The better the question. The better the answer. The better the world works.

Unternehmen Umwelt - wie eine Millionenmetropole Mobilität neu erfindet

Das Projekt MOVE Hamburg fördert alternative, betriebliche Mobilitätslösungen – für weniger Staus und bessere Luft.

Lastwagen im Stau
(Chapter breaker)
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The better the question.

Wie kann man in einer Großstadt mobil bleiben und dennoch die Umwelt entlasten?

Güter- und Personenverkehr verstopfen Hamburgs Straßen und sorgen für Staus und schlechte Luft.

Die Zahlen sprechen für sich: Der Hamburger Hafen wird pro Jahr von 10.000 Schiffen angelaufen, im Luftraum sind es rund 150.000 Flugbewegungen, dazu kommen 320.000 Pendler aus der Region sowie 50.000 LKW und 750.000 PKW, die in Hamburg gemeldet sind. Die Folgen sind gravierend: Stau, Lärm und schlechte Luft. Im Schnitt steht jeder Hamburger pro Jahr 44 Stunden im Stau. Das kostet nicht nur Zeit, Nerven und Lebensqualität, sondern mit 3,5 Milliarden Euro pro Jahr auch viel Geld.

Im März 2017 hat die Hamburger Behörde für Umwelt und Energie EY daher mit der Konzeption und Umsetzung des Umwelt- bzw. Verkehrsprojekts MOVE Hamburg beauftragt. Das Ziel: den Hamburger Verkehr, der durch Betriebe entsteht, sowie den damit verbundenen Schadstoffausstoß zu reduzieren.

Junges paar auf E-Bikes in Hamburg
(Chapter breaker)
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The better the answer.

MOVE Hamburg fördert Ideen und unternehmerische Eigeninitiative

Fahrräder, E-Bikes und effektiver geplante Fahrten senken Belastungen des Pendel- und Lieferverkehrs.

MOVE Hamburg hat zum Ziel, eine Verbesserung der Lebensqualität ohne striktere Gesetzgebung (Stichwort: Dieselverbot) umzusetzen. Der tragende Gedanke dabei: motivieren statt regulieren. Betriebe und Menschen sollen ihr eigenes Verkehrsverhalten hinterfragen. Parallel dazu unterstützt MOVE Hamburg Unternehmen bei der Vernetzung mit innovativen Mobilitätsanbietern. „Wir agieren als Moderator und agiler Vermittler zwischen den einzelnen Behörden und Institutionen, die sich in Hamburg mit dem Verkehr im weiteren Sinne beschäftigen“, sagt Tobias Merten, Senior Manager Strategy & Future of Mobility bei EY.

Anstatt reine Empfehlungen oder gar Vorschriften – wie in den USA bereits praktiziert[1] – über die Einführung nachhaltiger Mobilitätsmaßnahmen zu machen, geht es darum, die betriebliche Eigenmotivation anzustoßen. Dabei ist klar: Für die Unternehmen sind die wirtschaftlichen Aspekte und die Akzeptanz seitens der Mitarbeiter ebenso wichtig. „Wir helfen Hamburger Unternehmen, nachhaltige und innovative Mobilitätslösungen kennenzulernen und zu testen. Damit schaffen wir Anreize zum Verhaltenswandel durch Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Merten.

Wie geht es voran?

Die konkrete Umsetzung von MOVE Hamburg erfolgt über ein Ankerprojekt, fünf Lotsenprojekte sowie begleitende PR-Maßnahmen und Kooperationen mit Medien. Ein Beispiel dafür ist Steig um!, eine gemeinsame Aktion von MOVE Hamburg, der Umweltbehörde (BUE) und des Hamburger Abendblatts. Die Aktion lud Hamburger ein, drei Monate ohne eigenes Auto auszukommen und im Gegenzug Bus, Bahn, Rad- und Carsharing von E-Autos zu testen. Sieben repräsentative Haushalte, ausgewählt aus über 90 Bewerbungen, bekamen von der BUE monatlich 400 Euro zur freien Verfügung – die gleiche Summe, die ein durchschnittlicher Mittelklassewagen in dieser Zeit kostet. Mit diesem Mobilitätsbudget, unterstützt durch individuelles Mobilitäts-Coaching und Workshops konnten sie den Mobilitäts-Mix in Hamburg testen – und mediale Aufmerksamkeit für das Thema generieren. Das Ergebnis: Vier der Sieben Haushalte wollen ihren PKW ganz abschaffen bzw. haben Ihren PKW bereits abgeschafft und ein Haushalt hat sich dazu entschieden, in Zukunft mit der Nachbarschaft ein Auto zu teilen.

 

Das Ankerprojekt bildet das Fundament des Projektes. Von entschiedener Bedeutung ist ein kontinuierlicher Austausch mit interessierten Unternehmen und eine Kontaktvermittlung zu passenden Mobilitätsanbietern.
Jan-Peter Brüwer
Operativer EY-Projektmanager

Das Ankerprojekt ist Start- und Treffpunkt für alle Unternehmen, die eigene Maßnahmen umsetzen möchten und Fragen haben:

  • Wie lassen sich emissionsarme Mobilitätslösungen in meinem Unternehmen verankern?
  • Was ist der betriebswirtschaftliche Nutzen emissionsarmer Mobilität für mein Unternehmen?
  • Welche Mobilitätsmaßnahmen und Dienstleister kommen für mein Unternehmen in Frage?

