4 Minuten Lesezeit 29 August 2018
Auto versinkt im See.

Wie die Blockchain-Technologie die Versicherungsbranche revolutioniert

Von

EY Global

Multidisciplinary professional services organization

4 Minuten Lesezeit 29 August 2018

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Die Distributed-Ledger-Technologie wird erhebliche Auswirkungen haben – auch viele positive.

Die Blockchain- oder Distributed-Ledger-Technologie ist sehr schnell zu einer festen Größe in der Finanzdienstleistungsbranche geworden. Denn sie hat das Potenzial, unser Denken zu revolutionieren, was die Sicherheit und das Teilen von Daten betrifft.

Bei aller natürlichen Skepsis gegenüber diesem „next big thing“ sollten die Geschäftsführer und IT-Experten von Schaden- und Unfallversicherungen auch die positiven Auswirkungen dieser neuen Technologie sehen.

Denn es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass enormes Wertschöpfungspotenzial in der Blockchain-Technologie liegt. Und es gibt viele Möglichkeiten für künftige Anwendungen. Es ist offensichtlich, dass sichere Peer-to-Peer-Ledger – also die mysteriöse Technologie mit dem exotischen Namen, die sich hinter Blockchain verbirgt – in der Versicherungswirtschaft eines Tages ebenso alltäglich sein werden wie SQL-Datenbanken.

Die Blockchain-Technologie könnte zu einem zentralen Technologieelement der meisten Schaden- und Unfallversicherungsträger werden. Denn sie unterstützt eine Vielzahl von Prozessen und wird künftig wohl fest im Technologienetz Ihres Unternehmens verankert sein.

Fünf Kernbereiche für Blockchain-Anwendungen

1. Betrugserkennung und Risikoprävention

Bei aller natürlichen Skepsis gegenüber diesem „next big thing“ sollten die Geschäftsführer und IT-Experten von Schaden- und Unfallversicherungen auch die positiven Auswirkungen dieser neuen Technologie sehen.

Denn es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass enormes Wertschöpfungspotenzial in der Blockchain-Technologie liegt. Und es gibt viele Möglichkeiten für künftige Anwendungen. Es ist offensichtlich, dass sichere Peer-to-Peer Ledger – also die mysteriöse Technologie mit dem exotischen Namen, die sich hinter Blockchain verbirgt – in der Versicherungswirtschaft eines Tages ebenso alltäglich sein werden wie SQL-Datenbanken.

Die Blockchain-Technologie könnte zu einem zentralen Technologieelement der meisten Schaden- und Unfallversicherungsträger werden. Denn sie unterstützt eine Vielzahl von Prozessen und wird künftig wohl fest im Technologienetz Ihres Unternehmens verankert sein.

2. Schadenprävention und Schadenmanagement

Neben Big Data und mobilen und digitalen Technologien spielt auch die Blockchain eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Schadensmeldungen effizient, transparent und kundenorientiert zu bearbeiten. Sie steigert außerdem das Vertrauen in die gemeldeten Daten.

Bei der Schadenprävention könnten neue Datenströme den Prozess der Risikoselektion verbessern, indem sie Informationen über Standorte, externes Risiko und Analytik miteinander verbinden. Die Distributed-Ledger-Technologie ermöglicht dem Versicherer und anderen Beteiligten, schnell und unmittelbar auf Informationen zuzugreifen und sie aktuell zu halten (zum Beispiel Antragsformulare, Beweismittel, Polizeiberichte oder Prüfberichte von Dritten).

Nutzt man die Daten aus Mobiltelefonen oder Sensoren, lassen sich die Schadensmeldung vereinheitlichen sowie die Kosten für die Schadensregulierung senken, und die Kundenzufriedenheit lässt sich steigern. Dabei erleichtern Blockchain-Systeme die Kommunikation und Koordination zwischen allen Beteiligten wesentlich.

Stellen Sie sich nur einmal vor, wie ein Sensor eine Warnmeldung an den Versicherer sendet, sobald sich ein Unfall ereignet hat. Wodurch automatisch eine neue Schadenmeldung erfolgt. Daraufhin werden alle nötigen Daten sicher an zuvor festgelegte und medizinische Dienste weitergeleitet, an Abschleppdienste oder Werkstätten. Auch hier bildet die Blockchain das Netzwerk, das Daten verbindet und von verschiedenen Geräten und Anwendungen anfordert. Es ist ein multidimensionaler Prozess.

Ähnlich könnte man Sensordaten, Satellitenbilder, mobile Technologien und Blockchain einsetzen, um bei Naturkatastrophen Rettungsdienste bereitzustellen und die Schäden zu regulieren. Die aktuellen Daten von Wetterstationen könnten helfen, Schäden zu beziffern. Die Blockchain würde dabei gewährleisten, dass die Daten automatisiert, schnell und sicher vor Betrug weitergemeldet werden.

