5 Minuten Lesezeit 17 April 2020
Gruppe Kollegen in einer Diskussion

Long Term Value: Wie nachhaltiges Unternehmertum gelingen kann

Von

Jan-Menko Grummer

Partner, Leiter Long Term Value Programm, Assurance I Deutschland, Schweiz, Österreich

Beschäftigt sich mit der Transformation der Unternehmensberichterstattung im Bereich langfristiger Anlagestrategien. Ist davon überzeugt, dass nur so ein funktionierender Finanzmarkt möglich ist.

5 Minuten Lesezeit 17 April 2020

Die aktuelle Finanzberichterstattung reicht nicht aus, um über nachhaltiges Unternehmertum zu berichten. Hierfür müssen neue Konzepte her.

Eine 15 Jahre alte Schwedin setzt sich im August 2018 vor das schwedische Parlament und geht nicht mehr zur Schule. Ein Jahr später demonstrieren laut den Organisatoren weltweit rund sechs Millionen Menschen, um Politiker zu größeren Anstrengungen in der Klimakrise zu bewegen.

Blackrock-Chef Larry Fink schreibt im Januar 2020 in seinem jährlichen Brief an CEOs, künftig nicht mehr einer Entlastung der Vorstände zuzustimmen, sollten Nachhaltigkeitsthemen im praktischen Handeln und in der Kommunikation nicht klar erkennbar vorangetrieben werden.

Das Handeln von Menschen wie Greta Thunberg und Larry Fink löst in den Konzernführungen weltweit ein Umdenken aus. Ein Beispiel ist der Business Roundtable, ein Netzwerk aus 181 der mächtigsten CEOs der USA, die im August 2019 den Sinn von Unternehmen weiter definiert hat. Die Prämisse, dass Shareholder die wichtigste zufriedenzustellende Gruppe sind, gilt demnach nicht mehr. Stattdessen verpflichten sich die Firmenlenker nun, das „Wohl aller Stakeholder – Kunden, Mitarbeiter, Zulieferer, Communities und Anteilseigner“ im Blick zu haben.

Die Bedeutung kurzfristig orientierter Finanzkennzahlen in Quartalsberichten eines Unternehmens sinkt, stattdessen werden die langfristigen und immateriellen Vermögenswerte immer wichtiger: „Intangibles“ wie Innovationskultur, Reputation und Nachhaltigkeit.

Doch wie können die Forderungen der jungen Schwedin und des Hedgefondsmanagers in die Tat umgesetzt werden? Unternehmen handeln im Interesse ihrer Anteilseigner – und das ist, den ökonomischen Erfolg zu optimieren. Solange dieser Erfolg nur in kurzfristigen Finanzkennzahlen gemessen und kommuniziert wird, kann nachhaltiges Handeln nicht erwartet werden. Es bedarf eines neuen Management-Konzepts, das den langfristigen Unternehmenserfolg im Fokus hat und damit die Erwartungen aller wichtiger Interessengruppen eines Unternehmens stärker berücksichtigt. Denn langfristiger Unternehmenserfolg kann nur gelingen, wenn die unternehmerischen Ziele im Einklang mit Gesellschaft, Kunden und Mitarbeitern stehen. Für eine erfolgreiche Umsetzung dieser Strategie muss die interne Steuerung des Unternehmens die Zielerreichung messen und die externe Berichterstattung den Interessengruppen berichten.

Vier Faktoren treiben die Notwendigkeit neuer Formen der Unternehmensführung und -berichterstattung

  • Vertrauen in Institutionen sinkt: Die zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit in vielen Ländern führt dazu, dass das öffentliche Vertrauen in Institutionen abnimmt, Unternehmen eingeschlossen.
  • Die Menge verfügbarer Daten steigt: In Zeiten von Big Data sind riesige Datenmengen für viele Gruppen schneller und transparenter verfügbar als je zuvor. Das eröffnet Unternehmen und ihren Stakeholdern neue Möglichkeiten der Meinungsbildung. Gleichzeitig verlieren sie so die  Deutungshoheit über ihre eigenen Zahlen.
  • Wertschöpfung nimmt neue Formen an: Dienstleistungsangebote und Digitalisierung verändern, wie Unternehmenswerte entstehen. Ein alleiniger Fokus auf etablierte Finanzkennzahlen reicht nicht aus, um über die tatsächliche Wertentwicklung von Unternehmen zu informieren.
  • Das Investment-Verhalten hinkt hinterher: Immer noch werden viele Investitionsentscheidungen entlang verfügbarer und kurzfristiger Finanzdaten der bisherigen Unternehmenswelt getroffen. Das macht eine langfristige und nachhaltige Entscheidung kaum möglich.

Zukunftssichere Unternehmen investieren in diese Problemfelder der Kommunikation und die Zufriedenheit von mehr als nur Finanz-Stakeholdern.

Investoren und andere Stakeholder brauchen auch wegen dieser Faktoren verbindliche und vergleichbare Informationen über die Wertentwicklung von Unternehmen. Was sind zentrale Werttreiber? Wird tatsächlich langfristiger Wert für die Gesellschaft erzeugt und wie ist dieser zu beziffern? Keine leichten Fragen angesichts der komplexen zugrundeliegenden Konzepte.

