5 Minuten Lesezeit 1 März 2021
Menschen, die Plastikflaschen aufsammeln

Nachhaltiges Produktportfoliomanagement – an der Schnittstelle zwischen Kunststoff und Nachhaltigkeit

Von Thomas Pyschny

EY Global Capability Leader

Supporting clients in navigating the challenges from idea to launch to success

5 Minuten Lesezeit 1 März 2021

Nachhaltigkeit ist mehr als nur ein Modewort. Viele Konsumenten sind heute gut informiert und achten darauf, welche Produkte sie kaufen und wie diese sich auf die Umwelt auswirken.

Die meisten Marken reagieren darauf, indem sie sich dieses Anliegen selbst zu eigen machen oder aktiv Massnahmen zur Förderung von umweltfreundlichen Produkten und Nachhaltigkeit treffen.

Doch nicht nur bei den Konsumenten nimmt das Nachhaltigkeitsbewusstsein zu. So verabschiedete die Europäische Kommission 2017 einen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft. Darin ist unter anderem vorgesehen, dass bis 2030 alle Kunststoffverpackungen wiederverwendbar oder recyclingfähig sein sollen. Für Konsumgüterunternehmen in der EU wird es daher unerlässlich, internationale und länderspezifische Anforderungen einzuhalten. Zugleich müssen sie ihren eigenen strategischen Nachhaltigkeitskurs festlegen und umsetzen.

Häufig verbrauchte Konsumgüter wie Lebensmittel oder Körperpflegeprodukte haben einen erheblichen Einfluss auf die Nachhaltigkeitsbilanz von Unternehmen und die durch sie produzierte Menge an Kunststoffabfällen. Um diese Bilanz zu reduzieren und die Produkte umzugestalten, müssen die bisherigen Verpackungen durch kostenneutrale Lösungen ersetzt werden, welche die vor Ort geltenden Produkt- und Nachhaltigkeitsvorschriften einhalten.

Ihre Nachhaltigkeitsziele können Unternehmen dann besonders wirksam erfüllen, wenn sie Produkte identifizieren, bei denen einzelne Veränderungen zu einem deutlichen Rückgang ihres Gesamtverbrauchs von nicht wiederverwertbarem Kunststoff führen. Dazu müssen sie ihr Portfolio fortlaufend bewerten und neu identifizierte Materialien rasch in ihren Innovationsprozess implementieren.

Systemtransparenz, hochwertige Produktdaten und eine fortlaufende Bewertung des Portfolios werden folglich für eine erfolgreiche Transformation ausschlaggebend sein.

Beim Übergang zu einem nachhaltigen Produktportfolio müssen 2021 die folgenden wesentlichen Fragen berücksichtigt werden:

  • Wie sieht die strategische Roadmap des Unternehmens für Nachhaltigkeit aus und welche Prioritäten gelten für das Produktportfolio?
  • Wie steht es um das aktuelle und zukünftige Verhalten der Konsumenten und ihre Zahlungsbereitschaft?
  • Wie ist das Produkt verglichen mit den Spezifikationen und Preisen der Mitbewerber positioniert?
  • Wie hoch sind die operativen Kosten der Waren im Vergleich zu den strategischen Nachhaltigkeitszielen des Unternehmens?
  • Welche alternativen kostenneutralen, kreislauffähigen Recyclinglösungen stehen für das Produkt zur Verfügung?

Nachhaltiges Produktportfoliomanagement – unser Ansatz

Das Produktportfolio muss als Ganzes auf Basis der strategischen Ziele, seiner Ausgewogenheit und des maximalen Wertes bewertet werden. Bei der Verbesserung der Gesamtnachhaltigkeit eines Portfolios ist es wichtig, die verschiedenen Verpackungsarten im Verhältnis zueinander zu prüfen und die Materialien mit den deutlichsten negativen Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit der Konsumenten aufzuzeigen. Entscheidend ist, Verpackungsmaterialien zu identifizieren, die derzeit nicht recyclingfähig sind und in hohem Mass verwendet werden.

Im nächsten Schritt müssen Konsumgüterunternehmen die einzelnen Produkte daraufhin analysieren, in welchen Mengen sie produziert werden, wie viel und welche Arten von Kunststoffverpackung für sie verwendet werden, wie komplex sie sind, welche Marge sie haben und wie zufrieden die Kunden sind. Höhere Produktionsvolumen und grössere Mengen an Kunststoffverpackungen lassen für gewöhnlich auf einen höheren potenziellen Einfluss auf die Nachhaltigkeit schliessen. Hohe Margen und eine geringe Komplexität bieten mehr Flexibilität und Spielraum für Veränderungen.

