Ein Porträtfoto von René Estermann
Krisen müssen top-down gemanagt werden.

René Estermann

Während seines Studiums der Agrarökonomie an der ETH Zürich gründete René Estermann sein eigenes erstes Unternehmen im Abfall- und Entsorgungsbereich, welches er mehr als 15 Jahre führte. Anschliessend war er als CEO im Aufbau und in der Führung der Stiftung myclimate und zahlreicher Tochterfirmen national und global über 12 Jahre lang im Klimaschutz tätig. Nach einem kurzen Abstecher zu South Pole, den myclimate-Gründern, wechselte er in die Verwaltung der Stadt Zürich, wo er seit August 2020 als Direktor des Umwelt- und Gesundheitsschutzes (UGZ) fungiert und in dieser Dienstabteilung 180 Mitarbeitende führt. 

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René Estermann ist Direktor des Umwelt- und Gesundheitsschutzes der Stadt Zürich (UGZ) und setzt sich für eine hohe Lebens-, Gesundheits- und Umweltqualität in der grössten Stadt der Schweiz ein. Im Gespräch stellt er die Aufgabenfelder seiner Dienstabteilung dar, berichtet von der neuen Normalität beim UGZ und erklärt, welche Lehren er aus Corona für eine zukünftige Krisenlage zieht. 
In welchen Bereichen leisten Sie als UGZ einen Beitrag für mehr Nachhaltigkeit in Zürich?

Wir tragen eine grosse Verantwortung im Setzen von Rahmenbedingungen und deren Vollzug. Dazu gehören die Instrumente, die wir als öffentliche Hand zur Verfügung haben, wie gesetzliche Regulierungen oder wirtschaftliche Anreizsysteme. Hinzu kommen die Kommunikation, Information und Beratung gegenüber unseren Stakeholdern. Wir zeigen der Öffentlichkeit, Unternehmen, aber auch unseren eigenen Organen auf, was sie bewegen können und unterstützen sie dabei, die richtigen Entscheidungen im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit zu treffen. In den letzten Jahren hat sich das Thema Nachhaltigkeit aus einem Nischendasein zum Massentrend entwickelt. Es ist nicht mehr wegzudenken aus den Agenden der Unternehmen und auch nicht aus dem Bewusstsein der Bevölkerung. Das ermöglicht es uns in der Verwaltung, die grossen Hebel in Bewegung zu setzen. 

Können Sie die Arbeitsschwerpunkte des UGZ etwas genauer erläutern?  

Zu unseren Hauptthemen gehören der Klimaschutz, der Lärmschutz, die Kreislaufwirtschaft sowie Vollzugsaufgaben. Beim Lärmschutz sprechen wir von Verkehrslärm und Alltagslärm. Das ist ein sehr grosses Thema. Fast ein Drittel der Stadtzürcher Bevölkerung leidet unter Überschreitung der Lärmschutzwerte. Für sie braucht es Sanierungen an der Lärmquelle, dem Strassenverkehr. In Bezug auf die Kreislaufwirtschaft entwickeln wir aktuell eine Strategie für den effizientesten Umgang mit den knappen Ressourcen. Und im Bereich Vollzug handelt es sich um jene Aufgaben, die uns tagtäglich betreffen, wie zum Beispiel alles rund um das Stichwort Bauen. Die Bauaktivitäten haben zuletzt massiv zugenommen. Das führt auch bei uns dazu, dass wir mehr Baueingaben im Hinblick auf energieeffizientes Bauen oder den Gesundheitsschutz prüfen. Nachdem wir in Zürich bereits 2020 ein Allzeithoch hatten, sind die Aktivitäten in diesem Jahr noch einmal um 20 Prozent gestiegen. Hier ist neben Faktoren wie den günstigen Zinsen und der Standortattraktivität unserer Stadt auch der Einfluss von Corona spürbar.

In den letzten Jahren hat sich das Thema Nachhaltigkeit aus einem Nischendasein zum Massentrend entwickelt.
René Estermann
Direktor des Umwelt- und Gesundheitsschutzes (UGZ)
Bei welchen Themengebieten und Vollzugsaufgaben haben Sie sonst noch einen Corona-Effekt gespürt? 

Aufgrund geänderter Bedürfnisse während der Krise bewiesen wir unsere Agilität, indem wir die ZüriWC schlossen und dafür mobile WC-Anlagen, sogenannte Kompotoi, aufstellten. Auch bei der Schädlingsberatungsstelle, ein Fachbereich des UGZ, spürte man einen Corona-Effekt: Im Jahre 2020 gab es praktisch keine Tigermücken in Zürich. Normalerweise bringen Reisende mit dem Bus aus südlichen Ländern diese kleinen Tierchen in die Stadt. Weil coronabedingt die Busse ausfielen, sind uns letztes Jahr auch die Tigermücken ferngeblieben. Und natürlich waren die Belastungen durch den Verkehrslärm aufgrund des reduzierten Verkehrsflusses gerade während des Lockdowns deutlich geringer. Dementsprechend haben auch die schädlichen Emissionen während Covid abgenommen. Der Alltagslärm hat während der Krise allerdings zugenommen. 

Fast ein Drittel der Stadtzürcher Bevölkerung leidet unter Überschreitung der Lärmschutzwerte. Für sie braucht es Sanierungen an der Lärmquelle, dem Strassenverkehr.
René Estermann
Direktor des Umwelt- und Gesundheitsschutzes (UGZ)
Welche Veränderungen hat die Covid-Krise in Ihrer Organisation sowie in der Gesellschaft als Ganzes angestossen?