Wie das Long Term Value Framework neue Werttreiber ermittelt

Seit 2015 arbeitet EY mit Wissenschaftlern, Investoren und Führungskräften an einer solchen Initiative. Zusammen mit der Universität Cambridge entstand basierend auf einem intensiven Austausch zwischen Unternehmen und Vermögensverwaltern das Long Term Value Framework. Es erfüllt wesentliche Anforderungen an neue Modelle zur Beschreibung von Werttreibern, weil es in einem standardisierten Verfahren Unternehmenslenker in logischen Schritten zur systematischen Bewertung von langfristig wichtigen Aspekten führt. Diese Bewertung dient dann wiederum als Grundlage für die interne Umsetzung und strukturierte Diskussionen mit Investoren und anderen Anspruchsgruppen.

Drei Ziele des Long Term Value Frameworks

  • Nichtfinanzielle Ergebnisse und Fähigkeiten messen: In der Vergangenheit wurden zu häufig nur einzelne Aspekte wie Naturkapital oder geistiges Eigentum betrachtet. Nötig ist stattdessen ein umfassender Blick mit Bezug zu Finanzergebnissen und Wertschöpfung.
  • Stakeholder Value erfassen: Die Quartalsperspektive von Shareholder-Value-Betrachtungen übersieht, wie letztlich auch langfristiger Unternehmenserfolg mit Profit zusammenhängt. Das Verhalten vieler Anspruchsgruppen beeinflusst diesen langfristigen Erfolg. Unternehmen brauchen Instrumente, um Stakeholder Value für viele Gruppen beziffern zu können.
  • Besser über langfristige Finanzergebnisse informieren: Entwicklungen über das aktuelle Geschäftsjahr hinaus müssen deutlicher erfasst und bewertet werden. Die branchenübergreifende und verbindliche Definition solcher Messgrößen ist eine der größten Herausforderungen einer veränderten Berichterstattungswelt.

Der Prozess: So läuft die Beschreibung und Berechnung langfristiger Werte

Das Long Term Value Framework sieht vier Schritte vor, um Kennzahlen für langfristige Unternehmenswerte zu entwickeln.

1.       Unternehmerischer Kontext

Zunächst gilt es, das Umfeld des Unternehmens zu analysieren: Welche wesentlichen Trends beeinflussen das unternehmerische Handeln? Was ist der Unternehmenszweck in diesem Umfeld und wie wichtig ist er für die einzelnen Stakeholder-Gruppen? Am Ende dieses Schrittes gibt es ein klares Bild von Strategie, Prioritäten und unternehmerischem Kontext des Geschäftsmodells mit wesentlichen Auswirkungen auf die Stakeholder.

2.       Wirkungen für Stakeholder

Auf Basis vorhandener Stakeholder-Analysen werden mögliche Ergebnisse und Wahrnehmungen zu Werttreibern erfasst, gegliedert in den Kategorien „Financial“, „Consumer“, „Human“ und „Societal Value“. Mithilfe einer solchen Ergebnismatrix lassen sich die Erwartungen der Stakeholder validieren und priorisieren.

3.       Strategische Fähigkeiten

Im Unternehmen wird bestimmt, welche Hebel zur Wertsteigerung für Stakeholder beitragen und welche strategischen Fähigkeiten intern nötig sind, um die priorisierten Erwartungen der  Stakeholder zu generieren.

4.       Kennzahlen

Basierend auf den Stakeholder-Erwartungen und den strategischen Fähigkeiten des Unternehmens werden Kennzahlenstrukturen etabliert. Sie werden auf Belastbarkeit und Vollständigkeit überprüft und weiterentwickelt; intern wird überprüft, ob es belastbare Narrative zu ihrer Vermittlung gibt.

Unternehmen, die jetzt mit solchen Berechnungen und der Kommunikation neuer Zahlen beginnen, haben eine große Chance: Sie können sich als Innovationsführer in der nachhaltigen Unternehmensführung und externen Kommunikation positionieren – vorausgesetzt, das unternehmerische Handeln deckt sich im Hintergrund mit den vordergründig kommunizierten Handlungen.

Je mehr Unternehmen die neuen Formen der Bewertung und Rechnungslegung übernehmen, desto eher wird es zu Standardisierungen kommen. Diese werden mittelfristig über Vorschriften zu Buchhaltung und Bewertung auch wieder in Finanzkennzahlen Einzug halten – am Ende haben Shareholder und Stakeholder Value beide das gemeinsame Ziel, nachhaltig den Bestand des Unternehmens und seiner sinnvollen Rolle in der Gesellschaft zu sichern.

Fazit

Die Shareholder bleiben wichtig, doch längst sind auch andere Interessengruppen mit ihren Erwartungen für den zukünftigen Unternehmenserfolg wichtig. Das Problem: Die aktuelle Unternehmensberichterstattung enthält viele Informationen nicht, die aber für ein umfassendes Bild der Unternehmensentwicklung notwendig sind. Es braucht neue Berichtsformate und Kennzahlen für die Berichterstattung von nichtfinanziellen Unternehmenserfolgen. Modelle wie das Long Term Value Framework helfen, nachhaltige Unternehmensstrategien zu entwickeln, intern umzusetzen und darüber Transparenz für die externen Interessengruppen herzustellen.

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Jan-Menko Grummer

Partner, Leiter Long Term Value Programm, Assurance I Deutschland, Schweiz, Österreich

Beschäftigt sich mit der Transformation der Unternehmensberichterstattung im Bereich langfristiger Anlagestrategien. Ist davon überzeugt, dass nur so ein funktionierender Finanzmarkt möglich ist.