Ein Porträtfoto von Daniel Koch
Eine positive Einstellung ist in einer Krise entscheidend.

Daniel Koch

Daniel Koch ist für einige besser bekannt als «Mister Corona». Ein Name, der für die Schweiz während der COVID-19-Pandemie zur Marke wurde. Vor seiner Tätigkeit als Spitzenbeamter war Daniel Koch weltweit über 14 Jahre lang als praktizierender Arzt im Einsatz. Nach einem Aufenthalt in einem Andenspital in Peru engagierte er sich beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), zunächst in Südamerika, dann in den Bürgerkriegen von Sierra Leone, Uganda und Ruanda und später in Südafrika. 2002 wechselte er in das Bundesamt für Gesundheit. Als Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten war er für unterschiedliche Ressorts und namentlich in der Pandemiebewältigung tätig. Zuletzt als COVID-19-Delegierter des Bundesrates. Heute berät Daniel Koch Unternehmen und Vereine im Bereich Krisenmanagement und Krisenkommunikation.

7 Minuten Lesezeit
01 Juli 2021

Als ehemaliger Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) wurde Daniel Koch zum Gesicht der Schweiz im Kampf gegen das Coronavirus. Heute ist der Arzt als selbstständiger Berater für Krisenmanagement und Krisenkommunikation tätig. Wie er das letzte Jahr beurteilt, worauf es jetzt ankommt und was er persönlich von der Krise mitnimmt, verrät er im Gespräch. 
Herr Koch, wie geht es Ihnen heute ohne den Job an der Krisenfront beim BAG?

Es geht mir sehr gut, vielen Dank. Ich bin nach wie vor viel beschäftigt und darf weiterhin mit Ratschlägen zur Krise helfen – heute einfach in einer anderen Rolle. Meine neue Funktion gefällt mir. Es gibt viele Anfragen aus dem Sportbereich und ich unterstütze Unternehmen mit konkreten Beratungen im Krisenmanagement. Zudem kommen auch immer wieder Anfragen für Reden oder zur Einschätzung der aktuellen Lage.

Welche Erkenntnisse aus der aktuellen Situation geben Sie Unternehmen für ein erfolgreiches Krisenmanagement mit?

Im Hinblick auf das Krisenmanagement hat die Coronakrise deutlich gemacht, was eigentlich schon vorher bekannt war. In einer Krise soll jene Führungsperson führen, die auch im Normalfall führt. Man kann das Krisenmanagement nicht delegieren. Das gilt für jedes Land und für jedes Unternehmen. Keine Direktion kann sagen, in der Krise haben wir dann den Krisenmanager, der alles schaukelt. Das funktioniert nicht. Genau dann müssen die Verantwortlichen hinstehen. Eine weitere wichtige Lehre: Auf eine Krise kann man nie vollständig vorbereitet sein. Allein technisch ist das unmöglich. Sonst wäre es ja keine Krise, sondern einfach ein Notfall, den man abhandelt. Eine Krisenvorbereitung soll deshalb nicht auf Materialien oder Ressourcen, sondern auf dem richtigen – einem positiven – Mindset basieren. Sich auf Worst-Case-Szenarien zu konzentrieren, finde ich sehr schädlich. Eine solche Haltung schürt Angst. Und Angst ist gefährlich. Irgendwann schlägt diese in Frustration und Aggression um. Das gilt für jede Krise. 

In einer Krise soll jene Führungsperson führen, die auch im Normalfall führt. Man kann das Krisenmanagement nicht delegieren.
Daniel Koch
Arzt und ehemaliger Corona-Delegierter des Bundes
Wie beurteilen Sie die Krisenbewältigung der Schweiz?

Ich glaube, der Schweizer Weg hat zu einem grossen Teil gut funktioniert. Immer zu versuchen, nicht nur den schlimmsten Fall vor Augen zu haben, sondern zu schauen, was noch möglich ist, entspricht der Schweizer Bevölkerung. Auch war und ist es wichtig, die Bevölkerung auf den Weg mitzunehmen und stets zu informieren. In unserer Kultur funktioniert das besser als Verbote und drastische Massnahmen. Aber klar, es sind auch Fehler passiert. Wenn man international die Übersterblichkeit der zweiten Welle betrachtet, schneidet die Schweiz nicht gut ab. Welche Fehler wieso passiert sind, muss noch im Detail analysiert werden. 

Immer zu versuchen, nicht nur den schlimmsten Fall vor Augen zu haben, sondern zu schauen, was noch möglich ist, entspricht der Schweizer Bevölkerung.
Daniel Koch
Arzt und ehemaliger Corona-Delegierter des Bundes
Haben Sie Verständnis für die teilweise sehr harte Kritik?

Absolut. Man muss sehen, jeder erlebt die Krise aus dem eigenen Blickwinkel und aus dem eigenen Umfeld. Und wenn man sein Lebenswerk in Gefahr sieht, dann sucht man natürlich auch nach Schuldigen. Man sucht nach Möglichkeiten, um damit umzugehen. Dabei entsteht sehr viel Frust. Hinzu kommt das ganze Leid. Gerade deshalb war es so wichtig, dass der Bundesrat von Anfang an nicht nur die gesundheitlichen Aspekte berücksichtigt hat, sondern auch mit finanziellen und unterstützenden Massnahmen versucht hat, die Krise abzuschwächen. Auf der einen Seite gilt es die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Auf der anderen Seite ist eine Gesellschaft ohne funktionierende Wirtschaft nicht gesund. Hier die richtige Balance zu finden, ist sehr schwierig.

