6 Minuten Lesezeit 18 Dezember 2019
Kinder spielen mit Hula Hoop

Wie der Umgang mit knappen Ressourcen zum Wachstumstreiber wird

Von

Matthias Brey

Partner im Bereich Life Sciences Supply Chain & Operations | Deutschland, Schweiz, Österreich

Hat früh die strategische Auswirkung der Digitalisierung vorgedacht und die Entwicklung digitalisierter Produktionssysteme vorangetrieben.

6 Minuten Lesezeit 18 Dezember 2019

Produzieren, nutzen, wegwerfen ist eine Sackgasse. Mit Circular Economy können Unternehmen Ressourcen schonen und ihr Geschäft maximieren.

Auflagen werden immer schärfer, Herstellungsprozesse effizienter. Dennoch findet bislang kaum eine Trennung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch statt. Dabei steigt die Nachfrage mit dem Wachstum der Schwellenländer weiter und gleichzeitig schreitet die Zerstörung der Umwelt voran. Die globale Überlastung der Erde wurde in diesem Jahr bereits am 29. Juli erreicht, früher als jemals zuvor – in Deutschland sogar schon am 3. Mai. An diesem „Earth Overshoot Day“ haben wir rechnerisch die für das gesamte Jahr verfügbare Menge an nachwachsenden Rohstoffen verbraucht. Seither leben wir auf Pump.  

Drei Grundpfeiler der Circular Economy

Angesichts knapper Ressourcen und des fortschreitenden Klimawandels kann sich unsere Gesellschaft die Einbahnstraße aus Produzieren, Nutzen und Wegwerfen nicht mehr leisten. Nach dem Vorbild der Natur müssen wir schnellstmöglich zu einer effizienten Circular Economy gelangen, in der es idealerweise gar keine Abfälle mehr gibt. Ihr Prinzip baut auf drei Grundpfeilern auf:

  1. Input: Erstens gilt es, die vorhandenen Ressourcen effizient einzusetzen und verstärkt auf erneuerbare Materialien und Energien zu setzen.
  2. Nutzung: Zweitens müssen Produkte langlebiger und ihre Nutzung ausgeweitet werden, etwa durch die Förderung einer Sharing Economy.
  3. Lebenszyklus: Und drittens entstehen aus bereits verwendeten Ressourcen neue Produkte – wir schließen also unsere Materialkreisläufe.

Die Idee der Circular Economy ist keineswegs neu. Doch die Digitalisierung und innovative Technologien wie 3D Druck, Künstliche Intelligenz (KI), Plattformmodelle oder Blockchain eröffnen Unternehmen heute neue Möglichkeiten zur Umsetzung und schaffen so Perspektiven für Wachstum. Die Start-up-Szene kurbelt die Innovationslandschaft und neuartige Geschäftsmodelle an. Ideen sind häufig bereits entwickelt, ihre Skalierung ist die Herausforderung.

Warum sich Circular Economy für Unternehmen lohnt

Für Unternehmen gibt es viele Gründe, auf Circular Economy zu setzen. Werden knappe Ressourcen effizienter eingesetzt, machen sich Unternehmen unabhängiger vom Rohstoffmarkt mit seinen schwankenden Verfügbarkeiten und Preisen. In einigen Fällen geht es sogar um die Existenzsicherung.

Regulatorische Neuerungen, die eine Circular Economy begünstigen, können zu Kostentreibern werden. Etablierte Geschäftsmodelle können durch Circular Economy zudem einen neuen Dreh erhalten. Innovationen bei Materialien, im Produktdesign oder Vertrieb helfen dabei, bestehende Kundenbeziehungen zu stärken, neue Märkte zu erschließen oder effizienter zu werden. 

Unternehmen, die das Thema nicht angehen, werden früher oder später aus dem Markt gedrängt

Ein wichtiger Antrieb kommt von Konsumenten, Mitarbeitern, Anteilseignern und anderen Anspruchsgruppen. Verbraucher achten zunehmend auf nachhaltige Produkte und honorieren diese. Parallel strafen sie jene, die in ihren Augen nicht auf Nachhaltigkeit achten. Auch Mitarbeiter oder Aktionäre erwarten sichtbare Ergebnisse statt Visionen und schöner Worte. Für Unternehmen, die diese Ansprüche erfüllen, erwachsen daraus neue Möglichkeiten, sich als Marktführer in ihrem Segment zu positionieren. Auf der anderen Seite werden Unternehmen, die das Thema nicht angehen, früher oder später aus dem Markt gedrängt.