“Das Ankerprojekt richtet sich an alle Unternehmen, die an neuen Mobilitätslösungen interessiert sind.”

 

Im Rahmen des Ankerprojekts stellte MOVE Hamburg zusammen mit externen Mobilitätsdienstleistern und interessierten Unternehmen verschiedene Informationsformate zur Verfügung, wie zum Beispiel Fachgespräche, Webinare und Veranstaltungen. Anschließend wurden die Unternehmen durch einzelne Lotsenprojekte begleitet.

  • Das Projekt versucht, Beschäftigte spielerisch zur Nutzung neuer Mobilitätsangebote zu aktivieren. Denn oft scheitern neue Angebote nicht an technischen Fragen, sondern an mangelnder Kenntnis über die verfügbaren Lösungen. Ziel dieses Lotsenprojekts war es daher, Veränderungen des bisherigen Mobilitätsverhaltens durch Information und eigene Erfahrungen anzustoßen. Unternehmen wurden hierzu unter anderem „Gamification“-Lösungen und eine Förderung des Wettbewerbsgedankens vorgestellt.

    Teil dieses Lotsenprojekts war die Aktion „Stadtradeln 2018“: Insgesamt 2.901 Teilnehmerinnen und Teilnehmer legten in 175 Teams, davon 41 Unternehmensteams, knapp 630.000 Kilometer zurück. Das entspricht rechnerisch der Vermeidung des Ausstoßes von rund 89 Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid.

  • Wie wird der tägliche Weg zur Arbeit attraktiver, effizienter und gesünder? In diesem Lotsenprojekt wurden mehrere Möglichkeiten des Pendlerverkehrs betrachtet sowie laufende Initiativen unterschiedlicher Anbieter in dem Bereich gebündelt und – wo möglich – zusammen getestet: von bewährten Pendlerangeboten wie zum Beispiel einer ÖPNV-Karte für Beschäftigte über Mitfahrgelegenheiten und Car sharing bis hin zu Shuttle-Bussen mit bedarfsorientierter Routenführung.

  • Wie können Verkehrsströme von Personen und Waren auf Werksgeländen oder zwischen Standorten optimiert werden? Dieses Lotsenprojekt hat gezeigt, wie der tägliche Waren- oder Personenverkehr von Unternehmen emissionsärmer gestaltet sowie die zurückgelegten Wegstrecken im besten Fall optimiert werden können, etwa durch unternehmenseigene Shuttle-Busse, Elektromobilität oder auch Lastenräder.

    In einer dreimonatigen Testphase kamen die Lastenfahrräder in ausgewählten Anwendungsfällen zum Einsatz. Zum einen nutzte das Finanzamt Hamburg ein Lastenrad für den Transport von gesicherten Dokumenten in der Innenstadt. Zum anderen wurde ein weiteres Lastenrad-Modell zusammen mit der Freiwilligen Feuerwehr Altona getestet, die es für den Transport von Hilfsmitteln zwischen verschiedenen Feuerwachen eingesetzt hat.

  • Kleintransporter liefern Waren just-in-time an Gewerbetreibende und bringen Online-Bestellungen innerhalb von 24 Stunden an die Haustür. Sie verursachen damit bis zu 80 Prozent der innerstädtischen Staus und tragen – da meist dieselbetrieben – erheblich zu den verkehrsbedingten Stickstoffoxid-Emissionen bei.

    Im Rahmen dieses Lotsenprojekts hat MOVE Hamburg innovative Konzepte für den Einsatz von Elektrofahrzeugen, Lastenrädern und E-Scootern für die sogenannte letzte Meile entwickelt. Am Markt werden inzwischen Fahrzeuge für unterschiedlichste Einsatzzwecke angeboten, auch für Lasten bis zu 600 Kilogramm. Im Stadtgebiet bringen sie Waren emissionsfrei, flexibel und häufig schneller ans Ziel als konventionelle Lieferfahrzeuge und helfen so, die Luft- und Lebensqualität in der Stadt zu verbessern. 

  • Wie können Fahrten und Transporte zum Kunden kostengünstiger und zeitsparender werden? Dieses Lotsenprojekt hat durch Förderung des Erfahrungsaustauschs und praktische Tests gezeigt, welche neuen Lösungen Kundenfahrten effizienter machen und dabei gleichzeitig helfen sollen, Emissionen zu reduzieren.