3. Internet der Dinge und Produktentwicklung

Je mehr Geräte und Objekte an das Internet der Dinge (IoT) angeschlossen sind, desto mehr Daten werden erzeugt und gesammelt. Diese Daten sind für Versicherer von großem Wert. Denn sie sind daran interessiert, genauere versicherungsmathematische Modelle zu entwickeln und neue Produkte, wie nutzungsbasierte Versicherungsmodelle (UBI).
In der Kfz-Versicherung könnten verschlüsselte Daten über Fahrzeiten und Strecken, Beschleunigungs- und Bremsmuster und andere Verhaltensweisen helfen, Hochrisikofahrer zu identifizieren. Verschiedene Anwendungen würden jeweils Informationen bestätigen, und der Versicherte erhielte mehr Kontrolle über seine Prämienhöhe.

Das Schwierige in diesem Zukunftsszenario wird sein, die schiere Datenfülle zu bewältigen und die Funktionslogik von Abertausenden oder Millionen Geräten miteinander zu koordinieren.

Mit der Blockchain-Technologie lassen sich große, komplexe Netzwerke verwalten, indem die Geräte auf Peer-to-Peer-Basis sicher miteinander kommunizieren und sich gegenseitig managen. Das spart den Aufbau eines teuren Rechenzentrums, das sonst all diese Daten speichern und verarbeiten müsste. Es ist also deutlich günstiger, wenn die Geräte sich in der Blockchain selbst managen.

4. Vertrieb und Zahlungsabwicklung

Führende globale Versicherungen gehen derzeit Kooperationen ein und erproben neue Geschäftsmodelle für den Zahlungsverkehr (und Bitcoin-Technologien). Sie wollen effizientere Kapitalströme mit einheitlichen globalen Abwicklungskonten erreichen. Wenn Risikodaten in Verträgen automatisiert erfasst werden, eröffnet das neue Möglichkeiten: So lässt sich mehr Wissen über den Markt generieren, Zahlungen werden einfacher, und Finanzierungsrisiken lassen sich besser identifizieren.

Zumindest aber könnten global tätige Versicherer die Blockchain-Technologie nutzen, um die Kosten für die Vermögensverwaltung zu senken. Denn sie reduziert bei internationalen Transaktionen die Absicherungskosten gegen Wechselkursschwankungen enorm.

Mobile Geldbörsen („Mobile Wallets“) sind ein weiteres mögliches Einsatzfeld: Versicherer beschränken dabei üblicherweise die Möglichkeiten der Kunden und ebenso die in den Wallets enthaltenen Daten. Mit der Blockchain-Technologie könnten die Kunden die Wallets viel besser an ihre Bedürfnisse anpassen, das ermöglicht eine sehr viel stärkere Kundenbindung. Kunden hätten unmittelbaren Zugriff auf all ihre persönlichen Daten und Versicherungsinformationen.

5. Rückversicherung

Schaden- und Unfallversicherer, die gern mehr Einblick in ihre Rückversicherungskontrakte hätten und darauf, wie hoch ihre Risikoexposition ist, bekommen genau den mit der Blockchain-Technologie. Wenn zum Beispiel ein Versicherer die Absicherung eines Risikos auf zwei getrennte Rückversicherer überträgt, kann ihn ein Blockchain-Ledger benachrichtigen, wenn einer der Rückversicherer versucht, seinen Teil der Verpflichtungen auf den jeweils anderen Rückversicherer abzuwälzen.

Versicherer könnten außerdem sichergehen, dass sich beim Regulieren eines größeren Schadens ihr Kapitalstock automatisch so anpasst, dass sie im Falle weiterer großer Schadenszahlungen keinen zusätzlichen Risiken durch mangelnde Deckung oder Rückstellungen ausgesetzt sind.

Gerade im Rückversicherungsgeschäft bietet die Blockchain-Technologie den Vorteil, dass Rückstellungen aufgrund aktueller Schadensmeldungen kalkuliert und zudem automatisch aktualisiert werden. Zudem werden Versicherer durch die Blockchain flexibler, wenn es darum geht, Kapital zu transferieren. Und sie erhalten mehr Transparenz über Risiken sowie über die Effizienz des eingesetzten Kapitals und darüber, ob sie die vorgeschriebenen Eigenkapitalanforderungen erfüllen.

Ganz praktisch bedeutet das: Buchungskontrollen werden einfacher, Modellierungsanforderungen reduzieren sich, und es gibt weniger Koordinationsaufwand zwischen Finanzen und IT.

Führungskräfte, die dem Hype noch skeptisch gegenüberstehen, sollten erkennen, dass die Blockchain-Technologie genau das vergrößert, was den Kern des Versicherungsgeschäfts ausmacht: Vertrauen und Transparenz.

