5 Minuten Lesezeit 25 Feb. 2021
Hand auf Tisch

Bereit für die IBOR-Ablösung – mit Fokus auf technischer Ausführung und Tests

Von Eveline Hunziker

Financial Services Assurance Partner & IBOR Country Leader | Switzerland

More than 10 years of experience in investment banking & treasury with secondments at FINMA and in New York. Highly skilled at leading large scale, complex projects with global teams.

Co-Autoren
5 Minuten Lesezeit 25 Feb. 2021

Banken sind sich der Komplexität der IBOR-Ablösung vollkommen bewusst. Ihr Fokus verlagert sich zunehmend auf den Umfang und die Grössenordnung von Front-to-Back-Tests.

In Kürze

  • Viele Banken machen Fortschritte bei ihren Vorbereitungen auf die IBOR-Ablösung. Allerdings müssen sie ihr Tempo aufrechterhalten, um bis Ende Jahr bereit zu sein.
  • Da Technologie fester Bestandteil aller Arbeitsabläufe ist, bedarf es einer starken Programmführung, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten.
  • Die FINMA hat für Schweizer Banken einen Fahrplan für die IBOR-Ablösung mit einer Abfolge von Fristen festgelegt.

Der von EY durchgeführte IBOR Transition Readiness Banking Survey liefert Erkenntnisse darüber, wie sich der globale Bankensektor auf die bevorstehende Ablösung des IBOR durch neue Referenzzinssätze vorbereitet. Als bedeutender Finanzplatz ist die Schweiz davon stark betroffen. Wo steht der Schweizer Finanzsektor in diesem Prozess? Worin bestehen die grössten Herausforderungen? Und welche konkreten Massnahmen können Finanzinstitute treffen, um Fortschritte zu erzielen – und zwar schnell?

Angesichts der knappen Fristen und Ressourcen sollten Schweizer Banken auf Technologie, die aktive Kontaktaufnahme zu Kunden und die Anpassung von Verträgen fokussieren, um per Ende Jahr bereit für den IBOR-Ablösung zu sein.

  • Umfragemethodik

    Im Rahmen der dritten jährlichen Umfrage zur Bereitschaft von Banken für die IBOR-Ablösung befragte EY zwischen November 2020 und Januar 2021 IBOR-Programmverantwortliche in 28 Banken mit überregionaler Präsenz. Dazu zählten globale systemrelevante Banken ebenso wie in Grossbritannien, im EMEIA-Raum und in den USA tätige lokale Banken.

Wo steht der Schweizer Finanzsektor in der Vorbereitung auf die IBOR-Ablösung?

Die FINMA hat beaufsichtigten Instituten aktiv Wegleitungen für die IBOR-Ablösung an die Hand gegeben. Für 2020 hatte sie ihre Erwartungen im Hinblick auf CHF-LIBOR-basierte Cash-Produkte klar formuliert. Unter anderem sollten CHF-LIBOR-Verträge ohne robuste Rückfallklauseln deutlich reduziert werden. Zwar richtete die FINMA ihre Aufsichtsmitteilungen in erster Linie an die 26 am stärksten betroffenen Institute, empfahl aber allen Banken, sie zu berücksichtigen.

Im Dezember 2020 veröffentlichte die FINMA einen Fahrplan für die LIBOR-Ablösung. Darin sind die Schritte, mit denen Beaufsichtigte und Marktteilnehmende die Umstellung reibungslos und fristgerecht bewerkstelligen können, im Detail beschrieben. Für das Jahr 2021 sieht die FINMA eine Abfolge von Fristen vor, die eine möglichst effektive Nutzung der verbleibenden Zeit bis Ende 2021 fördern sollen. Befolgen die betroffenen Parteien die Empfehlungen der FINMA, sollten sie in der Lage sein, die operationelle Bereitschaft für die Ablösung des LIBOR in CHF, EUR, GBP und JPY (für alle Laufzeiten) und in USD (für 1-Wochen- und 2-Monats-Laufzeiten) bei allen Produkttypen sicherzustellen.

Die FINMA wird die Entwicklung der an den LIBOR gebundenen Vertragsvolumen im Jahr 2021 weiterhin sorgfältig überwachen. Wo notwendig, wird sie institutsspezifische Massnahmen ergreifen, um die Risiken einer ungenügenden Vorbereitung der LIBOR-Ablösung zu begrenzen.

Worin bestehen die grössten Risiken und Herausforderungen?

Die LIBOR-Ablösung könnte ein erhebliches operationelles Risiko für beaufsichtigte Institute bergen, wenn diese sich nicht rechtzeitig und effektiv darauf vorbereiten. Bei den Schweizer Banken geben operationelle Bereitschaft, rechtliche Risiken und Bewertungsrisiken der FINMA am meisten Grund zur Sorge.

Die FINMA geht davon aus, dass selbst kleinen oder mittelgrossen Banken (Aufsichtskategorien 3 bis 5) aufgrund der LIBOR-Ablösung komplexe Anpassungen bevorstehen. Bei Banken dieser Grösse fliesst der LIBOR im Durchschnitt in zwei bis drei interne Systeme, vier bis fünf ausgelagerte Systeme und elf Berichtsgebiete ein, die auf genaue Referenzzinssätze angewiesen sind. Ohne gezielte Massnahmen werden ihre IT-Systeme – von Kernbankensystemen und Handelsplattformen bis hin zu Buchhaltungssoftware – mit alternativen Referenzzinssätzen und Rückfallklauseln kaum zurechtkommen. Nach der Umstellung könnten diese Banken demnach Schwierigkeiten haben, entsprechende Berichte richtig und rechtzeitig zu erstellen.

