5 Minuten Lesezeit 8 Juli 2021
Bäume und moderne Gebäude gegen den Himmel

Dekarbonisierung: Was sind die Chancen und Risiken für Unternehmen und Investoren?

Autoren
Reto Isenegger

EY Global Advisory Strategy Services Leader

Strategic transformation leader. Purpose activator. Photography enthusiast.

Benjamin Teufel

Sector Leader Energy & Resources and Leader EYCarbon | Switzerland

Accompanies the transformation of the energy world, both large and small. Meets current challenges with a positive attitude and focus on solutions.

Co-Autoren
5 Minuten Lesezeit 8 Juli 2021

Was verlangt die Dekarbonisierung von den verschiedenen Stakeholdern? Vier Spezialisten von EY beantworten die wichtigsten Fragen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Wirtschaft.

Mit der Dekarbonisierung steht die nächste grosse Transformation an. Märkte und Unternehmen müssen sich grundlegend und rasch verändern – auch in der Schweiz. Die EY-Experten Benjamin Teufel und Reto Isenegger über Chancen und Risiken für Unternehmen auf dem Weg zur Dekarbonisierung.

Unternehmen setzen sich vermehrt selbst konkrete Ziele zur Reduktion von Emissionen. Ist diese Wahrnehmung richtig?

Benjamin Teufel: Es ist ein eindeutiger Trend. Die letzten Jahre – und natürlich die Pandemie – haben gezeigt, wie verwundbar unsere Welt ist. Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer deutlicher sichtbar. Die Unternehmen realisieren, dass auch sie einen konkreten Beitrag zur Dekarbonisierung leisten können und müssen.

Reto Isenegger: Mittels neuer Regulationen, zum Beispiel dem «Green Deal» der EU und den damit verbundenen CO2-Steuern und Investitionsbeiträgen, setzt die Politik Anreize zur Dekarbonisierung. Ausserdem realisieren die Unternehmen, dass sie mit neuen Geschäftsmodellen ihren Unternehmenswert schützen und steigern können.

Mit «Wert steigern» meinen Sie den Aktienkurs?

Isenegger: Ja, auch. Denn Nachhaltigkeit muss sich für alle auszahlen: für die Umwelt, für die Menschen sowie für die Unternehmen und damit auch für die Investoren. Das bedeutet, dass wir bei Dekarbonisierungsprojekten prioritär nach Ideen suchen, die sich für unsere Kunden rechnen, und mit denen somit auch der Finanzchef einer Firma und deren Investoren leben können.

Teufel: Unternehmen verfolgen inzwischen immer häufiger langfristige Ziele und verabschieden sich von einer kurzfristigen Optimierung der Aktionärsinteressen. Neben dem finanziellen Aspekt bedeutet das auch, Kundenbedürfnisse zu bedienen, Mitarbeitende als Menschen zu sehen und ihnen Entwicklung zu ermöglichen, sowie gesellschaftlichen Wert zu schaffen, welcher natürlich auch die Auswirkungen der Geschäftsaktivitäten auf die Umwelt inkludiert.

Nachhaltigkeit muss sich für alle auszahlen: Für die Umwelt, die Menschen sowie für die Unternehmen und damit auch für die Investoren.
Reto Isenegger
  • Die Zeit fürs Klima läuft: So können Unternehmen ihre Finanzen nachhaltig gestalten