In drei Schritten zur Adaption und ausgereiften Technologie

Haben Versicherer nun die Bereiche ausgemacht, in denen sie die Blockchain-Technologie am gewinnbringendsten einsetzen können, sollten sie neue Verfahren testen und unterstützen.

Den gezielten Weg voran sehen wir so: Zuerst werden unriskante interne Prototypen eingesetzt und in kurzen Pilotprojekten. Später werden breitere Einsätze gefahren und Partner oder Dritte eingebunden. Genau wie in anderen Branchen vollzieht sich dabei eine Anpassungskurve der Schaden- und Unfallversicherer: Zuerst wird die Technologie nur in rein internen Projekten eingesetzt, später auch in kundenorientierten Anwendungen. Bis sie schließlich flächendeckend übernommen wird, weil das Internet of Things es möglich macht.

Interne „Proofs of Concept“

Der passende Punkt, um damit anzufangen, wird für viele Versicherer ein einfacher Anwendungsfall sein, bei dem es um interne Prozesse geht. Die interne Abstimmung von Kundendatensätzen oder die interne Schadenbearbeitung mit „Smart Contracts“ könnten zum Beispiel zwei gute Experimentierfelder sein.

Auch die Möglichkeit, interne Prozesse wie den Monatsabschluss zu vereinheitlichen, könnten dafür interessant sein. Wählen Sie zunächst kleinere Projekte, um Lücken in internen Abläufen zu schließen. Daraus können Sie dann wertvolle Erkenntnisse für Ihr Unternehmern gewinnen, um künftig Strategien für größere Geschäftschancen und Unternehmensfragen zu entwickeln.

Kundenorientierte Prozesse

Hat sich die Technologie erst einmal weiterentwickelt und beweisen interne Anwendungen, dass sich Blockchain-Lösungen lohnen, werden die Versicherer im nächsten Schritt auch Lösungen für kundenorientierte Anwendungen einsetzen. Im Idealfall setzen Sie die Technologie in einem Bereich ein, in dem Sie Marktführer sind. Dann werden auch Wettbewerber sie schneller akzeptieren.

Erste Blockchain-Anwendungen lassen sich auch gut in Vertriebsnetzwerke einführen oder in etablierten Partnerschaften mit anderen Unternehmen. Dabei ist es natürlich wichtig, dass Sie die erforderlichen rechtlichen, regulatorischen und steuerlichen Rahmenbedingungen für die neue Technologiearchitektur schaffen.

Sind Sie bereit für das Internet der Dinge?

Ein sehr viel größerer Aufwand für Schaden- und Unfallversicherer wird es sein, die Blockchain so in Hard- und Softwarekomponenten zu integrieren, dass der Austausch von Daten zwischen Geräten möglich ist und die Übertragung dieser Daten an externe Stellen. Aber genau diese Vernetzung von Big Data, IoT und Blockchain bietet auf lange Sicht das höchste Wertschöpfungspotenzial. Stellen Sie sich nur vor, wie Hardwaresensoren über die Blockchain Echtzeitinformationen über die Laufleistung eines Autos liefern – und der Versicherer mittels intelligenter Vertragssoftware automatisch die Prämien daran anpassen kann.

Unterm Strich heißt das: Die richtige Zeit für Blockchain-Experimente ist genau jetzt!

Im Zeitalter der „Punktinnovationen“ wie mobiler Apps und Roboterberater sticht die Blockchain-Technologie als grundlegende architektonische Entwicklung hervor. Deshalb kann die Blockchain dazu beitragen, dass viele andere digitale Innovationen stärker genutzt werden, die zur Neuordnung der Versicherungslandschaft beigetragen haben. Und diese später sogar selber vorantreiben.

Führungskräfte, die dem Hype noch skeptisch gegenüberstehen, sollten erkennen, dass die Blockchain-Technologie genau das vergrößert, was den Kern des Versicherungsgeschäfts ausmacht: Vertrauen und Transparenz.

Letzten Endes basiert die Versicherungsbranche auf einem Vertrauensverhältnis und dem Versprechen „Wir zahlen das“. Dazu aber muss der Versicherer korrekte personenbezogene Daten haben, die verdeutlichen, welche Risiken der Kunde versichern möchte – und wie hoch dieses Risiko für ihn selbst ist. Versicherung ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien und beruht auf zeitnahen Zahlungen. Die Blockchain kann dabei Reibungspunkte, Fehler und Risiken verringern. Der Blockchain-Hype fußt also auf einer festen Grundlage. Aber die Versicherungsbranche muss jetzt investieren, damit sie auch tatsächlich langfristig Effizienzsteigerungen und neue Geschäftschancen aus der Blockchain-Technologie ziehen kann.

 

Fazit

Die Blockchain hat das Potenzial, zum zentralen Technologieelement bei Schaden- und Unfallversicherern zu werden. Sie unterstützt viele Prozesse und wird fest in den künftigen Technologienetzwerken von Versicherern verankert sein.

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