6 Minuten Lesezeit 9 März 2020
Sanduhr

„Der kurzfristige Kapitalist ist nicht mehr der Held von morgen“

Neben den Investoren rücken immer mehr die Stakeholder in den Fokus der Unternehmen. Das ändert die Arbeit in allen Unternehmensbereichen.

EY: Die EU treibt einen Green New Deal voran und will Unternehmen zu mehr Umweltbewusstsein ermutigen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos entdeckten die Spitzenvertreter der internationalen Konzerne ihr soziales Gewissen und der wichtigste Hedgefonds-Manager der Welt kündigt an, künftig auf mehr als nur die reine Finanzperformance seiner Investments achten zu wollen. Ist das alles nur Theaterdonner oder erleben wir gerade einen grundlegenden Wandel im kapitalistischen System?

Jan-Menko Grummer: Natürlich gibt es manche Unternehmer, die sagen: „Sustainability? Das muss ich jetzt machen, das ist en vogue.“ Aber wer mit schein-nachhaltigem Verhalten auffällt, der wird heute abgestraft. Der Druck der Investoren wächst, die mächtigsten Männer der Wall Street fordern eine stärkere Langfristorientierung, gegebenenfalls springen sogar Geldgeber ab. Das setzt Unternehmen unter Druck. Wenn wir zum Beispiel auf Davos blicken, dann merken wir definitiv, dass die Anforderungen an Unternehmen steigen, Transparenz über das Finanzielle hinaus herzustellen.

Im Kern geht es darum, mehr Anspruchsgruppen als nur die Investoren zu bedienen. Stakeholder Value statt Shareholder Value ist im Prinzip die Veränderung, die hier angesprochen wird. Ist es wirklich realistisch, dass das Finanzielle so sehr in den Hintergrund rückt?

Der Shareholder steht inzwischen längst in Interaktion mit den anderen Stakeholder-Gruppen. Unternehmen investieren beispielsweise heute in Maßnahmen, die CO2-reduzierend wirken. Warum machen sie das, wenn es doch aktuell das Ergebnis belastet? Ganz einfach: Wenn sie es nicht tun, werden sie von ihren Kunden oder Mitarbeitern abgestraft, weil keiner mehr mit ihnen arbeiten will.

Shareholder und Stakeholder Value stehen sich nicht gegenüber, sie sind integriert, aber in einer anderen Chronologie. Wenn Unternehmen zunächst die eine Gruppe bedienen, dann machen sie das auch, um langfristig neuen Shareholder Value zu generieren. So integrieren sie systematisch die verschiedenen Gruppen in die langfristige strategische Orientierung ihres Unternehmens.

Erst durch neue Berichtsmodelle wird nachhaltiges Handeln überhaupt ermöglicht.
Jan-Menko Grummer
Partner, Leiter Long Term Value Programm, Assurance I Deutschland, Schweiz, Österreich

Um solche Veränderungen anzustoßen, muss ein Unternehmen aber zunächst wissen, wo genau es steht. Das heißt auch, die Berichterstattung nach innen und außen muss sich verändern.

Ohne Transparenz geht es nicht – „you get what you measure“. Die erste Hürde ist es also, den Berichtsstand und das Mindset im Unternehmen zu verändern. Erst neue Berichtsmodelle ermöglichen nachhaltiges Handeln überhaupt.

Das führt zu einem veränderten Controlling, das viel mehr Bereiche berücksichtigt. Das Controlling unterstützt stärker die gesamte Unternehmensstrategie als nur Zahlen zusammenzufassen. Es zeichnet sich ab, dass statt mit der eher eindimensionalen Plus-Minus-Rechnung der Finanzwirtschaft nun mit mehrdimensionalen Metriken gearbeitet werden muss. 

Unternehmensberichterstattung ist bisher sehr kurzfristig, immer nur auf abgelaufene Perioden bezogen und auf Finanzzahlen. Zu anderen Wertbereiche wie Mitarbeiter, Natur und Gesellschaft gibt es kaum Einblicke. Immer mehr Unternehmen berücksichtigen inzwischen Umweltfragen genauso wie Finanzzahlen.

Warum sollte sich ein Unternehmen für diese Veränderungen interessieren?

Wer jetzt einsteigt, kann in vielen Branchen noch Vorteile mitnehmen. Nehmen wir die zunehmende Impact Evaluation als Beispiel. Wenn Unternehmen darauf setzen, sind sie sehr schnell weit vorne. Sie müssen sich aber unternehmerisch anders aufstellen, um durch die Berichterstattung wiederum eine Wirkung im Unternehmen zu erzielen. Entscheidend ist, dass auch die Ziele neben den rein finanzwirtschaftlichen in die Unternehmensentscheidungen integriert werden. Am Anfang steht meist die Idee, das Reporting transparenter zu gestalten. Dabei merken die Unternehmen schnell, dass sie eigentlich ihre gesamte Strategie überdenken müssen. Denn sie können nur dann vorteilhaft berichten, wenn sie sich wirklich vorteilhaft verhalten.

