10 Minuten Lesezeit 25 März 2019
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Vier Wege wie Versicherer von der Blockchain profitieren

Von

Shaun Crawford

EY Global Vice Chair – Industry

Driving solutions designed to reshape global markets and industry through convergence and disruption.

10 Minuten Lesezeit 25 März 2019

Versicherungsunternehmen, deren Geschäft stark auf Vertrauen basiert, haben bereits begonnen, die Blockchain für Innovationen zu nutzen.

Man kann mit dem Trend zur Digitalisierung auch regelrecht dabei zusehen, wie Technologien, Prozesse, Daten, Ressourcen und Mitarbeiter immer mehr zu einem ganzheitlichen Ökosystem verschmelzen. Für die Versicherungsbranche heißt das: Sie erlebt eine Evolution ihrer Produkte, Dienstleistungen und ihrer Infrastruktur als Antwort auf diese vernetzte Welt.  Nur wenn sie selbst Innovationen umsetzt, wird sie auch Fortschritte im Digitalbereich machen. Dazu muss sie aber auch bahnbrechende und disruptive Technologien übernehmen und umsetzen wie die Blockchain.

Willkommen zur Blockchain

Die Blockchain ist eine Art Buchhaltung oder Datenbank, die eine Abfolge vieler Transaktionen verwaltet – die aber gleichzeitig über viele einzelne Rechner verteilt sind. Sie ist eine Mehrschicht-Technologie, die das Verhalten von Konsumenten und deren Kapital in Bahnen lenkt – sie bildet es dabei als eine Abfolge von Einzelbuchungen ab.

Wie bei der traditionellen Buchführung werden die einzelnen Transaktionen („Blöcke“) dem Ledger („Kassenbuch” oder „Hauptbuch”) hinzugefügt („angekettet“). Sie können dann nicht mehr entfernt werden – so entsteht ein lückenloses Prüfprotokoll. Und jeder, der über die nötigen Rechte verfügt (ob Kunde, Versicherer, Wirtschaftsprüfer oder Aufsichtsbehörde), kann auf eine Kopie des Ledgers zugreifen und frühere Transaktionen überprüfen. Man ist dabei nicht mehr darauf angewiesen, den Teilnehmern der Original-Transaktion und ihren Angaben vertrauen zu müssen. Ein Ledger kann dabei öffentlich oder privat sein, je nach den Anforderungen desjenigen, der ihn bereitstellt.

Was bedeutet die Blockchain-Technologie für Versicherungsgesellschaften?

Versicherungsunternehmen, die das Vertrauen als Geschäftsgrundlage sehen, setzen vermehrt auf innovative Blockchain-Technologien, sie versprechen sich davon nämlich langfristige strategische Vorteile:

  • Der Zugriff auf sichere dezentrale Transaktionen – durch den Zugriff auf einen gemeinsamen Ledger mit sicherem Prüfprotokoll – bietet eine bessere Basis und schafft: mehr Rechtssicherheit, eine bessere Steuerung von Unternehmensprozessen, bessere Betrugsprävention, bessere Finanzdaten und Finanzberichterstattung.
  • Treten Veränderungen ein, wird das genau und zeitnah mitgeteilt. So lässt sich das Risikomanagement besser steuern, ebenso wie der Kapitalbereich. Es hilft aber auch, Big-Data-Strategien besser einzusetzen, die schließlich darauf basieren, dass mehr und bessere Daten verfügbar sind – über die Vermögensgegenstände der Kunden, deren Prioritäten, Präferenzen sowie über die Informationen von Dritten.
  • Mit Blockchain lässt sich ein Ökosystem aus vertrauenswürdigen Drittanbietern aufbauen. Das senkt die Kosten für überspannende Plattformen, verbessert die eigene Kunden- und Marktreichweite und so lassen sich neue Angebote entwickeln.
  • Neue Möglichkeiten der Unternehmensführung entstehen durch den besseren Datenzugriff, Dritte können besser als zusätzliche Kontrollinstanz wirken, und das Risikomanagement für die eigenen Produkte und Dienstleistungen wird besser, einschließlich der Services zur Widerstandsfähigkeit und Cyberversicherungen.