    Wir befinden uns mitten im Umbau hin zu einer nachhaltigen, kohlenstoffarmen und ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft. Sie ist der Schlüssel zur Rettung unseres Klimas und sichert unsere langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Die Erkenntnis, dass Finanzierungen auch im privaten Sektor einen wesentlichen Anteil zu einer nachhaltigen Wirtschaft beitragen können, hat sich inzwischen durchgesetzt. Regulatoren wie die EU haben bereits konkrete Standards für den Finanzsektor gesetzt (EU-Aktionsplan). Bei der Beschaffung von Finanzmitteln sowie bei nachhaltigen Investments spielen Vermögensverwalter und Finanzdienstleister sowie die ESG-Anlagekriterien (Environmental, Social, Governance) eine wichtige Rolle. Stephan Geiger, ESG Leader Financial Services bei EY, weiss, worauf es ankommt: «Verantwortungsbewusste Vermögensverwalter und -eigentümer sollten Nachhaltigkeitsaspekte in ihre Risikomanagementprozesse integrieren, ein erweitertes ESG-Angebot zur Verfügung stellen und sich gleichzeitig aktiv für die Reduktion ihres Investment-Fussabdrucks einsetzen.» Entsprechend sind auch Schweizer Unternehmen bei ihrer Finanzierung mit steigenden Mindestanforderungen und Informationsbedarf zur Nachhaltigkeit konfrontiert und müssen ihren Kunden und Investoren transparent darlegen, dass sie ihr Geschäft nachhaltig betreiben. «Investoren, Kun[1]den, aber auch die Gesellschaft verlangen heute eine nachhaltige Unternehmensführung», sagt Mark Veser, Head Climate Change and Sustainability Services bei EY. Dazu gehören insbesondere messbare Ziele und entsprechende Berichte. «Berücksichtigen Sie die Forderungen der Stakeholder nach Transparenz in Bezug auf den Fussabdruck ihrer Geschäftstätigkeit», rät Veser den Unternehmen. Nicht zuletzt gelte es, die Verschiebungen im ESG-Markt zu antizipieren, um den Zugang zu Kapital in einem sich schnell verändernden Umfeld zu halten und von den sich aus der Transformation ergebenden Opportunitäten zu profitieren. 

Welche Ansätze verfolgen Firmen, um ihre Emissionen zu reduzieren?

Teufel: Das kommt ganz auf die Branche an. Wichtig ist, dass ein Unternehmen evaluiert, wie viel Emissionen es direkt und indirekt durch seine Geschäftstätigkeit verantwortet und dann Möglichkeiten identifiziert, um Emissionen zu reduzieren.

Wer sind die Vorreiter?

Teufel: Die Energieversorger, Chemie- und Zementunternehmen und die Automobilkonzerne gehen im Moment voraus. Die Investitionsgüterbranche zieht nach, indem sie ihre Produkte und Dienstleistungen so anbietet, dass möglichst wenig Emissionen verursacht werden und Produkte rezykliert werden können. Ebenso werden die Schiff- und Luftfahrt mitziehen – dort sind die Herausforderungen aber am grössten.

Welche anderen Industrien folgen?

Isenegger: Neben den erwähnten CO2-lastigen Industriezweigen, die sich im Sinne von „Transform or be Transformed“ bewegen müssen, erkennen immer mehr Unternehmen ihre Chancen. Die Konsumgüterindustrie macht das mit nachhaltigen Produkten, die gut bei den Kundinnen und Kunden ankommen – eine “Transform to Win”-Strategie. Die CO2-Reduktionsziele der grossen Konsumgüterhersteller zeigen bereits Wirkung auf die meisten Zulieferer, denn diese müssen sich ebenfalls anpassen. Ein „Domino-Effekt“ der Dekarbonisierung durch die Lieferketten ist bereits heute zu beobachten. Im Finanzbereich bekommen die ESG-Ratings bei der Bewertung von Unternehmen immer mehr Gewicht. Damit schliesst sich der Dekarbonisierungskreislauf zwischen Finanz- und Realwirtschaft.

Die Wirtschaft ist mit der digitalen Transformation gefordert. Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Kampf gegen den Klimawandel?

Teufel: Die Digitalisierung ist per se weder gut noch schlecht für die Erreichung der Klimaziele. Es kommt darauf an, was wir daraus machen. Die Digitalisierung ermöglicht neue Formen von Transparenz, Zusammenarbeit und Steuerung, liefert die Daten für besser informierte Produktions- und Konsumentscheidungen und eröffnet in der Umweltpolitik neue Gestaltungsmöglichkeiten. Die Digitalisierung kann ein Nachhaltigkeitsmotor sein.

Asien und die USA sind uns in Europa bei der Digitalisierung weit voraus. Laufen wir Gefahr, dass wir auch bei der Dekarbonisierung «abgehängt» werden?

Teufel: Europa – und mit ihr die Schweiz – haben verstanden, dass Dekarbonisierung das Thema der Zukunft ist. Mit dem «Green Deal» hat die EU zu verstehen gegeben, dass sie nicht nochmal abgehängt werden will. Und auch die Schweiz forciert regulatorisch, dass das Thema Nachhaltigkeit einen Rahmen mit konkreten Vorgaben bekommt.

