungspreispolitik und in Folge dessen die Ergebnisverteilung innerhalb der Gruppe, angesichts der Corona-Krise entstandenen Ausnahmesituation für die Weltwirtschaft, insgesamt und für jedes einzelne Unternehmen im Konzern im Besonderen neu überdacht werden muss.

Es gibt eine Reihe von Gründen, warum es wichtig ist, derartige kritische Analysen jetzt in Betracht zu ziehen. Es besteht möglicherweise die Notwendigkeit von Vertrags- und Preisanpassungen: 

  1. Vertragsanpassung: Verträge zwischen fremden Dritten werden im Lichte der wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus überprüft und zum Teil neu verhandelt. Dies insbesondere hinsichtlich der Möglichkeit, Verträge aufgrund einer „force majeure“-Klausel zu kündigen oder zumindest die Anpassung der Preise bzw. der Zahlungsbedingungen durchzusetzen. Wir haben bereits die Erfahrung gemacht, dass tatsächlich (erneut) verhandelt wird. Dies bedeutet, dass auch konzerninterne Verträge rasch einer solchen Überprüfung unterzogen werden sollten!

  2. Verändertes Marktverhalten: Wir sehen bereits Veränderungen im Marktverhalten - es wird viel Wert auf Liquidität gelegt, was beispielsweise dazu führen wird, dass die Lieferanten mit längeren Zahlungsfristen zurechtkommen müssen. Dies ist nur eine der Untergruppen, in denen Vereinbarungen in Frage gestellt/nachverhandelt werden.

  3. Preisanpassung aufgrund der Änderung der Vergleichbarkeitsfaktoren: Die beispiellosen wirtschaftlichen Umstände beeinflussen unseres Erachtens sämtliche Vergleichbarkeitsfaktoren, die nicht vorhersehbar waren. Die Kombination solcher wirtschaftlicher Umstände in Verbindung mit der Reaktion eines Unternehmens und der zugrunde liegenden Geschäftsstrategie bedeutet, dass auch im Bereich von verbundenen Unternehmen - um dem Grundsatz des Fremdvergleichs zu entsprechen - eine zumindest vorübergehende Anpassung der bestehenden Preisgestaltung erforderlich werden könnte. 

Unter Umständen sollten wirtschaftlich bedeutende Risiken überdacht und beurteilt werden, ob als Reaktion auf die aktuelle Pandemie eine Übereinstimmung zwischen dem Risikomanagement, den Funktionalitäten und der aktuellen Verrechnungspreispolitik besteht. Es ist sicherzustellen, dass eine eventuell notwendige sofortige Angleichung durch eine ordnungsgemäße Dokumentation und Beweisführung sowie entsprechende vertragliche Klarstellungen unterstützt wird, um z.B. die Zuweisung von "außerordentlichen Ausgaben" argumentieren zu können (siehe auch Punkt unten). COVID-19 kann auch zu einer Veränderung in Verbindung mit den Werttreibern innerhalb eines Unternehmens führen, die für die Zwecke der Verrechnungspreispolitik berücksichtigt werden sollten.

  1. „Außerordentliche Kosten“: Die oben genannten wirtschaftlichen Auswirkungen lösen erhebliche Kosten aus, die nicht unbedingt laufende Betriebsausgaben, sondern "außerordentliche Ausgaben" im wirtschaftlichen Sinn darstellen können. Die üblichen Verrechnungspreiskonzepte haben solche außerordentlichen Kosten nicht vorgesehen (bzw. sicherlich nicht die mögliche Größenordnung dieser Kosten), und es ist wichtig zu beurteilen, welche Partei diese Kosten tragen sollte.

  2. Routineunternehmen: Viele Verrechnungspreiskonzepte arbeiten mit festen oder einer engen Bandbreite von Routinerenditen. Zur Einhaltung solcher Richtlinien können unter den gegenwärtigen Umständen erhebliche Unterstützungszahlungen erforderlich sein, die andere steuerliche Herausforderungen und/oder Geld- oder Finanzierungsprobleme auslösen könnten.

  3. Preisanpassungen und Zollwert: Unter Umständen sind auch rasche und unmittelbare Preisanpassungen notwendig und sinnvoll, um Zollvorschreibungen/-zahlungen zu minimieren.

  4. „Supply Chain“ – Betriebsstätten-Risken bzw. Umsatzsteuer-Problematik: Weiters könnten durch notwendige Änderungen der Lieferkette oder anderer betriebswirtschaftlicher Maßnahmen im Geschäftsmodell auch andere steuerliche Risiken entstehen (z.B. umsatzsteuerliche Risiken oder Betriebsstätten-Risiken), die es zu evaluieren gilt.

Im Zusammenhang mit den obigen Ausführungen gibt es mehrere Bereiche, die sich weiter auf die Ergebnisverteilung auswirken oder steuerliche Risiken schaffen: 

  1. Zugang zu Finanzmitteln und Finanzierung: Angesichts des zu erwartenden Finanzierungsbedarfs für das Betriebskapital müssen die Unternehmen Zugang zu vorhandenen Barmitteln haben (was zusätzliche Darlehen/Bargeldpooling/Ausschüttungen erfordert). Darüber hinaus können sich Unternehmen aktiv um die (Re-)Finanzierung bestehender Intercompany-Finanzierungen bemühen (z.B. aufgrund von EBITDA-Beschränkungen oder Ineffizienz von Krediten aufgrund von Verlusten) und/oder zusätzliche externe Finanzmittel benötigen.

  2. Kurzfristige Notwendigkeit der Verlagerung von Funktionen: Mit einer Beschränkung der Fähigkeit, Waren und Dienstleistungen zu produzieren und zu liefern, leiten Unternehmen Kapazitäten innerhalb der Gruppe um bzw. verlagern diese, wodurch sich die Rentabilität und die Zuteilung zwischen den Gruppeneinheiten verändern wird. Dies führt zu erheblichen Auswirkungen auf die lokale Rentabilität und es ist zu überprüfen und zu dokumentieren, ob dafür eine Ausgleichszahlung vereinbart werden kann bzw. muss. Gegebenenfalls sollte eine entsprechende vertragliche Vereinbarung zeitnah aufgesetzt werden.

Fazit

Viele Unternehmen ziehen die Änderungen (und in einigen Fällen Sofortmaßnahmen) ihrer derzeitigen Verrechnungspreispolitik bzw. der aktuell angewandten Verrechnungspreismethoden in Erwägung. Gerade im Hinblick auf mögliche Liquiditätsmaßnahmen und den in zahlreichen Ländern angekündigten Gewinnausschüttungssperren sollten Unternehmen nicht einfach nur "abwarten". Wir stehen gerne zur Verfügung, um zu besprechen, welche Maßnahmen bei Ihrem Unternehmen möglicherweise rasch und sinnvoll gesetzt werden sollten. 

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Gerhard Steiner

Partner, Steuerberatung | Österreich

Ist als Teamleiter für das Thema Verrechnungspreise in der Steuerberatung bei EY Österreich zuständig. Bereist in seiner Freizeit mit seiner Familie gerne die Welt.

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