5 Minuten Lesezeit 22 Jänner 2020
Mann sitzt in einem Connected Car

Das Connected Car ist mit allem vernetzt. Ist es auch vor allem geschützt?

Stefan Poledna, Gründer von TTTech im Gespräch mit dem Leiter der EY-Unternehmensberatung Axel Preiss.

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Y Österreich: Herr Poledna, TTTech wurde 1998 als Spin-off der Technischen Universität Wien (TU, Anm.) gegründet. Welche Vorteile hatte das für Sie?

Stefan Poledna: Ich habe damals an der Universität studiert, Hermann Kopetz (neben Georg Kopetz und Poledna Mitgründer von TTTech, Anm.) blieb als Professor für Technische Informatik an der Uni. Wir wollten die Technologie, die wir damals in einem Forschungsprojekt entwickelt haben, industriell einsetzen. Damals waren die Themen „Steer-by-Wire“ (ein System, bei dem zwischen dem Impulsgeber für die Lenkung und den Rädern eines Fahrzeugs keine mechanische Verbindung besteht, Anm.) und Brake-by-Wire“ (Bremssystem, in dem Betätigungs- und Übertragungseinrichtungen entkoppelt sind, Anm.) sowie das Interesse in der Luftfahrt groß. Wir hatten zu Beginn zwei Ziele: einen glaubhaften Geschäftsplan zu schreiben und Fremdkapital in der Höhe von einer Million US-$ aufzustellen. Beides haben wir geschafft.

Was war die inhaltliche Ausrichtung Ihres Geschäftsplans?

Stefan Poledna: Im Wesentlichen, dass wir die sicheren Vernetzungen und Steuerungen – also die „Safety Networks“ – für Steer-by-Wire oder Brake-by-Wire auf Basis der Grundlagenforschung an der TU industrialisieren. Es gab dann natürlich einige Anpassungen unserer Strategie im Lauf der Jahre, jedoch diese Kernidee blieb bis heute bestehen. Steer-by-Wire und Brake-by-Wire haben wir damals noch nicht umgesetzt, erst nach 15 Jahren ist das im Bereich autonomes Fahren gelungen. Damals sind wir in das Segment „Fly-by-Wire“ (elektronische Flugzeugsteuerung, eine Signalübertragungstechnik für die Flugsteuerung von Luftfahrzeugen, Anm.) gegangen, später in andere Bereiche. auch die damit einhergehenden neuen Herausforderungen aktiv adressiert.

Wir wollten die Technologie, die wir damals in einem Forschungsprojekt entwickelt haben, industriell einsetzen.
Stefan Poledna
Gründer von TTTech

Das Unternehmen ist rasch gewachsen: 2001 wurde die TTTech Germany GmbH gegründet, ein Jahr später folgte der Markteintritt in den USA und Japan. Wie geht das?

Stefan Poledna: Das ist eher eine Frage der Notwendigkeit. Wenn man in der Autobranche eine Rolle spielen will, etwa bei deutschen Premiumherstellern, ist es eine logische Konsequenz, dass man den Kunden in die Märkte folgt. Wir haben immer gesagt, dass wir ein „Global Born Start-up“ sind. Unser erster Kunde war Volvo aus Schweden, in Japan gibt es eine starke Automobilbranche. Will man in den Bereichen Innovation und Technologie stark vertreten sein, muss man international aufgestellt sein – nicht nur in Österreich.

Herr Preiss, TTTech bietet robuste Netzwerktechnologie und Sicherheitssteuerungen an. Gleichzeitig wird die Welt durch die technologische Vernetzung deutlich komplexer. Wird es in Zukunft schwieriger, solche Lösungen bereitzustellen?