In der Stadtverwaltung hat es dank Corona einen Digitalisierungsschub gegeben. Alle Mitarbeitenden unserer Dienstabteilung haben jetzt einen Laptop. Zuvor hatten wir noch fixe Arbeitsplätze. Auch die notwendige Software für ein mobiles und digitales Arbeiten wurde beschafft. Ausserdem ist durch die Krise der Druck auf den öffentlichen Raum grösser geworden. Der Aspekt Lebensqualität sowie die Ansprüche der Menschen an ihren Lebensraum sind gestiegen, da sie mehr Zeit zu Hause in der Stadt verbringen. Das hat neben den Ansprüchen auch die Sensibilität der Bevölkerung für unsere Anliegen, wie eben zum Beispiel Lärm- und Klimaschutz, erhöht und gibt uns einen Ansporn, unsere Ziele möglichst schnell zu realisieren. Diesen Druck spüren wir nicht nur von der Öffentlichkeit, sondern auch von anderen Seiten. Ich denke da beispielsweise an die Gastronomiebetriebe, die seit Covid dank Ausnahmeregelungen der Stadt deutlich mehr Flächen im öffentlichen Raum belegen dürfen und für eine Belebung in Zürich sorgen. Zurzeit laufen Diskussionen, inwiefern diese Mehrräume auch zukünftig von den Gastronomieunternehmen betrieben werden können.

Ein weiterer positiver Corona-Effekt für den UGZ genauso wie für die Gesellschaft ist das heutige Wissen, dass wir Krisen mit den entsprechenden Massnahmen bewältigen können. Das Bewusstsein der Anpassungsfähigkeit ist ebenso gestiegen. Man meint gerne, Veränderungen sind nur langsam zu realisieren. Covid hat aber gezeigt: Krisen führen tiefgreifende Veränderungen schnell herbei. Es ist übrigens meine feste Überzeugung, dass wir auch in der Klimafrage deutlich rascher handeln könnten, als wir es meinen. 

Krisen führen tiefgreifende Veränderungen schnell herbei.
René Estermann
Direktor des Umwelt- und Gesundheitsschutzes (UGZ)
Denken Sie, dieses digitale Arbeiten stellt für Ihre Verwaltung ein «New Normal» dar?

Definitiv. Auch das Homeoffice hat sich bei uns stark verbreitet. Selbst in der jetzigen Phase der Normalisierung arbeiten noch deutlich weniger Mitarbeitende vor Ort im Büro als vor der Krise und das wird auch in Zukunft ähnlich aussehen. Ich persönlich habe das Arbeiten von Zuhause aus sehr schätzen gelernt. Viele Meetings, für die ich früher quer durch die Stadt hetzen musste, kann ich heute im «neuen Normal» digital abhalten. So arbeite ich deutlich effizienter, spare Zeit und es führt auch zu weniger Stress. Nichtsdestotrotz braucht es natürlich das reelle Zusammenkommen und das ist auch gut so. Die Kunst liegt darin, einen guten Mittelweg zu finden, ein hybrides Arbeiten sozusagen. Ein positiver Effekt dieses Trends ist, dass wir deswegen weniger Arbeitsmobilität haben und somit unseren ökologischen Fussabdruck reduzieren. Auf längere Sicht kann ich mir durchaus vorstellen, die benötigten Büroräumlichkeiten zu reduzieren und damit Flächen für andere Nutzungen wie Geschäfte oder Wohnungen freizuschaufeln, die in unserer Stadt knapp sind. 

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Covid-Krise und wie könnte man Ihrer Meinung nach eine zukünftige Krisensituation besser bewältigen?

Ich hoffe auf noch mehr Entscheidungsfreude und -mut. Wir haben in dieser herausfordernden Zeit gelernt: Krisen müssen top-down gemanagt werden, nicht nach der Bottom-up-Methode. Es braucht eine Verengung der Entscheidungswege und Verantwortung darf und sollte in solch einer Ausnahmesituation übernommen respektive delegiert werden. Ich hoffe, dass die Entscheidungsträger für einen zukünftigen Krisenausbruch gelernt haben, wie wichtig es ist, eine Leaderrolle einzunehmen. Und andererseits wünsche ich mir bei Themen von dieser Tragweite ein grosszügiges Vertrauen seitens der Schweizer Bevölkerung gegenüber den Leaderinnen und Leadern. Darüber hinaus hat Corona der Gesellschaft, vor allem aber auch öffentlichen Departementen wie unserem, gezeigt, wie entscheidend Reserven und vorausschauendes Handeln sind. Das offenbart sich an Beispielen auf Stadt- wie auch auf Bundesebene. Zum Glück war das Geld nicht am Limit und es gab noch Kapazitäten, als der Bund die Härtefallmassnahmen finanzieren musste. Es ist von enormer Bedeutung, dass wir mit unseren Budgets – seien es Finanzen oder Treibhausgasemissionen – sorgfältig haushalten und dadurch beispielsweise bei einem nächsten Hochwasser weiterhin liquide und resilient sind. Wenn wir im Umwelt- und Gesundheitsschutz der Stadt Zürich nach diesem Credo handeln und die Gesellschaft genauso nachhaltig unterwegs ist, dann überstehen wir auch die nächsten Krisenfälle besser und die kommende Generation wird uns dankbar sein. 

Es ist von enormer Bedeutung, dass wir mit unseren Budgets sorgfältig haushalten, dann überstehen wir auch die nächsten Krisenfälle besser.
René Estermann
Direktor des Umwelt- und Gesundheitsschutzes (UGZ)

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