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Neue Möglichkeiten für Versicherungsanbieter

Der Versicherungsbranche eröffnet dies in vier Bereichen neue Möglichkeiten:

  • 1. Betrugserkennung und Risikoprävention

    • Die Blockchain hat das Potenzial, Fehler und Fahrlässigkeiten zu erkennen und Betrug aufzudecken. Sie legt ein dezentrales, digitales Archiv an (einschließlich einer lückenlosen Transaktionshistorie), mit dem sich Kunden, Policen und Forderungen von unabhängiger Stelle verifizieren lassen.
    • Viele Versicherer prüfen zurzeit, ob die Blockchain Betrugs- und Haftungsfälle reduzieren kann bei sofortigen grenzüberschreitenden Auszahlungen in unterschiedlichen Währungen.
    • Wenn alle Transaktionen in einem unabhängigen Verzeichnis gespeichert werden, ließen sich Betrugsserien wie bei der US-Krankenversicherung Medicare künftig unterbinden.
    • Auch am Markt für Spezial- und Rückversicherungen sind Unwirtschaftlichkeit, Informationslücken und Fehler häufig auf die schlechte Datenqualität im Kundenservice und der Verwaltung zurückzuführen.
  • 2. Digitales Schadenmanagement

    Mobile und digitale Technologien werden künftig die erste Wahl sein, wenn es um besseres und effektives Schadenmanagement geht und um bessere Kundenservice-Lösungen. Aber nur, wenn gleichzeitig bestimmte Kontrollmaßnahmen eingeführt werden:

    • Kameras von Mobiltelefonen werden genutzt, um den Datenfluss zu beschleunigen, die Kosten der Schadenregulierer zu senken und die Kundenzufriedenheit zu steigern.
    • Mobile Technologien werden eingesetzt in Kombination mit Satellitenbildern, um bei Naturkatastrophen schnell Rettungsmaßnahmen einzuleiten und Schäden regulieren zu können, auch in abgelegenen Gebieten. Von Wetterstationen werden große Datenmengen bezogen, um Forderungen und Zahlungen anhand der tatsächlichen Wetterdaten abzuschätzen.
    • So entfällt auch die nachträgliche Schadensregulierung für landwirtschaftliche oder kommerzielle Betriebe, die Schäden bisher abhängig von der Genauigkeit der Messdaten bezahlte.
    • Historische und korrekte Transaktionsdaten von Dritten werden bereitgestellt. Daraus lassen sich vorausschauende Trendanalysen erstellen.
  • 3. Neuer Vertrieb und großer Umbruch

    • Führende globale Versicherer gehen derzeit Kooperationen mit Zahlungsanbietern ein, sie wollen ihre Effizienz steigern und ihr Netzwerk vergrößern, indem sie die Blockchain und einheitliche globale Ledger nutzen.
    • Die Blockchain-Technologie stellt die Verlässlichkeit der Daten sicher, so können Entscheidungen schneller und sicherer getroffen werden.
    • Vor allem Kraftfahrzeugversicherungen generieren große Mengen an Daten und Cross-Selling-Möglichkeiten. Vernetzte Blackbox- und Mobilgeräte kommunizieren mit GPS-Geräten, so lassen sich Versicherungsprämien besser anhand der Nutzungsdaten kalkulieren (Usage Based Insurance, UBI).
    • Auch bei Mikroversicherungen und Mikrofinanzierungen bereitet die Blockchain den Boden für Innovationen.
    • Mithilfe der Blockchain-Technologie entwickeln die Versicherer derzeit Mobile-Wallet-Konzepte, die auf das eigene Angebot beschränkt sind. Das ermöglicht eine flächendeckende und langfristige Kundenbindung und die Produkte können besser auf die Benutzer zugeschnitten werden. Der Standort des Kunden spielt künftig weniger eine Rolle.
    • Durch die Nutzung von Big Data können sich die Versicherer besser darauf konzentrieren, welche spezifischen und verlässlichen Daten zum Kundenverhalten vorliegen. So können sie auch ihre Mittel für Forschung und Entwicklung gezielter einsetzen.
  • 4. Cyberhaftung – neue Produkte

    Die Blockchain stattet Sicherheitsexperten mit einer Echtzeit-Kompetenz aus. Denn bei ihr geht es um die Verlässlichkeit der Daten, die im Netzwerk vorliegen. Ebenso kann die Konfiguration der Datenpunkte, Switches, Router, Ereignisprotokolle und Binärdaten – also der Status des Netzwerks – unabhängig und in Echtzeit geprüft werden.

    Das bedeutet, dass in den Policen für Cyberlösungen bei den Gewährleistungen zum Blockchain-Standard ähnliche Formulierungen enthalten sein werden, wie in Non-Life-Policen zur physischen Sicherheit.

Weitere Aspekte

Mit jeder neuen Technologie oder Innovation gehen immer auch Bedenken einher, was die Skalierbarkeit betrifft, die Umsetzbarkeit, die konkrete Einbindung in bestehende Geschäfte und Steuerungs-Strukturen.