Isenegger: Genau wie bei der Digitalisierung ist auch Greentech ein Wettbewerb unter den Nationen. Die EU hat erkannt, dass Investitionen in Greentech, gerade nach Covid, neue Wachstumsmöglichkeiten bieten. Das ist gut und fördert die Wettbewerbsfähigkeit. Die EU investiert, die USA unter Joe Biden auch, China ebenso. Die Schweiz hat eine riesige Chance, hier eine führende Position einzunehmen. Mit Technologie-Institutionen, wie zum Beispiel der ETH und EPFL, führenden Grossfirmen und einer der weltweit bezüglich Innovationen wettbewerbsfähigsten KMU-Landschaft. Diese Ausgangslage dürfen wir nicht verspielen!

Wir müssen jetzt anfangen, auf die Ziele hinzuarbeiten. Der kurz- und mittelfristige Reduktionspfad ist genauso wichtig wie das absolute Ziel für 2050.
Benjamin Teufel

Letztlich müssen wir die Pariser Klimaziele erreichen. Glauben Sie, dass wir das schaffen?

Teufel: Ja. Aber wir müssen jetzt anfangen, auf die Ziele hinzuarbeiten. Der kurz- und mittelfristige Reduktionspfad ist genauso wichtig wie das absolute Ziel für 2050.

Können sich Unternehmen nicht mit Kompensationen «freikaufen»? Wer garantiert, dass sie kein Greenwashing betreiben?

Teufel: Wenn ein Unternehmen ankündigt, sich klimaneutral auszurichten, sind kritische Fragen vorprogrammiert: Kauft sich da jemand „einfach“ frei oder wird tatsächlich reduziert? Diese Fragen wurden EY auch gestellt. Aus diesem Grund ist es wichtig, die konkreten Massnahmen transparent zu kommunizieren.

Als Beratungsunternehmen stehen Sie auch im Fokus: EY ist seit letztem Jahr klimaneutral und will unter anderem die Emissionen durch Geschäftsreisen bis 2025 um 35 Prozent senken. Reicht das?

Teufel: Nein, das reicht natürlich nicht. Und EY hat sich zusätzliche Ziele gesteckt. Wir werden mit unseren 300‘000 Mitarbeitern weltweit Carbon Negative bereits in 2021 und Carbon Zero in 2025 sein. Ausserdem wollen wir zu 100 Prozent erneuerbare Energie nutzen. Es ist wichtig, dass Unternehmen wie EY diesen Schritt machen. Wer sonst, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?

Isenegger:  Auch hier versuchen wir Dekarbonisierung mit Effizienz zu verbinden. In unseren neuen Stockholmer Büros konnten wir nicht nur 70 Prozent CO2-Emissionen einsparen, sondern gleichzeitig 50 Prozent der Kosten senken. Im Sinne des New Way of Working steigern wir mit modernen Arbeitsmodellen in Zusammenarbeit mit unserem Technologie-Partner Microsoft auch die Mitarbeiterzufriedenheit. Ein Weg, der sich also für alle auszahlt! Wir können damit zeigen, wie solche Ansätze funktionieren.

Fazit

In den letzten Jahren sind die Auswirkungen des Klimawandels immer deutlicher sichtbar geworden. Europa – und mit ihr die Schweiz – haben verstanden, dass Dekarbonisierung das Thema der Zukunft ist und arbeiten im Hinblick auf Nachhaltigkeit auf einen regulatorischen Rahmen mit konkreten Vorgaben hin. Mit ihren Technologie-Institutionen, führenden Grossfirmen und den besonders wettbewerbsfähigen KMUs hat die Schweiz eine einmalige Chance, die Herausforderungen des Klimawandels anzugehen und eine weltweit führende Position einzunehmen. Die Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit von Institutionen und Unternehmen ist nun gefragt, um letztlich die Pariser Klimaziele erreichen und in einer vom Klimawandel geprägten Wirtschaft und Gesellschaft bestehen zu können.

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Reto Isenegger

EY Global Advisory Strategy Services Leader

Strategic transformation leader. Purpose activator. Photography enthusiast.

Benjamin Teufel

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