Technologie ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Umstellung vom IBOR auf alternative Referenzzinssätze. Es überrascht daher nicht, dass die FINMA frühzeitiges Handeln fordert. So empfiehlt die Aufsichtsbehörde, System- und Prozessveränderungen bis zum 30. Juni 2021 abzuschliessen. Vor einem Jahr bestanden die grössten Herausforderungen noch rund um die Frage, welche Systeme betroffen sein würden und wie diese Komplexität bewältigt werden könnte. Dieses Jahr gilt statt der Komplexität eher die Grössenordnung als grösstes Risiko. Rund die Hälfte der Befragten gaben gegenüber EY an, den Umfang und die Grössenordnung der Front-to-Back-Tests als hohes oder sehr hohes Risiko einzuschätzen. Vor diesem Hintergrund gilt es, schnellstens eine Strategie, eine Führung und Massnahmen festzulegen.

Die aktive Kontaktaufnahme zu Kunden betreffend die Umstellung auf alternative Referenzzinssätze erfolgt nach wie vor eher sporadisch. Die Befragung von EY zeigt, dass die Umstellung hinter den Erwartungen zurückbleibt. Gemäss dem Fahrplan der FINMA sollten die meisten Schweizer Banken inzwischen keine Neugeschäfte mehr abschliessen, die auf dem CHF- oder EUR-LIBOR basieren, nach Ende 2021 fällig werden und keine robusten Rückfallklauseln vorweisen. Dasselbe Ziel sollte möglichst auch für GBP-, JPY- oder USD-LIBOR-basierte Neugeschäfte angestrebt werden. Banken sollten in der Lage sein, Kredite zu vergeben, die nicht auf dem CHF-, EUR-, GBP-, JPY- oder USD-LIBOR basieren. Die Schweizer Banken haben positiv reagiert. So führten viele 2020 erstmals Hypotheken auf Basis des Swiss Average Rate Overnight (SARON) ein.

Überlegungen und Empfehlungen

Wie die FINMA in ihrer Aufsichtsmitteilung 10/2020 betont, ist jetzt die Zeit zum Handeln. Schweizer Banken sollten ihre Massnahmen auf drei Kernarbeitsabläufe – Technologie, aktive Kontaktaufnahme zu Kunden und Anpassung von Verträgen – fokussieren, um Ende 2021 bereit zu sein.

  • Technologie

    • Viele Banken nutzen noch veraltete Plattformen und Systemen, welche die Arbeit kaum bewältigen und deren Betrieb und Wartung teuer sind. Die IBOR-Ablösung ist eine Gelegenheit, um die digitale Agenda von Banken zu beschleunigen – um zwecks Effizienzsteigerung ganz neu zu beginnen oder Verträge zu digitalisieren.
    • Weniger als ein Drittel der befragten Institute verfügt eine voll etablierte Führungsfunktion für Programmtests. Noch weniger (18%) haben eine durchgängige (End-to-End-)Teststrategie formuliert. Dabei handelt es sich jedoch um wesentliche Erfolgsfaktoren, mit denen sich die Banken schnellstmöglich auseinandersetzen müssen.
  • Aktive Kontaktaufnahme zu Kunden

    • Die Teilnehmenden der Befragung von EY sind sich im Allgemeinen einig darüber, dass Technologie zur Steuerung des Verhaltensrisikos nützlich ist. Gleichzeitig sind sie sich der Herausforderungen bewusst, die durch mehrere CRM-Systeme entstehen. Die aktive Umstellung von Portfolios ist unserer Ansicht nach das bestmögliche Vorgehen, um die angemessene Steuerung des mit der Umstellung verbundenen Risikos zu gewährleisten.
    • Befragte mit grossen Portfolios gaben an, dass sie Dritte damit beauftragt haben, sie bei der Ausführung der Umstellung zu unterstützen. Das ist eine pragmatische, kosteneffiziente Möglichkeit, um Zeiten mit besonders hohem Arbeitsaufkommen zu bewältigen.
  • Anpassung von Verträgen

    • Schweizer Banken, die das ISDA 2020 IBOR Fallbacks Protocol noch nicht unterschrieben haben, sollten dies (in den meisten Fällen) baldmöglichst nachholen. Unternehmen, die zur Erstellung ihrer rechtlichen Übergangsdokumentation branchenübliche Vorlagen nutzen, können den Druck auf die knappen internen juristischen Ressourcen mindern.
    • Unternehmen könnten darüber hinaus interne Rechtsanwälte zur Unterstützung bei der hohen Arbeitsbelastung durch die Due Diligence heranziehen, zumindest in dieser intensiven Phase der Umstellung.

Fazit

Viele Banken befinden sich 2021 nach einer langen Vorbereitungsphase für die IBOR-Ablösung endlich auf der Zielgeraden. Bei neuen Produkten werden mittlerweile schon alternative Referenzzinssätze eingeführt. Trotzdem bleibt noch viel zu tun. Unter allen Arbeitsabläufen scheint bei der IBOR-Ablösung am meisten von der technologischen Umsetzung abzuhängen. Sie betrifft Bereiche von der aktiven Kontaktaufnahme zu Kunden betreffend die Umstellung auf alternative Referenzzinssätze bis hin zu Kernbankensystemen. Bei der Befragung von IBOR-Programmverantwortlichen stellte EY fest, dass die Hälfte der Banken das Risiko, das durch den Umfang und die Grössenordnung der erforderlichen Front-to-Back-Tests entsteht, als hoch oder sehr hoch einschätzt. Deshalb ist eine starke Programmführung notwendig, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten.

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Von Eveline Hunziker

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