Gleichzeitig dürfen unter keinen Umständen die Geschäftsanforderungen vernachlässigt werden. Bevor ein Verpackungsmaterial ersetzt wird, müssen Konsumgüterunternehmen prüfen, ob sich ein Ersatz nachhaltig beschaffen lässt, ob die Konsumenten bereit sind, eine Preiserhöhung in Kauf zu nehmen oder ob kostenneutrale Lösungen gefunden werden können. Solche Abwägungen im Vorfeld einer Portfolioanpassung ermöglichen es den Unternehmen, neue kreislauffähige Geschäftsmodelle aufzubauen.

Neben einer allgemeinen Bewertung der Gewinn- und Kostenverteilung eines Portfolios kann eine Komplexitätsanalyse einen umfassenden Überblick über die Verpackungen eines Unternehmens verschaffen. Gleichzeitig liefert sie Erkenntnisse darüber, in welchen Regionen und wie häufig sie im gesamten Portfolio eingesetzt werden, was die zugrunde liegenden Substratmaterialien sind und ob sie recyclingfähig sind.

Zusätzliche Kostensenkungen können durch Innovationsplattformen erzielt werden, mit denen Produktdesigner die Nachhaltigkeitsleistung verschiedener Prototypen oder Konzepte simulieren und vergleichen sowie entsprechende Designentscheidungen treffen können.

Ist eine Verpackung, die ersetzt werden soll, erst einmal identifiziert, bestehen mehrere Optionen zur Minderung ihrer negativen Auswirkungen:

  • Ersatz des Substratmaterials: Mehr recyclingfähige oder kompostierbare Lösungen ersetzen nicht recyclingfähige Lösungen.
  • Änderung des Designs: Durch Innovation fällt weniger Verpackungsabfall an oder Verpackungen sind für Konsumenten leichter zu rezyklieren.
  • Verbesserungen des Recyclingprozesses: Investitionen in die Recyclinginfrastruktur unterstützen den Kreislauf von Verpackungsmaterialien.
  • Neuerungen bei Substratmaterialien: Es werden neue Materialien entwickelt, die leichter zu rezyklieren oder biologisch abbaubar sind.

Problematische Einflüsse auf nachhaltiges Produktportfoliomanagement

Medienberichte über Umweltschäden, die durch Konsumgüterabfälle entstehen, haben die Erwartungen von Anlegern, Mitarbeitenden und Konsumenten im Hinblick auf die Nachhaltigkeit von Produkten verstärkt. Dennoch hält in der Branche die offene Debatte darüber an, ob Kostenneutralität das bestmögliche Szenario für ein nachhaltiges Produktportfolio ist und ob innovative Lösungen erforderlich sind, um wasserfeste Business Cases zu entwickeln.

Für nachhaltige Lösungen müssen zudem andere Umweltfaktoren berücksichtigt werden: etwa die Senkung von CO2-Emissionen, der Verbrauch von Ressourcen und die Reduktion von Lebensmittelabfällen durch verlängerte Haltbarkeit. Kunststoffe sind in dieser Hinsicht am wirksamsten und werden benötigt, um nachhaltige Verpackungslösungen zu entwickeln; daher stellen weder ihre Verringerung noch ihr Ersatz die Lösung für alle Umweltprobleme dar. Unternehmen müssen in die Entwicklung neuer Substratmaterialien, Recyclingprozesse und effizienterer Designs investieren.

Fazit

Der Übergang zu einem nachhaltigen Produktportfolio stellt eine Herausforderung dar. Vielleicht sind die Anreize dazu noch nicht gross genug, doch auf lange Sicht ist dieser Übergang unvermeidlich. Wer der Konkurrenz einen Schritt voraus sein will und seine Produktion auf nachhaltige Verpackungslösungen umstellt, verschafft sich erhebliche Vorteile in der Preisgestaltung, einen Vorsprung beim Zugang zu neuen Rohstoffen und deren Lieferanten sowie in der Anerkennung durch die Kunden.

Über diesen Artikel

Von Thomas Pyschny

EY Global Capability Leader

Supporting clients in navigating the challenges from idea to launch to success