Revolution mit angezogener Handbremse

Unternehmen verstehen das Konzept der Circular Economy. Dennoch machen selbst große Konzerne oft nur kleine Schritte mit überschaubarem Ergebnis. Die Gründe für die Zurückhaltung sind vielfältig. Oft reichen die finanziellen Anreize nicht aus, um einen großen Umschwung in Angriff zu nehmen. So ist es aktuell etwa günstiger, neuen Kunststoff aus Erdöl herzustellen, als auf recycelten Kunststoff zu setzen.

In Anbetracht der komplexen Zusammenhänge im Unternehmen scheuen einige auch die tiefgreifenden Veränderungen, die Circular Economy auf verschiedenen Ebenen mit sich bringt. 

Unternehmen verstehen das Konzept der Circular Economy. Dennoch gehen sie oft nur kleine Schritte mit überschaubarem Ergebnis.

Wie vorgehen? Leitfaden zur Circular Economy im Unternehmen

Die Circular Economy erfolgreich im Unternehmen zu verankern ist kein Spaziergang. Rechtliche, finanzielle, organisatorische und operative Hindernisse können den Weg steinig werden lassen. Echte Lösungen erfordern die Zusammenarbeit verschiedener Akteure und ein breites Wissen entlang der Wertschöpfungskette.

Der Einstieg in die Circular Economy beginnt mit der Strategie, die sich häufig in einem veränderten Geschäftsmodell niederschlägt. Diese wirkt sich auf die Beziehungen zu Lieferanten aus und wird begleitet von regulatorischen Fragen.

Am Anfang steht die gründliche Analyse des Status quo und die Ableitung einer passenden Roadmap.

1.      Materialeinsatz & Innovation

Wie gut eignen sich mein Produktdesign sowie die Auswahl der verwendeten Materialen für eine Circular Economy? Ist es möglich, Materialien rückzugewinnen und in ein Upcycling zu führen? Welche Materialien befeuern eine Circular Economy, welche lassen sie bei dem heutigen technischen Stand unmöglich werden?

2.      Produktnutzung & neue Geschäftsmodelle

Viele traditionelle Produkte eignen sich für Dienstleistungsmodelle – und das in zahlreichen Branchen. Für die nachkommende Generation ist die Nutzung eines Produkts, beispielsweise eines Autos, wichtiger als der Besitz. Sharing-Modelle, Second-Life oder Leasing können Geschäftsergänzung oder Neugeschäft sein. Die Digitalisierung und eine stark wachsende Plattform-Landschaft sind Chancen für die Circular Economy. 

3.      Supply Chain & Neuorganisation

Materialflüsse transparent zu machen ist ein Erfolgsfaktor der Circular Economy. Das Gestalten einer zirkulären Wertschöpfung erfordert ein Umdenken und Neuorganisieren der Prozesse entlang der gesamten Supply Chain sowie das Arbeiten in Netzwerken.  

Um die Circular Economy erfolgreich im Unternehmen umzusetzen, braucht es Entscheider mit Weitsicht.

Für die Bewertung der Chancen und Risiken der Circular Economy braucht es Weitsicht und ein über das Unternehmen hinausreichendes Agieren. Denn eine voll integrierte Circular Economy geht weit über kurzfristige finanzielle Interessen hinaus. Sie bezieht vielmehr den Wert für die Kunden, die Umwelt und die Gesellschaft als Ganzes mit ein. Viele Investitionen werden sich erst mittel- oder langfristig auszahlen. 

Fazit

Schon heute verbrauchen wir mehr Ressourcen als die Erde hergibt. Unsere Gesellschaft kann sich diese Einbahnstraße aus Produzieren, Nutzen und Wegwerfen nicht mehr leisten. Nach dem Vorbild der Natur führt an der Circular Economy kein Weg mehr vorbei. Das bedeutet nicht, lediglich Abfälle zu reduzieren oder wiederzuverwerten. Die Circular Economy setzt bei Veränderungen von Design, Produktion und Nutzung an. Sie ist getrieben vom Zugang zu Innovation und Technologie und bedeutet das Neudenken von Strategie und Supply Chain. Ergänzende Geschäftsfelder und Wachstumsperspektiven für Unternehmen sind das Resultat.

Über diesen Artikel

Von

Matthias Brey

Partner im Bereich Life Sciences Supply Chain & Operations | Deutschland, Schweiz, Österreich

Hat früh die strategische Auswirkung der Digitalisierung vorgedacht und die Entwicklung digitalisierter Produktionssysteme vorangetrieben.