Ein Porträtfoto von Fabiano Piccinno
Die Krise hat gezeigt: Von einem Tag auf den anderen kann sich alles ändern.

Fabiano Piccinno 

Nach seinem Studium der Wirtschaftschemie an der Universität Zürich schloss sich Dr. Fabiano Piccinno der Empa an. An der eidgenössischen Materialprüfungsanstalt arbeitete er an einem europäischen Forschungsprojekt zur Herstellung neuartiger Hightech-Fasern, die aus pflanzlichen Lebensmittelabfällen gewonnen werden. Daneben promovierte er zum Thema Nachhaltigkeitsbewertung von neuen Materialien und entwickelte dafür neue Methoden. Über einen Zwischenstopp bei der ETH und der kurzzeitigen Rückkehr zur Empa als Postdoc kam Dr. Fabiano Piccinno 2018 ins Nachhaltigkeitsteam der SBB. Dort war er verantwortlich für Themen wie die Klimastrategie, die Ökobilanzierung und das Konzernziel bezüglich ökologischer Nachhaltigkeit. Seit diesem Jahr fungiert er hauptsächlich als Leiter des neu gegründeten Kompetenzzentrums Circular Economy. 

Das Metier von Dr. Fabiano Piccinno ist die Nachhaltigkeit. Seine fundierte Erfahrung bringt er seit dreieinhalb Jahren bei der SBB ein. Im Gespräch mit uns erklärt er, wie die Circular Economy funktioniert, wie die SBB ihre Klimastrategie umsetzen will und was ihn die Krise gelehrt hat.
Wie sieht Ihre Tätigkeit bei der SBB aus?

In meiner beruflichen Tätigkeit dreht sich alles um das Thema Sustainability. Zu Beginn lag der Fokus meines Engagements in der Betreuung und Entwicklung unseres Konzernzieles bezüglich Nachhaltigkeit, um den Umweltvorteil gegenüber der Strasse zu halten. Ausserdem versuchen wir beispielsweise im Rahmen unserer Klimastrategie die betrieblichen Emissionen zu reduzieren, um mit dem 1,5-Grad-Ziel gemäss Pariser Abkommen kongruent zu sein. Seit diesem Jahr leite ich unser neu ins Leben gerufene Kompetenzzentrum Circular Economy. Mit dieser Einrichtung wollen wir helfen, zahlreiche Projekte innovationsorientiert umzusetzen, unseren ökologischen Fussabdruck zu verringern wie auch ökonomische Vorteile zu erzielen.

Erzählen Sie uns mehr über die Klimastrategie der SBB: Wie wollen Sie die gesetzten Ziele erreichen?   

Wir wollen ab 2030 klimaneutral sein. Dies beinhaltet die Einhaltung des 1,5-Grad-Zieles des Pariser Abkommens und damit die Reduzierung unserer CO2-Emissionen gemäss Vorgaben der «Science based targets»-Initiative. Wir haben uns vorgenommen, die effektiven Emissionen der SBB bis 2030 zu halbieren. Um diese ambitionierten Ziele zu erreichen, haben wir verschiedenste Massnahmen beschlossen. Ein Beispiel: Alle Gebäudeheizungen der SBB sollen ab 2030 mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Die Heizungen, die heute noch auf Heizöl- oder Gas-Basis laufen, ersetzen wir durch Wärmepumpen oder mit Pelletheizungen. Ausserdem wollen wir umweltschädliche technische Gase, wie sie beispielsweise in Klimaanlagen heute noch zur Anwendung kommen, durch klimafreundliche Alternativen ersetzen. Und 2030 ist unsere Aufgabe natürlich noch nicht zu Ende. Bis 2040 sollen die Emissionen um 92 % reduziert werden. Ab 2030 werden wir zusätzlich die noch übrigen Emissionen kompensieren. Der Plan sieht vor, mit dem sogenannten Carbon Insetting Projekte innerhalb unserer eigenen Lieferketten zu lancieren. Dadurch verringern wir nicht nur die Treibhausgasmissionen unserer Partner, sondern auch die indirekten Emissionen der SBB selbst. 