Axel Preiss: Ich würde da gerne etwas ausholen: TTTech hat es von Beginn an geschafft, datenbasiert zu arbeiten und diesen Ansatz weiterzuentwickeln. So haben das nicht viele Unternehmen gemacht. Vielen denken zwar darüber nach, wissen aber nicht, welchen „Datenschatz“ sie intern zur Verfügung haben und wie sie damit umgehen sollen. Unternehmen, die das seit 15 Jahren entlang ihrer Wertschöpfungskette mitsamt den Kunden durchziehen, haben einen riesigen Wettbewerbsvorteil. Doch gerade einmal 20 Prozent der Unternehmen österreichweit nutzen ihre Daten tatsächlich schon gezielt. Und ja – ich denke, dass es durch die Komplexität der Vernetzungen immer schwieriger wird. Es existieren keinerlei Standards in diese Richtung. So funktioniert in der Automobilbranche die Kommunikation zwischen Ampeln oder ein Informationsaustausch zwischen einzelnen Autos nicht. Hier wird noch vieles passieren.

Doch gerade einmal 20 Prozent der Unternehmen österreichweit nutzen ihre Daten tatsächlich schon gezielt. Und ja – ich denke, dass es durch die Komplexität der Vernetzungen immer schwieriger wird.
Axel Preiss
Leiter Advisory | Österreich

Herr Poledna, stimmen Sie dem zu?

Stefan Poledna: Die Kernfrage – und das ist auch unser Zugang – ist: Was schafft einen Mehrwert für den Kunden? Wir haben uns beim autonomen Fahren auf die Sicherheitsplattform konzentriert, denn beim autonomen Fahren sammelt man sehr viele Daten – von der Kamera, dem Laser, Radar, Ultraschall oder dem GPS. Aus diesen Informationen muss man destillieren: Was tut sich im Auto, was tun andere Fahrzeuge, was muss ich tun? Auf der Safety-Plattform laufen alle Funktionen wie Parken oder Abstandhalten zusammen. Die Ablaufsteuerung sichert die Vernetzung zwischen den Datenquellen auf sichere Art und Weise. Das ist ein Mehrwert für den Kunden.

Was ist der Status beim autonomen Fahren, wo Sie mit der VW-Gruppe kooperieren?

Stefan Poledna: Mit der VW-Gruppe und Audi haben wir aktuell schon eine halbe Million Fahrzeuge auf der Straße. Das inkludiert alle neueren Modelle – etwa den Porsche Cayenne oder den Audi A6, A7 und A8. Wir haben dieses Jahr auch ein Joint Venture mit dem größten chinesischen Autohersteller SAIC Motor Corporation bekannt gegeben. In China werden wir dieses Jahr die ersten Fahrzeuge mit unserer Safety-Plattform Moton- Wise auf den Markt bringen.

Wann wird man in Städten mit voll automatisierten Autos (Level 5, Anm.) fahren können?

Axel Preiss: Insbesondere im ländlichen Raum sind bereits heute solche Elektrotaxis und Elektrobusse im Einsatz. Dort werden auch diese Technologien schneller zum Einsatz kommen. Die Kommunen und Städte fangen an, zu testen. In den nächsten zehn Jahren wird autonomes Fahren zu unserem Straßenbild gehören – mit allen Highlights und Tiefschlägen.

Besteht die größte Herausforderung, um voll automatisiertes Fahren zu ermöglichen, auf technologischer Seite – oder auf der regulatorischen?

Axel Preiss: Die größte Herausforderung ist noch immer der Mensch, denn einen Menschen, der auf die Straße springt, kann der beste Sensor nicht vorhersagen. Ebenso, wenn es im Straßenverkehr zwei Möglichkeiten für eine Fahrbewegung gibt und in beiden Fällen eine Verletzung einer Person zu erwarten ist: Diese Entscheidung kann man einem autonomen Auto nur schwer abnehmen. Aber wir werden es schaffen, die entsprechenden Regularien zu gestalten, ebenso die Versicherungen in den Griff zu bekommen sowie genügend Infrastruktur auf der Straße zu haben – und dass die Kommunikation von Fahrzeug zu Fahrzeug mittels 5G funktioniert, dass also genügend Daten übertragen werden können.