    Ein besonderer Fokus lag auf der Handwerksbranche. In ausgewählten Betrieben wurden Elektrofahrzeuge und Lastenfahrräder eingesetzt. Ein öffentlicher Workshop zum Thema „E-Mobilität im Handwerk“, unternehmensspezifische Workshops sowie eine Informationssammlung zu Fördermitteln für den Start in die Elektromobilität ergänzten das Projekt. Zudem wurde der E-Scooter Tripl für drei Monate im operativen Einsatz getestet. Er wurde für die Wartung der B+R-Stationen (Bike+Ride) auf einer festen innerstädtischen Route eingesetzt.

MOVE Hamburg setzt sich aus mehreren Einzelprojekten zusammen.

Projektbüro Hafen City

Das Projektbüro (PMO) in der Hamburger HafenCity ist für die Konzeption und Umsetzung von MOVE Hamburg verantwortlich.

Zusätzlich lautete der Auftrag an EY, das Hamburger Luftgüte-Netzwerk weiter auszubauen. Die „Partnerschaft für Luftgüte und schadstoffarme Mobilität“ ist eine gemeinsame Initiative der Freien und Hansestadt Hamburg und der Hamburger Wirtschaft. Ihr Ziel: einen Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität zu leisten. Im Zuge des MOVE Projektes konnten insgesamt 13 neue Luftgütepartner mit ca. 30.000 Mitarbeitern für die Stadt Hamburg gewonnen werden.

Herausforderungen bei der Umsetzung

Das Netzwerk von MOVE Hamburg ist schnell gewachsen. Stand zum Ende des Projekts im Frühjahr 2019: 304 teilnehmende Unternehmen, 96 aktivierte Dienstleister und 51 Netzwerkpartner, wie Behörden, Verbände, Vereine und Medien.

Allerdings war MOVE Hamburg kein Schnellschuss. Es vergeht viel Zeit, bis ein derartiges Projekt nachhaltig in der Bevölkerung und bei den Unternehmen verankert ist – selbst, wenn alle an einem Strang ziehen. „Es liegt auch daran, dass betriebliche Mobilität viele Unternehmensprozesse, Abteilungen und unterschiedliche Entscheider betrifft“, sagt Jan-Peter Brüwer, operativer EY-Projektmanager. Mobilitätsmanagement ist in Unternehmen immer noch ein Stiefkind, für das selten Mitarbeiter abgestellt werden.

Hamburger Hafen von oben
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The better the world works.

Erste Erfolge als Vorbild für andere Städte

MOVE Hamburg zieht die nationale und internationale Aufmerksamkeit auf sich.

„Wir sind als Projekt gestartet und wurden zu einer Initiative“, berichtet Tobias Merten. Immer mehr Hamburger Unternehmen erkennen das Potential betrieblichen Mobilitätsmanagements: Es ist nicht nur gut für Mensch und Umwelt sondern schafft auch einen zusätzlichen Standortvorteil und macht Arbeitgeber sowie Kommune attraktiver. Dazu beigetragen hat der Erfahrungsaustausch mit etablierten Dienstleistern sowie Start-ups.

„Verkehr und Digitalisierung stellt Städte vor große Herausforderungen“, sagt Thomas Losse-Müller, Partner Government & Public Sector bei EY. „Eine Plattform wie MOVE vereint und aktiviert die einzelnen Akteure des Mobilitäts-Ökosystems, unterstützt die Verkehrsentwicklungsplanung einer Stadt und schafft innovative Lösungen und Perspektiven zur Kompetenzbündelung und innerhalb behördlicher Strukturen.“ Behörden und Ämter haben erkannt, wie wichtig eine neutrale Instanz ist, welche die einzelnen Aktivitäten im Umfeld der Mobilität zusammenbringt, transparent darstellt und notwendige Entscheidungen schnell auf den Weg bringen kann.

Langfristige Verankerung auf den Weg gebracht

All das macht Schule – inzwischen interessieren sich weitere Städte und Länder für das Hamburger Mobilitätskonzept. „Konkret haben sich Bremen, Hannover, Stuttgart, das Bundesland Nordrhein-Westfalen, die Stadt Wien und sogar Dubai informiert“, sagt Projektleiter Merten. „Und wir arbeiten eng mit den verantwortlichen Organisatoren des ITS World Congress 2021 zum Thema Intelligente Verkehrssysteme und Services in Hamburg zusammen.“

MOVE Hamburg lebt durch und für alle Bewohner der Hansestadt. Je mehr Betriebe und Mitarbeiter sich der Initiative anschließen, desto schneller und effizienter werden Stau- und Schadstoffbelastung reduziert. Eine mögliche langfristige Verankerung des Projekts in der Stadt haben die Beteiligten gemeinsam beschlossen: In Hamburg soll eine Art Mobilitätsagentur beziehungsweise Stabsstelle eingeführt werden. Diese wird vom Senat gestützt und im Koalitionsvertrag verstetigt (Bündnis für Mobilität), um die Themen rund um Mobilität und die Beteiligung von Einwohnern und Unternehmen in Entscheidungsprozessen zu bündeln. Ein wichtiger Schritt zur praktischen Umsetzung der Verkehrswende. MOVE Hamburg ist auf dem Weg, dauerhaft etwas zu bewegen – und so die Lebensqualität aller Hamburger zu verbessern.