5 Minuten Lesezeit 14 November 2019
close up of 3d printing

Warum deutsche Unternehmen beim 3D Druck nicht länger abwarten sollten

Von

Stefana Karevska

Leiterin Global Advisory Additive Manufacturing/3D Printing

Ist Additive Manufacturing-Beraterin aus Leidenschaft. Unterstützt Unternehmen dabei, sich über den 3D-Druck neu zu erfinden. Debattier-Trainerin. Tischtennisspielerin.

5 Minuten Lesezeit 14 November 2019

Bei additiver Fertigung galt Deutschland früher als Vorreiter. Heute drohen deutsche Unternehmen den Zukunftstrend 3D Druck zu verschlafen.

Die produzierende Industrie steht an der Schwelle zu umwälzenden Veränderungen: 3D Druck wird in den 2020er-Jahren nicht nur bestehende Prozesse verbessern, sondern ganze Branchen umwälzen und neue Wertschöpfungsketten schaffen.

Noch vor wenigen Jahren konnten Zweifler diese Technologie, auch bekannt als additive Fertigung, als Buzzword abtun. Doch seitdem ist viel passiert. 3D Druck hat die Experimentier-Nische längst verlassen und sich zu einer serienfertigungsreifen Technologie entwickelt – einer Technologie, die neue Produkte möglich machen und Geschäftsmodelle verändern wird. Das heißt auch: Unternehmen, die offen für Veränderungen sind, können sich mit additiver Fertigung für die Zukunft neu aufstellen.

Wie mutig sind deutsche Unternehmen?

Viele deutsche Unternehmen handeln aber noch zu zurückhaltend, wenn es um 3D Druck geht. Eine aktuelle Studie von EY zeigt, wie die hiesige Industrie den Anschluss zu verpassen droht – und das innerhalb weniger Jahre. 

3D Druck

65 %

Der befragten Unternehmen haben schon Erfahrung mit additiver Fertigung gesammelt.

Noch 2016 waren deutsche Unternehmen ganz vorne mit dabei, die damals relativ neue Technologie einzusetzen. Heute aber liegt Deutschland im Ländervergleich weit hinten, während 3D Druck vor allem in Asien stark im Kommen ist. Asiatische Unternehmen setzen die Technologie auf breiter Front ein und schaffen so neue Wertschöpfungsmodelle. Die Regierung in China fördert 3D Druck sogar gezielt und räumt additiver Fertigung in ihrer wirtschaftspolitischen Strategie eine Priorität ein. Eine ähnlich umfassende Förderung gibt es in Deutschland bislang nicht. 

In Deutschland wird noch viel getestet. In die Anwendung für Endprodukte sind die hiesigen Unternehmen noch nicht so stark eingestiegen wie beispielsweise die asiatischen. Das liegt teilweise auch an einer generellen Skepsis und Zurückhaltung in Deutschland, was neue Technologien angeht.

Für die Studie von EY wurden Entscheidungsträger von mehr als 900 Unternehmen aus Europa, Amerika und Asien befragt. Darunter waren 222 aus Deutschland. Wie weit ist die Industrie in Sachen additiver Fertigung, welche Branchen können in welcher Form von 3D Druck profitieren? Dazu liefert die Studie interessante Einblicke.

  • 65 Prozent der befragten Unternehmen haben schon Erfahrungen mit 3D Druck gesammelt – und zwar quer durch alle Branchen.
  • In Deutschland liegt der Wert bei 63 Prozent. Das klingt nach einem deutlichen Fortschritt, denn bei einer Befragung im Jahr 2016 waren es nur 37 Prozent.
  • Aber: Während Deutschland damals den Spitzenplatz einnahm, führen heute Südkorea mit 81 Prozent und China mit 78 Prozent das Feld mit weitem Vorsprung an.

Deutschland droht also ins Hintertreffen zu geraten. Unternehmen aus Ländern wie Südkorea und China haben nicht nur aufgeholt, sondern längst überholt.

Welche Vorteile drohen Unternehmen zu verpassen?

In den 2020er-Jahren wird 3D Druck ein „Game Changer“ sein, der Fertigung und Wertschöpfungsketten nachhaltig verändert. Der Produktionssektor wird nicht mehr derselbe sein.