Alle Gebäudeheizungen der SBB sollen ab 2030 mit erneuerbaren Energien versorgt werden.
Fabiano Piccinno
Leiter Circular Economy Center of Competence, SBB
Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrem neuen Kompetenzzentrum Circular Economy?

Das Kompetenzzentrum Circular Economy initiiert, motiviert und bringt die Idee der Kreislaufwirtschaft in die Breite und Tiefe unseres Unternehmens. Dafür haben wir ein crossfunktionales Team zusammengestellt. Dessen 13 Mitarbeitenden kommen aus den verschiedensten Divisionen der SBB, wie Infrastruktur, Immobilien oder Personen- und Güterverkehr. Die einzelnen Projekte setzen wir zusammen mit den Business Units um. Da die Circular Economy für viele noch etwas verhältnismässig Neues ist, liegt es an uns, dieses Prinzip im Unternehmen zu etablieren.  

Das Kompetenzzentrum Circular Economy initiiert, motiviert und bringt die Idee der Kreislaufwirtschaft in die Breite und Tiefe unseres Unternehmens.
Fabiano Piccinno
Leiter Circular Economy Center of Competence, SBB
Können Sie uns anhand eines konkreten Projektes erklären, wie die Circular Economy funktioniert und welche Vorteile sie mit sich bringt?

Ein gutes Beispiel sind Fahrleitungsmasten, die entlang der Zugstrecke stehen. Diese Masten haben eine Lebensdauer von rund 30 bis 40 Jahren. Im Normalfall werden sie nach ihrer Betriebszeit abgebaut und ins Recycling gegeben. Nun haben wir uns überlegt, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, diese Oberleitungsmasten intern aufzubereiten. Ohne sie einschmelzen und recyceln zu müssen, können wir die Fahrleitungsmasten nach ihrer Lebensdauer heute – dank dem Modell der Kreislaufwirtschaft – aufbereiten und erneut für rund 30 bis 40 Jahre einsetzen und sie somit im Kreislauf behalten. Eine gründliche Öko- und Kostenbilanz hat ausserdem aufgezeigt: Durch die interne Aufbereitung anstelle des klassischen Recyclings sparen wir 80 % der Umweltbelastung sowie des CO2-Ausstosses ein. Und wie es so oft bei der Circular Economy der Fall ist, bietet sie nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen ökonomischen Vorteil – wir konnten unsere Kosten um ca. 20 % reduzieren. Ich möchte an dieser Stelle noch betonen, dass die SBB mit ungefähr 77 Millionen Tonnen eine ganze Menge an Material im Umlauf hat. Dazu gehören die ganze Infrastruktur, die Fahrzeuge, Büromöbel und vieles mehr. Es kann nicht die Lösung sein, das alles einfach zu entsorgen. Auch deshalb ist die Circular Economy der richtige Ansatz, um eine nachhaltige Veränderung herbeizuführen. 

Und wie es so oft bei der Circular Economy der Fall ist, bietet sie nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen ökonomischen Vorteil – wir konnten unsere Kosten um ca. 20 % reduzieren.
Fabiano Piccinno
Leiter Circular Economy Center of Competence, SBB
Wie hat die Covid-19-Pandemie Ihr Kompetenzzentrum beeinflusst und welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der Krise?  

Ich persönlich sehe die Situation rund um Covid-19 als Chance für unser Anliegen. Die Themenbereiche Ökologie und Ökonomie haben während Corona nichts von ihrer Bedeutung verloren, ganz im Gegenteil. Die Krise hat gezeigt: Von einem Tag auf den anderen kann sich alles ändern. Genau an diesem Punkt offenbart sich, wie hilfreich die Circular Economy wirklich ist. Sie verbindet ökologische Nachhaltigkeit mit ökonomischer Effizienz und erhöht damit die Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Resilienz. So baut man Abhängigkeiten ab und kann besser auf herausfordernde Situationen reagieren, wie es eine Pandemie zweifellos ist. 

In Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit: Denken Sie, dass die SBB und auch die Gesellschaft durch die Corona-Krise in einem «New Normal» angekommen ist? 

Persönlich hoffe und glaube ich durchaus, dass wir diesbezüglich in einer neuen Normalität angekommen sind – sowohl die SBB als auch die Gesellschaft generell. Allerdings habe ich schon seit geraumer Zeit vor der Pandemie ein Umdenken in ökologischen Belangen festgestellt. Das Thema Nachhaltigkeit geniesst immer mehr Rückenwind aus der Gesellschaft. Damit das in Zukunft auch wirklich so bleibt, wollen wir Teil der Lösung sein und ich bin überzeugt, dass wir das mit unserem Angebot auch sein werden. Dafür setzen wir uns bewusst ambitionierte Ziele. Diese sind zwar nicht bequem zu erreichen, aber am Ende des Tages führt schlicht kein Weg an ihrer Erfüllung vorbei. In unserem Unternehmen spürt man diese Überzeugung mittlerweile über alle Ebenen hinweg. Auch in meinem persönlichen Umfeld erfahre ich immer weniger Widerstand, was Fragen der Nachhaltigkeit betrifft. 

Das Thema Nachhaltigkeit geniesst immer mehr Rückenwind aus der Gesellschaft.
Fabiano Piccinno
Leiter Circular Economy Center of Competence, SBB
Was haben Sie in der näheren Zukunft mit der SBB und Ihrem Kompetenzzentrum vor? 

Mit Blick auf die nächsten Jahre haben wir unseren Fokus auf die Umsetzung von Leuchtturm- und Pilotprojekten gesetzt. Das betrifft interne sowie externe Kreisläufe. Bei den internen Kreisläufen versuchen wir in allen Bereichen – von der Beschaffung über den Bestand bis zu End-of-Use-Cases – Projekte umzusetzen. Wir haben beispielsweise unser Entsorgungscenter, wo wir eigens versuchen, möglichst viele Wertstoffe zurückzugewinnen, oder bereiten Produkte am Ende ihrer Nutzbarkeit für eine Zweitnutzung auf. Wenn wir auf die externen Kreisläufe schauen, besteht ein Fokus darin, die Bahnhöfe zirkulärer zu gestalten. Wir lancieren aktuell zum Beispiel einen Bücherverleih und planen auch ein Mehrwegbecher-Projekt. Das SBB-Erlebnis soll für den Kunden erlebbarer gemacht werden.

Wie gestalten Sie Ihren Alltag, um möglichst nachhaltig zu leben? 

Ich habe beispielsweise nie ein Auto besessen und bin immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Zusätzlich ernähre ich mich ausschliesslich pflanzenbasiert und achte bei Lebensmitteln auf die Verpackung. Ich bin allerdings bestimmt nicht perfekt und es geht auch nicht darum, den Menschen alles zu verbieten. Dies wird meines Erachtens nicht funktionieren für die breite Bevölkerung und so lösen wir auch die Probleme nicht, wir verlangsamen sie höchstens. Hier ist ein anderes Denken erforderlich. Um zum Schluss noch einmal den Bogen zur Circular Economy zu spannen: Sie tut genau das. Sie zeigt eine andere Herangehensweise auf und schafft ein System, in dem es keine negativen Externalitäten gibt. Dadurch ist auch Wachstum möglich und sinnvoll. Wichtig ist, dass man das Prinzip den Menschen einfach und verständlich erklärt. Wenn man das schafft, erzielt man einen Aha-Effekt beim Empfänger und die immensen Vorteile der Kreislaufwirtschaft offenbaren sich.

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