Für welche Branchen sind die Veränderungen besonders groß?

In Deutschland spielt der Wandel in der Berichterstattung beispielsweise in der Automobilbranche eine große Rolle. Dort hat man sehr lange an Short Term Cash Flows und der Unternehmensstrategie gearbeitet, bis die Anforderungen an ökologische Konzepte innerhalb der Produktpalette so stark gewachsen sind, dass es nun strategische Probleme gibt.

Es braucht dafür aber überhaupt erst einmal Konzepte, mein unternehmerisches Handeln in diesen neuen Kategorien zu kanalisieren.

Ein anderes Beispiel sind die Energieversorger, die abrupt aus der Kohle aussteigen müssen. Das hätte man strategisch sehr viel früher antizipieren können. Man hat es aber nicht getan, weil ein Unternehmen, das in Nachhaltigkeit investiert, kurzfristig eher schlechte Ergebnisse bekommt. Dieser „Investment Disconnect” ist immer noch ein Problem. Wir wollen langfristiges unternehmerisches und zukunftsgerichtetes Handeln, aber die Allokation entsteht entlang kurzfristiger Entscheidungen. Genau wie die digitale Transformation ist das ein langfristiger Prozess. Fest steht aber: Der kurzfristige Kapitalist ist nicht mehr der Held von morgen.

Wir stehen am Anfang. Wenn Unternehmen erst einmal auf ihrer Wertschöpfungsstufe anfangen, dann haben sie den ersten Schritt geschafft.
Jan-Menko Grummer
Partner, Leiter Long Term Value Programm, Assurance I Deutschland, Schweiz, Österreich

In Industrien mit komplexen Lieferketten wird das doch komplizierter. Da nützt es wenig, wenn im eigenen Unternehmen alles stimmt, aber die Lieferanten sich nicht an die neuen Standards halten.

Insbesondere in Industrien, in denen die eigene Wertschöpfung nur ein Teil des Geschäfts ist, ist das ein noch längerer Prozess. Das haben wir ähnlich auch beim Thema Compliance gesehen. Die Herausforderung: Unternehmen müssen sicherstellen, dass die Regeln in der gesamten Lieferkette eingehalten werden.

Das ist nur möglich, wenn sich die Industrieethik dahin bewegt. Wenn die Gesellschaft das mehr und mehr einfordert, wird das Dinge verändern. Wir stehen am Anfang. Wenn Unternehmen erst einmal auf ihrer Wertschöpfungsstufe anfangen, dann haben sie den ersten Schritt geschafft.

Das Bewusstsein ändert sich also. Und immer mehr Unternehmen erkennen an, dass es mit reiner Kommunikation zu den „weichen“ Faktoren nicht getan ist, sondern sich stattdessen Strategie und tatsächliches Handeln ändern müssen. Wie wird die Debatte über neue Formen der Berichterstattung weitergehen?

Wir erleben einen klaren Trend: Man unterhält sich sehr stark über Standardisierung von Metriken. Es nützt nichts, wenn sich Unternehmen immer nur Kennzahlen heraussuchen können, die für sie schmeichelhaft sind. Deshalb versuchen verschiedene Initiativen wie beispielsweise die jüngst von Saori Dubourg initiierte Value Balancing Alliance verbindliche Standards zu setzen. Eine weitere Vorgehensweise ist es, die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen (UN) in Metriken zu übersetzen. Das sind dann zwar immer noch keine Accounting Standards, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Am Ende wird die Kernfrage sein, worauf sich die Menschheit oder die Industriegesellschaft als Standard einigt und wie Nachhaltigkeit visualisiert wird.

Daran schließe sich dann aber auch eine Diskussion darüber an, wie Abweichungen von der Norm auch in anderer Form als nur vom Finanzmarkt sanktioniert werden, oder?

Wir haben in den USA stark von der United States Securities and Exchange Commision (SEC) geprägte Regulatoren, in Europa die International Financial Reporting Standards (IFRS), die versuchen aufzuspringen. Bisher waren beide im Kern accounting-orientiert. Es wird ein spannender Prozess zu sehen, wie Initiativen, Regulatoren und am Ende auch Staaten sich künftig koordinieren werden, um schnell in Standards zu wachsen. Dann werden wir auch über Sanktionsverfahren oder Fragen, wie man Sicherheit in die Informationen bringen kann, reden. Oder über die Frage, ob und wie Wirtschaftsprüfer das alles testieren. Letztendlich stellt sich dann die Frage: Wie kann ein neuer Regulator aussehen?

Fazit

Investoren, Mitarbeiter, Kunden und die ganze Gesellschaft haben eins gemeinsam: Sie interessieren sich heute nicht mehr nur für die finanzielle Performance eines Unternehmens. Nachhaltigkeit in Umwelt- und Sozialfragen wird immer wichtiger und prägt nicht nur die Kommunikation, sondern auch Strategie und operatives Handeln vieler Unternehmen. Das Ziel: langfristige Wertschöpfung und Unternehmen, die für die gesamte Menschheit da sind.