Zu Beginn seiner Entwicklung galt 3D Druck vor allem als kostengünstige und schnelle Methode, um Prototypen herzustellen. Inzwischen gehen die Einsatzgebiete der Technologie aber über dieses Rapid Prototyping hinaus. Viele Unternehmen stellen mit additiver Fertigung bereits funktionale Komponenten (functional parts) her:

  • Sie produzieren Ersatzteile on demand und maßgeschneidert erst nach der Bestellung.
  • Sie fertigen im additiven Verfahren Werkzeuge, Gussformen und andere Komponenten, die sie dann in der traditionellen Produktion einsetzen.
  • Sie produzieren fertige Komponenten und Teile, die direkt an Kunden und Endverbraucher gehen.

Die EY-Studie zeigt, dass mittlerweile sogar schon mehr Unternehmen per 3D Druck Endprodukte herstellen (18 Prozent) als Ersatzteile (14 Prozent). Diese Komponenten halten höchsten Qualitätsansprüchen stand. In vielen Flugzeugen befinden sich mittlerweile tausende via 3D Druck hergestellte Teile.

Auch für Branchen wie Transport und Logistik stehen einschneidende Innovationen an. Werden immer mehr Produkte vor Ort hergestellt, müssen Kosten und Notwendigkeit von Lagerhaltung und Lieferung ganz neu kalkuliert werden. Gleichzeitig transformiert das Geschäftsmodell der Logistiker in Fertiger.

Wie wächst der Markt weiter?

3D Druck von Endprodukten ist das Feld, auf dem in den nächsten Jahren am meisten passieren wird. Das zeigen auch die Ergebnisse der EY-Studie:

  • 2016 stellten nur 5 Prozent der befragten Unternehmen per 3D Druck Endprodukte her.
  • Aktuell sind es 18 Prozent.
  • 2022 werden es 46 Prozent sein. 

Als relativ neue Technologie befindet sich 3D Druck aktuell noch in dem Marktzyklus, in dem die Verbreitung und damit auch die Umsätze Fahrt aufnehmen. Die entscheidende Lücke hinter den „Early Adoptern“ ist bereits überwunden. Von jetzt an wird es einige Jahre rasant aufwärts gehen. Der Markt wächst exponentiell, das Innovationstempo nimmt zu.

Deutschland müsste den Anteil seiner Unternehmen, die additive Fertigung für Endprodukte verwenden, bis 2022 mehr als verdreifachen. Südkorea dagegen müsste ihn ausgehend vom heutigen Stand (28 Prozent) nicht einmal verdoppeln, um die angepeilten 52 Prozent zu erreichen.

Haben deutsche Unternehmen erkannt, worum es geht?

Deutsche Unternehmen zeigen sich in der Befragung zwar aufgeschlossen: 49 Prozent geben an, sie würden bis 2022 Endprodukte additiv herstellen. Dafür müssen sie allerdings eine große Lücke überwinden, denn der aktuelle Stand liegt bei nur 16 Prozent.

Anders ausgedrückt: Deutschland müsste den Anteil seiner Unternehmen, die additive Fertigung für Endprodukte verwenden, bis 2022 mehr als verdreifachen. Südkorea dagegen müsste ihn ausgehend vom heutigen Stand (28 Prozent) nicht einmal verdoppeln, um die angepeilten 52 Prozent zu erreichen.

Auch hier zeigt sich, dass deutsche Unternehmen den Trend zwar erkannt haben, aber dennoch drohen, den Anschluss zu verlieren. Damit sie langfristig am Markt erfolgreich bleiben, sollten noch mehr deutsche Unternehmen sich darüber klar werden, wie 3D Druck ihre Branche und ihr Geschäftsmodell verändern wird.

Das Management ist gefordert, den Kurs rechtzeitig strategisch auszurichten, um die Vorteile von 3D Druck auszuschöpfen und so Wettbewerbsvorteile zu gewinnen. Denn die internationale Konkurrenz ist längst auf den Zug aufgesprungen. 

Fazit

3D Druck wird in den kommenden Jahren Umwälzungen mit sich bringen wie einst die Entwicklung von der Dampfmaschine zur Elektrizität. Nicht nur in der produzierenden Industrie, auch in Branchen wie Transport und Logistik werden althergebrachte Prozesse ersetzt. Neue Wertschöpfungsketten entstehen. Wer von diesem Wandel profitieren will, muss spätestens jetzt beginnen, additive Fertigung einzusetzen – und das nicht mehr nur in experimenteller Form. Damit sie gegenüber Mitbewerbern aus Asien nicht weiter ins Hintertreffen geraten, sind deutsche Unternehmen besonders gefordert.

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