Besonders sorgen sich die Aufsichtsbehörden dabei in der Regel um folgende Punkte:
  • Kritische Infrastruktursysteme sind noch nicht ausgereift, und auch nach jahrelangen M&A-Aktivitäten sind immer noch Altsysteme im Einsatz.
  • Es ist ein hoher Reifegrad nötig, beim Know-how, den Systemen und gemeinsamen Dienstleistungen, um Unternehmen und Kunden vor Datendiebstahl und unbefugtem Eindringen in Netzwerke zu schützen (einschließlich des Einschleusens von Trojanern). Das stellt ein hohes Risiko dar.
  • Standardisierte Prozesse, Methoden und Verfahren werden erst allmählich eingesetzt, um Kontrollmechanismen vor und nach einem Schaden zu unterstützen.
Die wichtigsten Aspekte für Versicherer:
  • Die Technologie muss skalierbar sein und sich operativ ins laufende Geschäft integrieren lassen.
  • Sie müssen die Vorteile der Disruption erkennen, die sich durch die Blockchain und andere Technologien ergeben.
  • Richtiges Timing, Planung und Risikomanagement.
Wichtige Überlegungen zum Markt:
  • Zentralisierte Infrastrukturen werden abgebaut, dadurch wird das Monitoring für die Versicherer und die Finanzmärkte kurzfristig teurer und komplizierter.
  • Eine verbindliche und sehr enge Regulierung ist vermutlich wenig effektiv, denn bei jeder neuen Bedrohung, die auftaucht, bedeutet das nur, dass solche Vorgaben obsolet werden und bestehende Ressourcen auf die neue Bedrohung angepasst werden müssen.
  • Eine umsichtige Regulierung sollte vielmehr Flexibilität ermöglichen, um eine nachhaltige Grundlage für die Zukunft zu schaffen.
  • Die Europäische Kommission überarbeitet die gesetzlichen Vorschriften zum Datenschutz und zur Datensicherheit und schafft einen einheitlichen Rechtsrahmen für alle Unternehmen, die in der EU personenbezogene Daten verarbeiten.
  • Wenn geändert wird, welche Daten die Kunden von sich selbst einsehen und gegebenenfalls löschen lassen können (z. B. durch neue Zustimmungs- oder Widerrufsverfahren) hat das wesentliche Auswirkungen auf die Kosten und Möglichkeiten der Versicherer und Rückversicherer zur Weitergabe und Aktualisierung von Datensätzen und auf die Wiederverwendung dieser Informationen.

Für die Versicherungsbranche wird es zu einer unausweichlichen Anforderung, Daten in Echtzeit zu analysieren und durch die Blockchain sicherzustellen. Dabei muss sie eine strategische und ganzheitliche Risikomanagement-Strategie verfolgen.

Wir haben eben dargestellt, dass Daten, die das Leben der Kunden betreffen oder die Solvenz und Reputation eines Unternehmens, mithilfe der Blockchain unveränderbar und unabhängig überprüfbar gemacht werden können.

Wenn große Datenarchive an die Blockchain angekoppelt werden, lassen sich diese Daten langfristig und vorschriftsmäßig archivieren, so wie es auch vorgeschrieben ist. So können die Daten dem Kunden zur Verfügung stehen und gleichzeitig könnte die Datentrennung und regelkonforme Verarbeitung personenbezogener Daten im Sinne von Aufsichtsbehörden und Prüfern erfolgen.

Die Vision von Big Data und Cloud-Computing dürfte in der Versicherungswirtschaft enorme Veränderungen mit sich bringen. Die Analyse von Daten in Echtzeit, geschützt durch die Blockchain und im Rahmen einer strategischen und ganzheitlichen Risikomanagementstrategie, ist für die Versicherungsindustrie unausweichlich geworden. Damit können sich die Versicherer, die das bereits betreiben, positiv von Wettbewerbern abheben.

Es wird auch die Glaubwürdigkeit der Versicherer in der Öffentlichkeit erheblich stärken. Nur durch die Nutzung von Big-Data-Technologien kann die (Rück-) Versicherungsindustrie das finanzielle Risiko von Überschwemmungen, Stürmen, Hurrikans, Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Cyberangriffen und Terroranschlägen sowie Betrug richtig bewerten. Der Big-Data-Ansatz ermöglicht allen (den Katastrophenmodellierern, Risikomanagern, Schadenregulierern und Versicherern), den Zugang zu Informationen und deren Weitergabe mit der Gewissheit, die ihnen die Blockchain bietet. Die Korrektheit der Daten wird garantiert, davon können sich unabhängige Wirtschaftsprüfer und Regulierungsbehörden eigenständig überzeugen.

Fazit

Nur wenn sie selbst Innovationen umsetzt, wird sie auch Fortschritte im Digitalbereich machen. Dazu muss sie aber auch bahnbrechende und disruptive Technologien übernehmen und umsetzen wie die Blockchain.

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Shaun Crawford

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