Auf der einen Seite gilt es die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Auf der anderen Seite ist eine Gesellschaft ohne funktionierende Wirtschaft nicht gesund. Hier die richtige Balance zu finden, ist sehr schwierig.
Daniel Koch
Arzt und ehemaliger Corona-Delegierter des Bundes
Worin sehen Sie momentan die grösste Herausforderung?

Momentan beschäftigt uns vor allem das Ende der Pandemie. Irgendwann wird sie enden. Es wird weltweit ein Zurückfahren der Massnahmen geben. Und genau hier sehe ich eine grosse Herausforderung: Wie werden die Kontinente wieder miteinander umgehen? Wie wird sich das Verhältnis zwischen den Ländern wieder normalisieren? Heute ist der Reiseverkehr, mit Ausnahme des Warenverkehrs, immer noch stark reduziert und eingeschränkt. Blickt man auf die Zeit vor der Pandemie zurück, stellt sich schon die Frage, wie sich das alles wieder einpendeln wird.

Wie sieht für Sie diese neue Realität aus?

Unabhängig von einer Pandemie, die Zeit ändert sich immer. Und es ist nie so wie früher. Wir leben nicht so wie unsere Grosseltern und unsere Grosskinder werden nicht so leben wie wir. Es wird sicher etwas aus dieser Pandemie bleiben. Das Ereignis war zu gross, zu stark und zu einschneidend, als dass man es einfach ausblenden könnte. Was genau und wie viel davon? Das ist schwierig zu sagen. Es wird eine Normalität sein, an der sich niemand stören und über die niemand gross diskutieren wird. Sie wird dann einfach normal sein, wie sie ist. Wichtig wird sein, dass wir unsere Werte auch weiterhin behalten. Zu unserer Gesundheit müssen wir Sorge tragen, unsere Freiheiten, den Respekt und die Solidarität bewahren und sie nicht gewissen autoritären Tendenzen opfern. 

Es wird eine Normalität sein, an der sich niemand stören und über die niemand gross diskutieren wird. Sie wird dann einfach normal sein, wie sie ist.
Daniel Koch
Arzt und ehemaliger Corona-Delegierter des Bundes
Man sagt gerne, in jeder Krise steckt auch eine Chance. Wo sehen Sie diese?

Ich bin nicht so sicher, ob das wirklich stimmt. Das Beste ist natürlich, wenn man keine Krise hat – ganz einfach. Wenn wir ohne Covid-19 weitergelebt hätten, wäre es uns weltweit sicherlich besser gegangen. Ich wehre mich deshalb immer ein bisschen zu denken, man braucht eine Krise, um neue Chancen zu entdecken. Ich sehe das eher so: Wenn man eine Krise hat, dann gilt es zu schauen, wie man diese mit den kleinsten Schäden überstehen beziehungsweise sich anpassen kann. Flexibilität ist dafür zwingend erforderlich. Die Chance sehe ich deshalb in der Erkenntnis, mit Flexibilität vieles zu erreichen und voneinander zu lernen. 

Wenn man eine Krise hat, dann gilt es zu schauen, wie man diese mit den kleinsten Schäden überstehen beziehungsweise sich anpassen kann.
Daniel Koch
Arzt und ehemaliger Corona-Delegierter des Bundes
Eine Krise fordert einen Tag und Nacht. Woher nehmen Sie Ihre Kraft, Ihre Ruhe?

Meine Erfahrung hilft mir bestimmt. Und wahrscheinlich ist auch meine Natur so, dass ich nicht gerade zu den ängstlichen Personen gehöre. Angst ist etwas, dass sehr lähmend wirkt. Zudem habe ich das Glück, sehr gut zu schlafen. Auf genügend Schlaf achte ich immer sehr.

Was ist für Sie persönlich die wichtigste Lehre aus dieser Krise?

Für mich nehme ich mit, noch vorsichtiger und noch positiver in der Kommunikation zu sein. Gerade Fachleute haben die Tendenz, zu negativ zu kommunizieren. Es ist extrem wichtig, den Leuten die Wahrheit zu sagen, aber immer in einer Art und Weise, dass sie auch mitmachen können. Fühlen sie sich unter Zwang, ist die Motivation sehr schnell weg. Eine positive Kommunikation ist deshalb umso wichtiger, selbst wenn die Situation nicht so rosig aussieht. Rückblickend hätte ich persönlich in dieser Hinsicht mehr machen können. 

Für mich nehme ich mit, noch vorsichtiger und positiver in der Kommunikation zu sein.
Daniel Koch
Arzt und ehemaliger Corona-Delegierter des Bundes
Und zum Schluss: Wie fassen Sie das letzte Jahr zusammen?

Ich glaube, das letzte Jahr war für alle eine grosse Herausforderung. Nicht nur für die Behörden, sondern vor allem auch für die Bevölkerung. Es gab viel Leid und viel Angst, aber auch viel Solidarität und viel Zusammenhalt. Ich hoffe sehr, dass man einige der positiven Aspekte in die Zukunft mitnehmen und entstandene Lücken wieder schliessen und verbessern kann. 

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Wie beurteilen Sie die Krisenbewältigung der Schweiz?

Ich glaube, der Schweizer Weg hat zu einem grossen Teil gut funktioniert. Immer zu versuchen, nicht nur den schlimmsten Fall vor Augen zu haben, sondern zu schauen, was noch möglich ist, entspricht der Schweizer Bevölkerung. Auch war und ist es wichtig, die Bevölkerung auf den Weg mitzunehmen und stets zu informieren. In unserer Kultur funktioniert das besser als Verbote und drastische Massnahmen. Aber klar, es sind auch Fehler passiert. Wenn man international die Übersterblichkeit der zweiten Welle betrachtet, schneidet die Schweiz nicht gut ab. Welche Fehler wieso passiert sind, muss noch im Detail analysiert werden.