5G ist auch eine der Voraussetzungen, um Smart Cities Realität werden zu lassen. Was halten Sie davon?

Axel Preiss: Die Verbindung zwischen autonomem Fahren und Smart Cities wird komplett unterschätzt. Als Beispiel für eine entsprechende Infrastruktur in Smart Cities ist es etwa wichtig, die vielen parkenden Autos wegzubekommen. Man könnte auf jeder Straße die linke Fahrspur freimachen und dort einen autonomen Fahrstreifen für Elektroautos bilden, die mit 30 km/h fahren; insbesondere, wenn man dies zunächst in einem Bezirk oder auf einer kleinen Fläche umsetzt – und mit einer entsprechenden Smart-City-Infrastruktur unterlegt, sodass es keine Fehler bei der Datenübertragung gibt. Dann wäre man einen großen Schritt weiter. Man könnte dies auch in alten Städten umsetzen – und nicht nur bei jenen, die auf dem Reißbrett entstanden sind.

TTTech entwickelt Produkte und Dienstleistungen für mehrere Sparten, etwa Automobilbranche, Luftfahrt und Industrie. Welche ist die umsatzstärkste?

Stefan Poledna: Automotive war mit nahezu 64 Millionen € 2018 unser umsatzstärkster Bereich. Das macht rund die Hälfte unseres Umsatzes von mehr als 140 Millionen € aus. Doch auch das Industriesegment hat sich im vergangenen Jahr sehr stark entwickelt.

Die TTTech-Gruppe betreibt Partnerschaften auf verschiedensten Ebenen. Infineon Technologies und Audi sind bereits früh als Aktionäre eingestiegen. Inwiefern hat sich dadurch die Unternehmensstrategie geändert?

Stefan Poledna: Vergangenes Jahr haben wir TTTech Auto als eigene Aktiengesellschaft im Rahmen der TTTech Group gegründet. Das war eine bewusste Entscheidung, denn es steckt unglaublich viel Dynamik im Bereich des autonomen Fahrens. Damit kommt es zu keiner Disparität unterschiedlicher Geschwindigkeiten im Unternehmen. Außerdem haben wir jetzt auch Samsung mit einem strategischen Investment von 75 Millionen € als Investor (in die TTTech Auto AG, Anm.) gewonnen. In der TTTech Computertechnik AG sind die langfristigen Investoren angesiedelt, die dem „Evergreen“-Gedanken anhängen. Durch die strategische Partnerschaft mit Audi wiederum konnten wir das Thema autonomes Fahren bereits früh in der Technologieentwicklung besetzen, denn Audi hat als Erster eine komplett integrierte Plattform für das autonome Fahren sowie auch für Level 3 entwickelt – auch, wenn dies noch nirgends für die Straße freigeschaltet ist. Dennoch sind wir in diesem Bereich gemeinsam weltweit führend.

Welche Ziele haben Sie für dieses Jahr?

Stefan Poledna: Wir sehen große Wachstumsmöglichkeiten in den einzelnen Märkten. Deshalb ist es auch ein zentraler Punkt für uns, die Top-Leute ins Unternehmen zu bekommen. Hier sind wir sehr aktiv. Wir beschäftigen insgesamt 45 Nationalitäten, selbst am Standort in Wien kommen weniger als 50 Prozent der Mitarbeiter aus Österreich. Das ist die Voraussetzung um mit unseren Produkten Marktführerschaft zu erreichen.

Fazit

Obwohl in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, arbeitet TTTech mit Größen wie Nasa, Samsung und Audi. Das Wiener Unternehmen gewann den EY Entrepreneur Of The Year 2015 (Kategorie: Industrie & Hightech) und arbeitet an der sicheren Vernetzung einer immer komplexeren Welt. Gründer Stefan Poledna im Gespräch mit dem Leiter der EY-Managementberatung, Axel Preiss.